Fußball

Mal schlampig, mal genial bei Real Tuchels BVB beflügelt die Fantasie

Die Fußballer der Dortmunder Borussia zeigen beim ereignisreichen Remis bei Real Madrid, wozu dieses hochbegabte Team fähig ist - und was ihm noch fehlt. Nach dem Torrekord wissen sie beim BVB genau, woran sie zu arbeiten haben.

Thomas Tuchel hatte ein Dauerlächeln aufgelegt, das erahnen ließ, wie viel ihm das alles bedeutete. Dortmunds Trainer betont ja gerne, wie unerfahren seine Mannschaft sei und wie viel sie noch zu lernen habe. Alles richtig, aber dabei wird zu oftmals vergessen, dass der Schwabe ja selbst noch ein Novize ist, der den großen Fußball in Europa zum ersten Mal als Protagonist erlebt. Gastspiele in einer Kathedrale wie dem Estadio Santiago Bernabéu sind für den 43-Jährigen genauso eine Premiere wie für den Großteil seiner ebenso jungen wie entwicklungsfähigen Mannschaft. Die ganz große Bühne ist noch längst kein Alltag, da darf man schon mal mit großen Augen und staunendem Blick herumlaufen. Alles aufsaugen und den Augenblick genießen.

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"Wir haben unser Ding durchgezogen": Thomas Tuchel.

(Foto: imago/MIS)

Vor allem, wenn sich die Dinge so großartig fügen, wie am Mittwochabend, der beim Rekordsieger des Landesmeisterwettbewerbs mit einem mehr als achtbaren 2:2 und einem krachenden Schlussakkord endete. "Es fühlt sich absolut top an", sagte Tuchel, als er nach dem Abpfiff von Kamera zu Kamera gereicht wurde: "Das ist alles andere als selbstverständlich. Nach dem 0:2 auswärts in Madrid haben wir uns nicht hängen lassen. Wir haben unser Ding durchgezogen und uns ins Spiel reingefressen. In den 90 Minuten haben wir eine tolle Entwicklung genommen." Er sei auch deshalb überglücklich, "weil sich dieses Ergebnis verdient anfühlt".

Tuchel uns seine Mannschaft haben in der Vorrunde der diesjährigen Champions League einen Crash Test abgeliefert, der an Spektakel nichts zu wünschen übrig ließ. Allein die Zahlen belegen, wie wuchtig das Auftreten einer Mannschaft ist, die immer noch am Anfang ihrer Entwicklung steht, wie Entscheidungsträger wie Tuchel, Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke immer wieder betonen. Vier Siege und zwei Unentschieden gegen das Schwergewicht Real Madrid brachten den Gruppensieg. Doch viel mehr werden die 21 Tore in sechs Partien in Erinnerung bleiben. Häufiger hat in der Gruppenphase bislang noch kein Verein getroffen, der bisherige Rekord von Manchester United aus der Saison 1998/1999, dem FC Barcelona (2011/2012 sowie 2016/2017) und Real Madrid (2013/2014) ist Vergangenheit.

Grenzen scheint es nicht zu geben

"So viele Tore musst du erst in der Champions League einmal schießen", sagte Stürmer Marco Reus, der beim BVB mit seinem späten Treffer für beste Laune sorgte. Beim achtfachen Deutschen Meister mochte sich niemand die Feierstimmung verderben lassen, auch wenn die Protagonisten des Abends den Blick vor den vielen Unzulänglichkeiten nicht verschließen mochten: "Wenn wir in diesem Wettbewerb weit kommen wollen", so Reus, "müssen wir es in erster Linie schaffen, besser zu verteidigen."

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"So viele Tore musst du erst einmal schießen": Marco Reus.

(Foto: imago/DeFodi)

Borussia Dortmund im Herbst dieses Jahres, das ist eine Mannschaft, die viele Emotionen freisetzt. Sowohl das 2:2 im Hinspiel gegen Real Madrid als auch das ereignisreiche Remis im zweiten Kräftemessen beim erfolgreichsten Klub Europas beflügeln die Fantasie. Grenzen scheint es nicht zu geben mit dieser Ansammlung an Ausnahmetalenten. Wenn Hochgeschwindigkeits-Fußballer wie Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé, Christian Pulisic und Reus ihr volles Potential auf den Rasen bringen, ohne sich durch Schludrigkeiten selbst zu limitieren, dann kann der BVB nach den Sternen greifen.

Doch das ungeheure Offensivpotenzial ist nur die halbe Wahrheit. Die andere lautet, dass sich Borussia Dortmund mit vielen Unzulänglichkeiten in der Defensive und einer schlampigen Spieleröffnung häufig genug selbst im Weg steht. Selten genug hat eine Mannschaft in Bernabéu streckenweise so dominant agiert und mehr Ballbesitz gehabt als der so erfolgsverwöhnte Gegner. Und doch musste der BVB am Ende froh sein, dem Favoriten durch den Lucky Punch von Reus am Ende noch ein Remis abzutrotzen.

"Toll, aber auch nervenaufreibend"

Haarsträubende Fehler und mitreißende Sequenzen stehen bei dieser Mannschaft im steten Wechsel. Wer dieses Ensemble agieren sieht, entwickelt ein gewisses Verständnis, warum der ehrgeizige Übungsleiter Thomas Tuchel immer wieder an die Grenzen seiner Geduld gelangt. Weil er die riesigen Möglichkeiten dieser Mannschaft tagein, tagaus vor Augen hat, um sich dann ob der dilettantischen Fehlern die Haare zu raufen. "Es stimmt, dass mit dieser Mannschaft immer was los ist", weiß Tuchel: "Das ist toll, aber auch nervenaufreibend."

Es ist nun am Trainers, dem Team beizubringen, diese Spielfreude, das Tempo und den Esprit zu optimieren und dabei die Fehler in der Rückwärtsbewegung zu reduzieren. Die 90 Minuten von Madrid zeigten exemplarisch, wie weit die Borussia auf ihrem Weg schon ist - und wie viel noch fehlt. Bis zum 0:2 "haben wir durch einfache Fehler unser Gefühl für das Spiel verloren", sagte Tuchel. Und betonte dann, wie besonders es sich anfühle, "nach solch einem Rückstand so zurückzukommen. Und das auch noch vollkommen verdient".

Beim BVB wissen sie ziemlich genau, woran sie arbeiten müssen, damit die Abenteuerreise durch Europa noch ein bisschen weitergeht. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir 90 Minuten stark spielen, nicht nur 60", sagt Abwehrchef Sokratis. Und Torhüter Roman Weidenfeller, der im Spätherbst seiner Karriere eine beeindruckende Vorstellung ablieferte, ergänzte: "Wir wissen dass wir vieles verbessern müssen." Um dann ein für einen 36-Jährigen erstaunliches Fazit zu ziehen: "Wir sind noch jung genug, um das zu schaffen."

Quelle: ntv.de