Fußball

DFB-Elf in der Einzelkritik Wenn Boateng und Rüdiger Slapstick tanzen

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Süle ersetzt Boateng - stärker machte das die Defensive der DFB-Elf nicht.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Klar, das war so dolle nicht. Doch Bundestrainer Löw gibt sich auch nach der Niederlage der deutschen Fußballer gegen Brasilien betont gelassen. Zufrieden ist er allerdings nicht. Und einem jungen Spieler gibt er verbal einen mit.

Toni Kroos war es, der hinterher das sagte, was mutmaßlich viele der 72.717 Zuschauer im ausverkauften Berliner Olympiastadion beim 0:1 (0:1) der deutschen Fußball-Nationalelf  gegen Brasilien an diesem Dienstagabend geahnt hatten: "Wir haben gesehen, dass wir nicht so gut sind, wie wir gemacht werden und wie es einige Spieler glauben." Das ist doch, 79 Tage vor dem Beginn der Weltmeisterschaft in Russland, mal eine deutliche Ansage. In der Tat war die Darbietung der im Gegensatz zum 1:1 gegen Spanien vier Tage zuvor auf sieben Positionen veränderten DFB-Elf nicht dazu angetan, in hemmungslose Titel-Euphorie zu verfallen. Es war allerdings auch nur ein Test.

Und so war ein experimentierfreudiger Bundestrainer Joachim Löw zwar nicht gerade sehr erfreut und sagte das auch: "Das war irgendwie nicht unser Tag heute." Zu viel habe nicht gestimmt. Andererseits bemühte er sich sehr, nicht den Eindruck zu erwecken, als sei das nun ein herber Rückschlag. "Ich weiß, wozu die Mannschaft fähig ist. Ich weiß, was wir können. Da mache ich mir keine Sorgen, nur weil wir 1:0 gegen Brasilien verloren haben." Jetzt ist erst einmal Ruhe im Karton, der nächste Termin ist der 15. Mai. Dann will Löw im Dortmunder Fußballmuseum bekannt geben, wen er mit zur WM nehmen will. In diesem Sinne - die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

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Kevin Trapp darf auf die WM-Teilnahme hoffen.

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Kevin Trapp: Gegen Frankreich in Köln hatte der 27 Jahre alte Tormann von Paris Saint- Germain Mitte November beim 2:2 einen sehr guten Eindruck hinterlassen, nachdem er sein Debüt Anfang Juni 2017 beim 1:1 in Kopenhagen gegen Dänemark gegeben hatte. Nun gönnte ihm der Bundestrainer wie angekündigt ein drittes Länderspiel. Aber auch wenn Trapp in der 38. Minute beim Gegentor durch Gabriel Jesus zwar etwas unglücklich aussah, gegen den wuchtigen Kopfball aus drei Metern war er machtlos. Insgesamt erledigte er seinen Job ordentlich und damit bleibt Trapp derjenige, der sich mit dem Kollegen Bernd Leno um das dritte Ticket für die WM streitet - hinter Marc-André ter Stegen und immer vorausgesetzt, Manuel Neuer wird, wie Löw suggeriert, rechtzeitig fit. Der Kapitän des FC Bayern tat am Tag des Spiels und seines 32. Geburtstages auffallend offensiv kund, dass er erstmals nach seinem Fußbruch wieder gejoggt ist. Ansonsten war es wohl dem Rückstand zur Pause geschuldet, dass Löw nicht wie angekündigt in der zweiten Halbzeit den Leverkusener Leno brachte, sondern Trapp durchspielen ließ. Der hatte dann in der 55. Minute seine stärkste Szene, als er einen Schuss von Paulinho erstklassig parierte. Nicht so stark war er, wenn er den Ball mit dem Fuß spielen musste, gleich viermal gelang ihm das nicht besonders gut.

