Fußball

Spaß in der Liga der Abgehalfterten Wolfsburgo schlägt Inter und träumt von Real

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Kevin De Bruyne macht sich für den VfL Wolfsburg bezahlt: Zwei Tore gegen Inter Mailand sorgen am Ende für einen 3:1-Hinspielsieg im Achtelfinale der Europa League.

(Foto: REUTERS)

Der VfL Wolfsburg hat nach dem Sieg gegen Inter Mailand alle Chancen, das Viertelfinale der Europaliga zu erreichen. Und stillt damit ein wenig die Sehnsucht nach der großen Fußball-Welt. Nur einer hält nicht das, was er verspricht.

Zur Stimmung in Wolfsburg passt das nicht so recht. Aber im Grunde ist diese Fußball-Europaliga ein Wettbewerb für abgehalfterte Traditionsklubs: Besiktas Istanbul, Ajax Amsterdam, AC Florenz, AS Rom, SSC Neapel, FC Sevilla, Inter Mailand. In der Runde der besten 16 sind fast nur noch Vereine mit klingenden Namen. Und eben der VfL Wolfsburg. Das stört dort aber niemanden, die Mannschaft ist gerne dabei. Nach dem 3:1 (1:1) gegen Inter, zu dem Naldo und zweimal Kevin de Bruyne die Tore beisteuerten, wird sich im Rückspiel in der kommenden Woche im Mailänder Stadtteil San Siro zeigen, wie lange noch.

Das Viertelfinale ist für die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking nach einer engagierten Leistung allemal noch drin, hatte sie den Mailändern nach schwächerem Start und einer klar besseren zweiten Halbzeit doch deutlich ihre Grenzen aufgezeigt. Der Trainer war hinterher mit sich und seinen Spielern zufrieden: "Wir können guten Mutes nach Mailand fahren, wissen aber auch, dass uns dort noch einmal alles abverlangt wird. Wir müssen auf unsere Chance warten. Und diese Chance wird kommen." Bevor die Wolfsburger demnächst als zweitbestes deutsches Team hinter dem FC Bayern in der Champions League bei den ganz Großen spielen, haben sie in dieser Saison sogar die Chance, erstmals in der Vereinshistorie einen internationalen Titel zu gewinnen. Sie wollen ins Finale nach Warschau und dort am 27. Mai "nach Möglichkeit auch gewinnen", hatte Manager Klaus Allofs vor der Partie gesagt.

"Un grande spettacolo di calico"

Die "Wolfsburger Nachrichten" hatten am Spieltag zweisprachig getitelt: "Stasera: Un grande spettacolo di calcio - Wolfsburgo contro Inter. - Heute Abend: Das große Fußball-Spektakel". In Wolfsburg arbeiten und leben seit den 1960er-Jahren viele Italiener. Von den 122.000 Einwohnern arbeiten 57.000 bei VW. 6500 Wolfsburger haben einen italienischen Pass. Und wenn der FC Internationale Milano in der Stadt ist, klingt es halt auch am Mittellandkanal nach großer Fußballwelt. Keine fünf Jahre ist es her, da gewann Inter zum dritten Mal die Königsklasse. Die Gegenwart ist trist. In der italienischen Serie A steht der Klub auf Platz neun. Mittelfeld, sprich Mittelmaß. Und dann eben nur Europaliga.

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"Torjäger" unter sich: Kevin de Bruyne und Naldo

(Foto: REUTERS)

Sorgen, die der VfL nicht hat. "Jedes Spiel ist Freude pur." 26.000 Zuschauer dürfen bei internationalen Parten ins Stadion, beim 2:0 gegen Sporting in der Zwischenrunde waren keine 20.000 da. Nun aber, beim "grande spettacolo di calcio", war die Arena mit 25.274 Zuschauern beinahe ausverkauft. Abwehrchef Naldo hatte die Anhänger vorher gelobt:  "Allein für die Fans wäre es geil, wenn wir Inter schlagen." Ricardo Rodriguez behauptete gar: "Wir brauchen diesen Lärm von den Rängen." Als ob Wolfsburg für den Gegner die Hölle wäre. Die Italiener jedenfalls stellten sich diesem, nun ja, ost-niedersächsischen Inferno mit der Referenz, in dieser Saison noch kein Spiel in der Europaliga verloren zu haben.

"Stehe zu Schürrle wie eine Eins"

Das hat sich nun geändert. Dabei legten sie munter los und gingen schon nach sechs Minuten in Führung. André Schürrle, den Trainer Dieter Hecking zur Halbzeit auswechselte, wollte das Spiel  eröffnen, doch sein Pass landete bei Inters Angreifer Mauro Icardi, der den Ball steil auf Rodrigo Palacio spielte, der ihn an Diego Benaglio vorbei ins Wolfsburger Tor schoss. Naldo kommentierte das so: "Das Gegentor war ein Fehler von uns."

Schönen Gruß an den Kollegen Schürrle, der weiter darauf wartet, erstmals seit seinem Wechsel vom FC Chelsea in der Winterpause so richtig zu überzeugen. Dabei hatten sie auch deswegen 32 Millionen Euro für ihn ausgegeben, um mit dem Weltmeister schon einmal ein Stück große Fußballwelt nach Wolfsburg zu holen. Nun denn. Trainer Hecking war aber nicht bereit, Schürrle allzu arg zu kritisieren. "André hat nicht gut gespielt. Er kann besser spielen, er weiß das. Trotzdem stehe ich wie eine Eins zu ihm." Er werde schon bald auch gute Spiele liefern.

Nach dem Treffer der Mailänder jedenfalls taten sich die Gastgeber zunächst schwer, eine Lücke in der bis dahin gar nicht so schlechten Mailänder Abwehr zu finden. Bis Naldo kam. Der Innenverteidiger war bei einem Eckball des VfL in des Gegners Strafraum gesprintet und köpfte nach 28 Minuten so wuchtig auf Torwart Juan Pablo Carrizo, dass der zwar die Finger noch an den Ball bekam, ihn aber passieren lassen musste. Die Wolfsburger hatten auf den stürmischen Beginn Inters die passende Antwort gegeben und drängten auf das Führungstor. Was die Italiener allerdings nicht davon abhielt, weiter gefährlich zu bleiben.

Aber die Wolfsburger machten nach der Pause einfach so weiter, wie sie die erste Halbzeit beendet hatten. Nur noch etwas stürmischer, ein wenig konzentrierter - und letztlich erfolgreicher. Nach 63. Minuten erzielte Kevin de Bruyne das 2:1. "Endlich", werden sie gedacht haben. Mailands Torwart leistete sich einen sehenswerten Fehlpass, Vieirinha schnappte sich den Ball und servierte ihn dem Kollegen. Und als eben jener de Bruyne, zweifellos der Mann des Spiels, 13 Minuten später per Freistoß aus spitzem Winkel den Endstand von 3:1 erzielte, fühlten sie sich in Wolfsburg etwas mehr angekommen in der zumindest etwas größeren Fußballwelt. Auch ohne Schürrle. Oder eben drum. Und in der nächsten Saison kommt dann vielleicht Real Madrid - zum "gran espectáculo". Gut möglich, dass dann das Stadion zur Feier des Tages auch ausverkauft ist.

Quelle: ntv.de