Fußball

Einfach mal Hrubesch anrufen Wer räumt nach Grindel auf beim DFB?

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"Für mich sitzen Rentner draußen auf der Bank und wissen nichts mit sich anzufangen": Horst Hrubesch.

(Foto: imago/MIS)

Reinhard Grindel ist weg, jetzt sucht der DFB einen neuen Präsidenten. Oder eine Präsidentin. Und, wer macht's? Die Liste der Kandidaten ist lang und reicht von Philipp Lahm und Oliver Bierhoff über Rudi Völler und Matthias Sammer bis zu Christian Seifert und Silvia Neid. Auf geht's!

Für den Deutschen Fußball-Bund ist es eine unangenehme Zeitreise. Wie schon im November 2015 müssen die beiden Vizepräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch den größten Sportfachverband der Welt als Interims-Doppelspitze aus der Krise führen. Damals stand der DFB durch den Skandal um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland und den Rücktritt von Wolfgang Niersbach vor einem Scherbenhaufen. Nach dem Scheitern von Reinhard Grindel als Verbandschef geht es für den DFB auch um grundsätzliche Fragen.

Wie läuft die Suche nach einem Nachfolger?

Eine Präsidenten-Findungs-Kommission gibt es (noch) nicht. Aber das Profil scheint klar. Wenn der DFB sich ernsthaft reformieren will, braucht er einen Fußball-Fachmann oder eine Fußball-Fachfrau mit diplomatischen Fähigkeiten, einer harten Hand und Erfahrung als Funktionär. Der Kandidat muss zudem wie stets beim DFB den Amateuren und den Profis vermittelbar sein. Diese komplizierte Headhunter-Aufgabe müssen Rauball und Koch nun lösen. Viel Zeit haben sie nicht. Der DFB-Bundestag ist für den 27. September angesetzt, und das Tagesgeschäft geht weiter. Was ist mit der Regionalliga-Reform? Rauball muss zudem noch einen Nachfolger für sich als Präsident der Deutschen Fußball-Liga finden. Auch international ist die Doppelspitze gefordert, wenn sich am 5. Juni der deutsche Fußball beim Fifa-Kongress entscheiden muss, ob er sich für oder gegen den Präsidenten Gianni Infantino positionieren will.

Wer sind die Kandidatinnen und Kandidaten?

Wenn es hakt beim DFB, springt ja normalerweise Horst Hrubesch ein. Allerdings eher als Trainer, zuletzt beim Nationalteam der Frauen. Jetzt aber ist er mit seinen 67 Jahren Rentner. Vor seinem Abschied im November vergangenen Jahres sagte er der "Bild"-Zeitung: "Ich möchte auch noch Zeit mit meiner Frau, meiner Mutter, meinen Geschwistern, den Kindern, den Enkeln verbringen." Nur das mit dem Rentner gefiel ihm nicht: "Für mich sitzen Rentner draußen auf der Bank und wissen nichts mit sich anzufangen. So sahen Rentner zu meiner Jugend im Kohlenpott aus. Heutzutage ist das doch ganz anders."

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Will eher nicht: Philipp Lahm.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

So gesehen ist Philipp Lahm, 35 Jahre alt, ein ganz hervorragender Kandidat. Und ehrgeizig ist er zudem. Schon nach dem auch für Grindel desaströsen WM-Sommer wurde er gehandelt. Doch der ehemalige Kapitän der Nationalmannschaft will offenbar nicht. Schließlich verdient er als umtriebiger Geschäftsmann mehr Geld und führt ein selbstbestimmteres Leben, als es ihn an der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt am Main erwarten würde. Christoph Metzelder hat sich nach der Karriere wie Stuttgarts Sportvorstand Thomas Hitzlsperger viel Respekt erarbeitet. Wie Lahm gehören beide zur Spielergeneration des Sommermärchens 2006. Aber sind sie schon erfahren genug? Andererseits: Irgendwas müssen sie beim DFB ja mal ändern.

Apropos: Es ist Zeit für eine Frau. Und als Rekord-Nationaltrainerin kennt Silvia Neid sich aus. Seit 2016 leitet sie die Scoutingabteilung Frauen- und Mädchenfußball des DFB. Würden die Delegierten sie im September zur Präsidentin wählen, wäre das ein klares Zeichen für einen Neuanfang. Wie twitterte es Annalena Baerbock, die Vorsitzende der Grünen direkt nach Grindels Rücktritt: "Der Wechsel an DFB-Spitze muss auch Zeichen für inhaltliche Erneuerung sein. Themen liegen auf der Hand: Fußball Fans zurückgeben, Spieltage nicht weiter zerteilen, Transparenz und gesellschaftliche Verantwortung nach vorne. Vielleicht Zeit für eine kluge Frau wie Silvia Neid?" Und ihr Kollege Robert Habeck sagte bei n-tv: ""Ich würde mir wünschen, dass wir einen DFB-Präsidenten oder eine Präsidentin bekommen, die so modern ist wie der Fußball, den die deutsche Nationalmannschaft hoffentlich dann wieder spielt. Flache Hierarchien, Kurzpassspiel und gerne ein bisschen weiblicher und das sollte sich dann auch mal in den Führungsstrukturen des DFB abbilden. Man hat das Gefühl, die spielen noch mit Libero und haben noch nicht verstanden, was eigentlich gerade passiert." Damit sind wir bei Hannelore Ratzeburg. Sie ist seit 2007 beim DFB die Vizepräsidentin Frauen- und Mädchenfußball und Funktionärin seit 1977. Jüngst hat sie gesagt, dass sie wenig von einer Frauen-Quote in Funktionärsgremien hält. Dann könnte sie ja jetzt zeigen, dass es ohne geht.