Joshua Kimmich: Testen hin, ausprobieren her - der 23 Jahre alte Außenverteidiger des FC Bayern spielt immer und war einer von vier Akteuren, die auch gegen Spanien in der Startelf standen. Das liegt ein bisschen daran, dass der Bundestrainer niemanden im Kader hat, den er anstatt seiner mit gutem Gewissen am rechten Ende der Viererkette ins Rennen schicken könnte. Die Frage stellt sich also gar nicht. Und so machte Kimmich in seinem 27. Länderspiel das, was er eigentlich immer macht: Er wagte einige offensive, engagierte Vorstöße, ohne dabei im Olympiastadion Entscheidendes zu bewirken. Defensiv war alles in Ordnung, seinen Gegenspieler Philippe Coutinho vom FC Barcelona hatte er zwar nicht vollkommen im Griff, aber - mit Abstrichen - einigermaßen unter Kontrolle. Nach 35 Minuten hätte er beim Stand von 0:0 beinahe sein viertes Länderspieltor erzielt, doch sein Kopfball aus kurze Distanz nach einer Flanke Kevin Plattenhardts ging knapp am Tor der Seleção vorbei.

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Boateng ist Löws verlängerter Arm auf dem Rasen.

(Foto: picture alliance / Soeren Stache)

Jérôme Boateng: Er habe, hatte der gebürtige Berliner vor der Partie gesagt, schon als Kind davon geträumt, im Olympiastadion gegen Brasilien zu spielen. Bitteschön! In seinem 70. Länderspiel agierte der 29 Jahre alte Innenverteidiger zur Feier des Abends zum ersten Mal als Kapitän. Seine Aufgabe als Abwehrchef versah er allerdings nicht ganz so souverän wie gewohnt. Zwar zeichnet es ihn nach wie vor aus, dass er meist schon dort steht, wo der Ball dann erst hinkommt, aber so richtig chefig wie noch gegen Spanien kam er nicht rüber. Ob ihm der Kollege Mats Hummels gefehlt hat? Fünf Minuten nach der Pause musste er sich nach einem Zweikampf mit Torschütze Jesus behandeln lassen, in der 68. Minute war dann Schluss. Für Boateng kam der 22 Jahre alte Niklas Süle, ebenfalls beim FC Bayern angestellt, in die Partie und zu seinem neunten Spiel für die DFB-Elf. Der startete neun Minuten später seine auffälligste Aktion, als er seinen ehemaligen Vereinskollegen Douglas Costa humorlos abgrätschte, nachdem der mit dem Ball am Fuß über den halben Platz gelaufen war.

Antonio Rüdiger: Weil der Bundestrainer dem Münchner Hummels eine Pause gönnte, durfte der 25 Jahre alte Abwehrspieler des FC Chelsea in seinem 23. Länderspiel neben Boateng in der Innenverteidigung sein Glück versuchen. Dabei zeigte sich, dass Hummels dann doch wieder spielen wird, wenn es ernst wird. Rüdiger trat zwar gewohnt zweikampfstark und robust auf - und in der 55. Minute blockte er prima einen Schuss Willians ab - das war die Szene, in der Trapp so famos den Nachschuss von Paulinho abwehrte. Aber das Aufbauspiel ist Rüdigers Sache - noch - nicht, zweimal spielte er den Ball gar zum Gegner. Und in der 37. Minute ließ er sich im Verbund mit Boateng von Jesus so schön ausspielen, dass beide Innenverteidiger am Ende slapstickmäßig auf dem Rasen lagen - der brasilianische Angreifer von Manchester City den Ball aber zu ihrem Glück weit über das Tor drosch.

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Marvin Plattenhardt: kämpferisch im "Heimspiel".

(Foto: picture alliance / Jan Woitas/dp)

Marvin Plattenhardt: Eingeleitet hatte jene Szene der 26 Jahre alte Linksverteidiger der Berliner Hertha, indem er den Ball in der gegnerischen Hälfte verlor. Und vor dem Tor der Brasilianer schien er nicht ganz auf der Höhe, er ließ sich von Willian ausspielen und den Rechtsaußen vom FC Chelsea flanken - in der Mitte stand dann Jesus, wo Rüdiger fehlte, weil er sich an der Seitenlinie behandeln lassen musste. Ansonsten machte Plattenhardt seine Sache in seinem sechsten Länderspiel als Ersatz für den Kölner Jonas Hector durchaus sehr ordentlich, auch wenn er mitunter etwas übereifrig und hektisch wirkte. Seine Chancen auf eine Fahrkarte zur WM dürfte das kaum geschmälert haben - die Konkurrenz auf der Problemposition der deutschen Mannschaft ist überschaubar. Und, Obacht, flanken kann er: In der ersten Halbzeit gleich zweimal sehr schön auf Mario Gomez.

