Fußball

Stilvollen Abschied verweigert Weltmeister tritt gegen den FC Bayern nach

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Frustrierter Weltmeister: Corentin Tolisso.

(Foto: imago images/Schiffmann)

Fünf Jahre lang versucht sich Corentin Tolisso beim FC Bayern durchzusetzen. Doch über gute Ansätze und wenige sehr gute Spiele kommt der französische Weltmeister nicht hinaus. Auch, weil er fast immer verletzt ist. Nun trennen sich die Wege - auf unschöne Art.

Der FC Bayern plant seine Zukunft ohne Corentin Tolisso. Eine Überraschung ist das nicht. Denn der Mann, der im Sommer 2017 mit 41,5 Millionen Euro der zu dem Zeitpunkt teuerste Einkauf der Ligageschichte war, wurde in München nie das, was er hätte werden sollen. Nämlich ein dynamischer und torgefährlicher Antreiber. Die Zeit des 27-Jährigen ist vorbei. Und anders als bei Robert Lewandowski, der am Montag ebenfalls bekannt hatte, dass das "Kapitel FC Bayern" für ihn beendet sei (der Klub sieht das freilich ganz anders), wäre Tolisso offenbar gerne an der Säbener Straße geblieben. Die Türen wurden ihm aber zugeschlagen, auf unschöne Art. Wie er behauptet.

Gegenüber der französischen Sportzeitung "L'Equipe" wundert sich der Mittelfeldspieler über die Weise, wie die hohen Herren um Sportvorstand Hasan Salihamidžić und Boss Oliver Kahn mit dem auslaufenden Vertrag umgegangen sind. Auch diese Geschichte dreht sich um die derzeit höchst sensiblen Themen beim Rekordmeister. Sie dreht sich um Geld, um Wertschätzung (laut Uli Hoeneß läuft die nur noch in Euro) und um Kommunikation. "Ich hatte seit drei Wochen nichts vom Verein gehört. Ich habe meinem Berater gesagt, er soll anrufen - und da war die Entscheidung schon gefallen", bekannte der frustrierte Weltmeister von 2018 und erklärte, warum er vor dem letzten Heimspiel gegen den VfB Stuttgart nicht verabschiedet worden war. Er kannte die Entscheidung des Vereins zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Hoeneß zündelt, um zu helfen

Was ist nur los in München? So viel Unruhe und Wut im Kader war selten. Und die aktuelle Situation lässt die neue Klubführung nicht gut dastehen. Sie lässt sie sogar so schlecht dastehen, dass der ewige Patriarch Hoeneß sein Wort brach und sich doch wieder in die Belange einmischte. Er polterte und zündete kleine Feuer. Wie er es immer getan hatte, wenn es darum ging, seinen Klub zu schützen, die Kommunikationshoheit zu behaupten oder zurückzuerobern. Hoeneß hat die Gabe, ob man es mag oder nicht, das Interesse der Öffentlichkeit mit einem Satz auf sich zu saugen. Er beherrscht das Spiel der ablenkenden Manöver - wie kein Funktionär vor und auch kein Funktionär nach ihm. Eben auch seine Nachfolger an der Spitze des Rekordmeisters (noch) nicht.

Niklas Süle verlässt den Verein ohne Ablöse und wechselt zum Rivalen Borussia Dortmund. Laut Hoeneß nur eine Sache des Geldes, aber wenn man auf die Zeit des Hünen in München zurückblickt, dann gibt's auch eine andere Lesart. Immer wieder gab es Zweifel daran, ob Süle ein FC-Bayern-Spieler sein kann. Immer wieder gab es Zweifel an seiner Einstellung, Ernährung ist das Stichwort. Es waren Zweifel, die auch öffentlich formuliert wurden.

War Tolisso zu gierig?