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Ihn gibt's nur einmal: Rudi Völler.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Aus dem Verband böte sich Friedrich Curtius an, seit März 2016 Generalsekretär des DFB. Und was ist mit Rainer Koch? Wohlmöglich sucht und findet er sich selbst. Er soll, so heißt es, schon 2015 nach dem Rücktritt Niersbachs auf das Amt des Präsidenten geschielt haben. Der 72 Jahre alte Rainer Rauball hat hingegen die Altersgrenze von 72 Jahren überschritten und ist damit aus dem Rennen. Ein Kandidat wäre auch Oliver Bierhoff, der als Manager der Nationalmannschaft allerdings ganz zufrieden scheint. Christian Seifert macht als Vorsitzender der Geschäftsführung einen guten Job im Sinne der DFL. Außerdem war er es, der nach dem Desaster bei der WM in Russland gefordert hatte, der DFB brauche einen hauptamtlichen Geschäftsführer anstelle eines ehrenamtlichen Präsidenten – auch wenn der, wie wir bei Grindel erfahren haben, dennoch nicht arbeitet, ohne dabei viel Geld zu verdienen. Und sonst so? Matthias Sammer ist zumindest meinungsstark. Vielleicht wird der DFB wieder bei Rudi Völler vorstellig, der 2000 der Helfer in der sportlich prekären Lage war und überraschend die Nationalelf übernahm. Oder sie rufen doch Horst Hrubesch an.

Welche Probleme muss die neue Chefin lösen?

An Arbeit mangelt es nicht. Nach den Krisenjahren braucht der DFB vor allem Ruhe. Fünf Präsidenten in 13 Jahren, das gab es noch nie. Vor allem der Dauerkonflikt zwischen Amateur- und Profi-Interessen muss endlich befriedet werden - gemeinsam mit dem noch nicht bekannten Ligapräsidenten. Entscheidend verbessert werden muss die Außendarstellung des Verbandes, da ging viel durcheinander unter Grindel. Als große Projekte warten der 150-Millionen-Euro-Neubau der Akademie und die Heim-EM 2024.

Was machen Löw und die Nationalelf?

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Macht eh, was er will: Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Erstmal kann Joachim Löw in aller Ruhe die EM-Qualifikation spielen. Bis der neue Mann im Amt ist, sollte das Ticket für 2020 fast schon gelöst sein. Wie es für den Bundestrainer dann weitergeht, hängt vom neuen DFB-Chef ab. Ein Vorwurf an Grindel war auch, dass er der Abkapselung der Nationalelf unter Löw und Bierhoff nicht entgegenwirkte. Der Gipfel war die Vertragsverlängerung ohne Not vor der WM 2018. Es gibt den klaren Wunsch der Funktionäre, das "Raumschiff Nationalmannschaft" wieder näher an den Verband zu binden. Löw hat allerdings seit 2006 immer wieder gezeigt, dass ihn Vorgaben der DFB-Führung nicht daran hindern, seine Pläne nach seinen Vorstellungen durchzuziehen. Hat er wieder sportlichen Erfolg, wird ihm kaum jemand reinreden können.

Warum darf Grindel seine internationalen Ämter behalten?

Grindel ist nicht vom DFB in die Uefa-Exekutive und in das Fifa-Council gewählt. Die Ämter sind an seine Person gebunden. Aber natürlich könnte der DFB Druck auf Grindel ausüben. Das wäre aber gegen die eigenen Interessen. Bei den dann anstehenden Neuwahlen wäre nicht gesichert, dass ein noch unerfahrener deutscher Kandidat den Posten bekommt. Die Strategie ist also: Grindel in den Ämtern lassen, bis sich der neue DFB-Chef einen Namen gemacht hat. So lief es auch bei Grindel selbst als Nachfolger von Wolfgang Niersbach.

Droht Grindel Ungemach von Fifa und Uefa?

Noch hat die Fifa-Ethikkommission keine Ermittlungen eingeleitet. Aber Grindel hat das Uhren-Geschenk aus der Ukraine nun selber angezeigt. Es wäre verwunderlich, wenn sich Fifa-Boss Gianni Infantino die Chance entgehen ließe, einen seiner härtesten Kritiker nicht auch noch auf diesem Weg in die Bredouille zu bringen. Die Ethikhüter sind formal unabhängig, aber von ihm ins Amt gebracht. Bei einem Verfahren wegen eines Interessenkonfliktes sind Geldstrafe und Verbannung aus dem Amt möglich. Bei der Uefa ist unter der Hand auch Bedauern zu hören, dass Grindel beim DFB gehen musste. Aber Uefa-Chef Aleksander Ceferin kann sich in den harten Auseinandersetzungen mit Infantino auch keinen Vize-Präsidenten leisten, dem ein moralischer Makel anhängt.

Quelle: n-tv.de, sgi/dpa