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Toni Kroos ist und bleibt Mastermind des deutschen Spiels.

(Foto: picture alliance / Soeren Stache)

Toni Kroos: Vielleicht sind Freundschaftsspiele nicht so sein Ding. Bei einem, der nicht nur zuletzt mit Real Madrid zweimal hintereinander die Champions League gewonnen hat, sondern mit seinen 28 Jahren auch zu den Unantastbaren in der Löw'schen Auswahl gehört, vielleicht auch nicht wirklich verwunderlich. In seinem 82. Länderspiel spulte er sein auch an nicht ganz so guten Abenden beeindruckendes Passpensum runter, ohne dass ihm dabei das entscheidende Zuspiel gelang. Und defensiv arbeitete er ordentlich mit, weil ja eigentlich Ilkay Gündogan als zweiter Teil der Doppelsechs den offensiveren Part innehatte. Vor den Mikrofonen des ZDF lieferte Kroos dann aber und sprach: "Wir haben uns viel zu leicht abkochen lassen. Dabei standen heute einige Spieler auf dem Platz, die sich zeigen konnten, das haben sie aber nicht getan. Das ist ärgerlich. Wir haben noch viel Luft nach oben."

İlkay Gündoğan: Er rückte für Sami Khedira in die Startelf und an die Seite von Kroos. Das war für den lange und oft von Verletzungen geplagten Mittelfeldspieler von Manchester City durchaus eine Chance, mit seinen 27 Jahren im erst 24. Länderspiel zu zeigen, was er alles kann. Das klappte dann nicht ganz so wie er und der Bundestrainer sich das gedacht hatten. Zwar kurbelte er nach einer guten Viertelstunde elegant den wohl besten Angriff seiner Mannschaft an, als der den Ball zu seinem Klubkollegen Leroy Sané hinaus auf den linken Flügel spielte. Doch nachdem der weiter zu Julian Draxler gepasst hatte, der wiederum die Kugel nach innen in den Strafraum spielte, war es Gündoğan himself, der die Chance zur Führung vergab. Und insgesamt wirkte er nicht so dynamisch und inspirierend, wie er es kann, wenn er einen besseren Tag hat: "Es war bei uns ein bisschen Licht, aber auch sehr viel Schatten. Heute wurde uns aufgezeigt, dass es noch eine Menge zu verbessern gibt. Ich selbst kann es auch deutlich besser machen. Zum Glück haben wir noch etwas Zeit." Da wird es ihn getröstet haben, dass Löw über ihn sagte: "Er hat lange nicht mehr bei uns gespielt. Deshalb gab es am Anfang drei, vier Unsicherheiten, die er normalerweise nicht zeigt." Aber im Training habe Gündoğan gezeigt, "dass er ein Weltklassespieler ist". Ach ja: Neun Minuten vor dem Ende der Partie kam der 21 Jahre alte Leipziger Angreifer Timo Werner noch rein und zu seinem zwölften Länderspiel.

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Deutschland bedankt sich bei den Fans, das Spiel gegen Brasilien war ausverkauft.

(Foto: picture alliance / Christian Cha)

