Collinas Erben

"Collinas Erben" sind kulant Boatengs Handspiel zeigt ein Dilemma auf

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Der Bremer Coach lobt den Schiedsrichter, obwohl der seinem Team einen Strafstoß verweigert. In Dortmund wiederum verlangt niemand einen Elfmeter, als Jérôme Boateng den Ball mit der Hand spielt. Nach der Zeitlupe ist die Aufregung dafür umso größer. Zu Recht?

Dass sich Spieler oder Trainer anerkennend über den Schiedsrichter äußern, ist nicht alltäglich. Schon gar nicht, wenn sie tief im Abstiegskampf stecken und soeben wichtige Punkte liegen lassen haben. Umso bemerkenswerter ist es, was Florian Kohfeldt, der Coach des SV Werder Bremen, nach der Partie seiner Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach (0:0) in die Mikrofone sprach. Manuel Gräfe, der Unparteiische dieses Spiels, habe "eine Linie gehabt, die ich richtig gut fand", sagte der Übungsleiter auf der Pressekonferenz. "Er hat viel laufen lassen, und nur deshalb - da muss man auch mal den Schiedsrichter loben - kam ein Fußballspiel wie heute zustande."

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Kohfeldt war nach der Partie nicht schlecht gelaunt.

(Foto: gumzmedia/nordphoto)

Beachtlich war das vor allem deshalb, weil Gräfe den Bremern in der 17. Minute einen Strafstoß versagt hatte: Der Gladbacher Christoph Kramer hatte mit dem linken Fuß seinen Gegenspieler Davy Klaassen knapp innerhalb des eigenen Strafraums an dessen rechtem Fuß getroffen - nur leicht zwar, aber Klaassen war in vollem Lauf. Das führte dazu, dass sich der Bremer gewissermaßen selbst ein Bein stellte und zu Boden ging. Der Referee ließ jedoch weiterlaufen, auch der Video-Assistent griff nicht ein. Man könnte diese Szene mit einer beliebten Fußballfloskel kommentieren: Über einen Elfmeterpfiff hätten sich die Gäste gewiss nicht beschweren können.

"Nicht forensisch nach einem Vergehen suchen"

Es gab ihn aber nicht, und die Wut darüber, die Kohfeldt in der Hektik des Spiels noch ergriffen hatte, war nach dem Schlusspfiff verraucht. Der Schiedsrichter habe ihm in der Halbzeitpause gesagt, der Kontakt sei zu geringfügig gewesen, gab der Trainer zu Protokoll. Und das könne er akzeptieren. "Lasst uns bitte genau so mit solchen Szenen umgehen, dauerhaft, und nicht rausrennen und forensisch fünf Minuten nach einem Vergehen suchen", appellierte Kohfeldt. Er werde oft dafür kritisiert, dass er nach dem Grund für einen Eingriff des VAR frage, "dann kann ich mich jetzt nicht hinstellen und fragen, warum hier nicht eingegriffen wird".

Nun hängt die Frage, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, nicht von der Bewertung durch Spieler und Trainer ab, wohl aber die Akzeptanz, die sie und damit der Unparteiische genießen. Gerade im großen Graubereich der Beurteilung von Zweikämpfen und Handspielen ist sie ein hohes Gut, denn eine Spielleitung ist mehr als die Summe der einzelnen Entscheidungen. Florian Kohfeldt sagte aber noch etwas, das aufhorchen ließ: Nicht in Ordnung wäre es aus seiner Sicht gewesen, wenn es auf Anraten des Video-Assistenten zu einem On-Field-Review gekommen wäre und es danach immer noch keinen Strafstoß gegeben hätte.