Ob Lewandowski den Meister verlassen wird, das ist noch unklar. Die polnische Tor-Garantie lässt indes gar nichts unversucht, um in diesem Sommer irgendwie aus seinem Vertrag herauszukommen. Mal spielen er und sein Berater Pini Zahavi die Herzenskarte aus, sprechen davon, dass der Stürmer doch den großen Traum habe, zu Real Madrid, Pardon, zum FC Barcelona zu wechseln, mal gehen sie mit dem Wertschätzungsthema All-in. Und immer wieder verzwergt sich die gigantische Debatte auf die Rolle des Klubs, auf die Rolle der Bosse, die durch die Klagen der Spielerseite einfach nicht gut dastehen. Bei Lewandowski schwingt ja immer noch das Thema mit, dass der Klub die Gespräche über die Zukunft hat schleifen lassen, weil sie im Hintergrund davon träumten, Erling Haaland verpflichten zu können.

Tolisso ist nun nach Champions-League-Sieger David Alaba, nach dem ikonischen Wadlbeißer Javi Martinez, nach Weltmeister Jérôme Boateng und nach Süle bereits der fünfte ablösefreie Abgang in nur einem Jahr. Zum Ende der kommenden Saison droht bereits der nächste: Nationalspieler Serge Gnabry soll seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollen. Auch hier geht es, man ahnt es, um Wertschätzung. Die will er offenbar bei Real Madrid suchen und finden. Und sollte Sadio Mané, der Königstransfer, der den ganzen Klub beseelt, tatsächlich vom FC Liverpool nach München wechseln, dann könnte Gnabry vielleicht schon jetzt zu den Königlichen abmarschieren.

Bei Tolisso, der nun eben nachgetreten hat, gehört allerdings offenbar noch eine andere Seite zur Medaille. Eine, die den Spieler dann eben auch eher undankbar erscheinen lässt. Er soll sich für die Zusammenarbeit über diesen Sommer hinaus ein deutlich angepasstes Gehalt von rund elf Millionen gewünscht haben. Aktuell soll er laut "Bild"-Zeitung eher zwischen sechs und sieben Millionen Euro bekommen. Angesichts der Verletzungshistorie, angesichts der ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie und angesichts der Geduld des Klubs mit dem fast Dauerverletzten wirkt diese Forderung schon reichlich seltsam. Die Münchner waren offenbar nur bereit, ihm ein Gnaden-Angebot (so die "Bild") zu machen.

Was für eine irrsinnige Krankenakte

In fünf Jahren beim Rekordmeister war er laut seiner Krankenakte bei transfermarkt.de aufgrund zahlreicher kleinerer und schwerer Verletzungen an 545 Tagen nicht dienstfähig. Eingerechnet sind dabei auch nicht jene Tage, an denen er seinen Trainingsrückstand aufarbeitete und Form aufbaute. In München wäre er, wenn er denn hätte bleiben können, ohnehin nur ein Rotationsspieler gewesen. Auf seiner Position zwischen Sechs und Acht sind Joshua Kimmich und Leon Goretzka gesetzt. Außerdem drängt mit Jamal Musiala eines der größten deutschen Talente unnachgiebig ins Team und mit Ryan Gravenberch scheint ein weiteres Top-Talent für das Mittelfeld-Zentrum kurz davor zu sein, beim FC Bayern zu unterschreiben.

Tolisso geht, mit 118 Pflichtspieleinsätzen im Nachweisheft. Er erzielte 21 Tore und bereitete 15 vor. Eine gute Bilanz, die allerdings auch immer wieder von haarsträubenden Fehler getrübt wurde. Etwa in der Saison 2019/20, die nach einem schwachen Start unter Trainer Niko Kovac mit dem Triple unter dessen Nachfolger Hansi Flick endete. Beim aberwitzigen 7:2 gegen Tottenham Hotspur in der Gruppenphase der Champions League (nicht relevant) und - spielentscheidend - beim 1:2 gegen Hoffenheim verursachten seine wilden Patzer jeweils Gegentore.

Die Münchner verabschiedeten ihren traurigen Franzosen mit wenigen Worten der Dankbarkeit: "Er hat sich auch in schwierigen Phasen nie aus der Bahn werfen lassen und immer alles für den FC Bayern gegeben. Wir wünschen ihm auf seinem weiteren Weg viel Erfolg", sagte Salihamidzic. Tolisso bedankte sich in der offiziellen Mitteilung für "fünf schöne Jahre, die mir sportlich und persönlich so viel gegeben haben". Nunja.

Quelle: ntv.de

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