Leon Goretzka: Im Zuge der teaminternen Umbauarbeiten kam der 23 Jahre alte Bochumer in Diensten des FC Schalke 04 in seinem 14. Länderspiel als eine Art Rechtsaußen zum Zug. Also auf der Position, auf der normalerweise der an diesem Abend geschonte Thomas Müller vom FC Bayern seinen Stammplatz sicher hat. Und Goretzka machte es eigentlich ganz gut, auch wenn er wohl lieber etwas zentraler spielt. Aber schnell, dynamisch und technisch gut ist der Angestellte des FC Bayern in spe ja, wenn auch nach einigen kleineren Verletzungen noch nicht wieder ganz so gut in Form wie im vergangenen Sommer beim Gewinn des Confed Cups. Es scheint nicht so ganz klar, welche Rolle er in der Nationalmannschaft einnehmen soll. Deshalb gilt er als Wackelkandidat. Vielleicht macht gerade das ihn wertvoll für die WM. Stichwort: vielseitig einsetzbar. Nach einer Stunde nahm Löw ihn raus, es kam der 21 Jahre alte Julian Brandt von Bayer 04 Leverkusen. In seinem 14. Länderspiel wirkte er auf das wenig durchschlagkräftige Offensivspiel der DFB-Elf durchaus erfrischend, auch wenn es letztlich bei der ersten Niederlage seit dem Halbfinale bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich gegen die Gastgeber blieb. Der Trainer wird ihn dennoch auf dem Zettel haben.

Julian Draxler: Weil Mesut Özil nach dem Remis gegen Spanien flugs wieder nach Hause flog und so das Spiel vielleicht in London vor dem Fernseher verfolgte, durfte der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler von Paris Saint-Germain in seinem 42. Länderspiel zumindest am Anfang statt auf der linken Seite auf zentraler Position ran. Und beinahe hätte Draxler in der Nachspielzeit noch den Ausgleich erzielt, doch Brasiliens Torhüter Alisson wehrte seinen gewaltigen Schuss von der Strafraumgrenze bravourös ab. Auch sonst war der ehemalige Schalker und Wolfsburger noch eher einer der besseren seiner Mannschaft, was an diesem Abend allerdings nicht bedeutete, dass er richtig gut war. Um seinen Sommeraufenthalt in Russland muss sich der Kapitän der Confed-Cup-Combo keine Sorgen machen.

Leroy Sané: Auf der britischen Insel erzählen sie sich wahre Wunderdinge über den 22 Jahre alten Außenstürmer von Manchester City. Nun durfte er von Beginn an auf der linken Seite spielen - und drängte sich in seinem elften Länderspiel nicht gerade auf. Der geneigte Zuschauer konnte zwar erahnen, dass so manch gute Spielidee in ihm schlummert. Aber gezeigt hat er es halt nicht, oder nur selten. Dennoch wird er nicht zuletzt wegen seiner Dribbelstärke auf Höchstgeschwindigkeitsniveau die WM als Mitglied des deutschen Kaders erleben. Jemandem mit einem solchen Alleinstellungsmerkmal lässt Löw nicht zu Hause. Und doch gab der Bundestrainer dem so hochgelobten Jungstar nach der Partie verbal noch einen mit: "Die Nationalmannschaft ist dann vom Druck her doch noch mal was anderes." Und mit dieser Situation sei Sané halt noch nicht ganz so gut zurechtgekommen. "Vielleicht schießt er nicht ganz so schnell in die Höhe, wie manche denken." Nach einer Stunde musste der ehemalige Schalker raus und der sieben Jahre ältere Lars Stindl von der Gladbacher Borussia kam zu seinem elften Länderspieleinsatz.

Mario Gomez: Zweimal wuchtete sich der 32 Jahre alte Angreifer des VfB Stuttgart in die Flanken des Kollegen Plattenhardt, am Einsatzwillen hat's in seinem 73. Länderspiel auch sonst nicht gemangelt. Nur mit seinem 32. Treffer für die deutsche Nationalmannschaft hat es nicht geklappt. Was auch daran lag, dass er eine richtig gute Torchance nicht bekam und sie sich auch nicht erspielte - zumal er sich auffallend oft im Abseits wiederfand. Nach 62 Minuten war Schluss, für ihn kam der 30 Jahre alte Sandro Wagner vom FC Bayern. Er hat nun acht Länderspiele und zwei vergebliche Versuche mehr auf dem Konto, mit dem Kopf ein Tor zu erzielen. Klar, es sind drei unterschiedliche Typen von Angreifern. Aber sagen wir es so: Der Gewinner des Abends heißt wieder einmal Timo Werner. Wer ihn mit nach Russland begleitet, das wissen wir dann am 15. Mai.

Quelle: ntv.de