Zweierlei Wirklichkeit: auf dem Feld und im Fernsehen

Das verweist darauf, dass es so etwas wie zwei Wirklichkeiten geben kann: die auf dem Feld und die der Fernsehbilder. Bei den Fernsehbildern wäre außerdem noch zu unterscheiden zwischen der Realgeschwindigkeit und der verlangsamten Wiederholung. Noch deutlicher als in Bremen wurde das beim Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München (0:1) in der 58. Minute. Da nämlich flog der Ball nach einem Torschuss von Erling Haaland gegen den Arm des Münchners Jérôme Boateng und von dort am Gehäuse der Gäste vorbei. Schiedsrichter Tobias Stieler entschied auf Eckstoß, was nicht einmal den Hauch eines Protestes beim BVB hervorrief.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Zwar sind ausbleibende Reklamationen kein Beweis für die Richtigkeit einer Entscheidung, wie umgekehrt das Aufbegehren von Spielern ja auch nicht belegt, dass sich der Referee geirrt hat. Aber spontane Reaktionen können zumindest ein Indiz sein. Und tatsächlich hegt man beim Betrachten der Szene im normalen Tempo keinen Verdacht, dass Boateng etwas Regelwidriges getan haben könnte. Kurz vor dem Torschuss war er ausgerutscht und deshalb zu Boden gegangen, nun drehte er sich im Aufstehen weg und wandte das Gesicht ab, womöglich, weil er befürchtete, dass der Ball dorthin kommen wird. Den rechten Arm winkelte er dabei etwas vom Körper ab. Mit diesem Arm berührte er schließlich den Ball. All dies in Bruchteilen einer Sekunde.

In Echtzeit sah das nicht nach einer strafbaren Handlung aus, auch die Armhaltung schien eher der Tatsache geschuldet zu sein, dass man für eine Drehung nun mal Schwung holen muss. Es wirkte so, als wollte Boateng dem Ball ausweichen. Dann aber kam die Zeitlupe, eine von vorne und eine aus der Hintertorperspektive. Vor allem die letztgenannte vermittelte einen ganz anderen Eindruck. Nun wirkte der Vorgang wie eine bewusste Handlung von Boateng: Mit dem Ball musste er rechnen, mit dem Arm hat er sich ein wenig breiter gemacht und dabei zumindest ein Handspiel in Kauf genommen, schließlich hat er ihn in die Flugbahn des Balles geführt. Je häufiger man die Wiederholungen sieht, desto stärker neigt man zu dem Urteil: Das hätte einen Strafstoß zur Folge haben müssen. Ein echtes Dilemma.

Ein Strafstoß für den BVB wäre die bessere Entscheidung gewesen

Denn Zeitlupen können das Urteil manipulieren, weil sie Handlungen beabsichtigter und gewollter aussehen lassen, als sie es eigentlich waren. Das ist auch der Grund, warum es im Regelwerk dort, wo es um den Video-Assistenten geht, empfehlend heißt: "Grundsätzlich sollte die Zeitlupe nur für objektive Entscheidungen verwendet werden (z. B. Ort des Vergehens, Position des Spielers, Ort des Kontakts bei physischen oder Handspielvergehen, Ball aus dem Spiel)." In normaler Geschwindigkeit dagegen sollte eine Szene betrachtet werden, wenn es darum geht, "den Schweregrad eines Vergehens oder ein mögliches Handspielvergehen zu beurteilen". Mit anderen Worten: Die Wahrheit findet in Echtzeit statt, nicht in der verlangsamten Wiederholung.

War Boatengs Armbewegung also natürlich und eine unvermeidliche Folge davon, dass er sich weggedreht hat? Oder war sie nicht doch eine absichtliche und unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche? Kann man in Sekundenbruchteilen überhaupt bewusst handeln? War es ein klarer und offensichtlicher Fehler des Unparteiischen, nicht auf Elfmeter zu entscheiden, oder gab es einen Ermessensspielraum? Hat Tobias Stieler das Handspiel als solches überhaupt wahrgenommen, und wenn nicht, hätte der VAR dann nicht ein On-Field-Review empfehlen müssen? So einfach ist das alles nicht zu beantworten. Festhalten muss man aber auch: Es hat in vergleichbaren Szenen in der Vergangenheit schon Reviews und anschließend Strafstöße gegeben.

Man könnte in diesem Zusammenhang von Zeitlupenelfmetern sprechen, also von Strafstoßentscheidungen, die auf der Grundlage von Eindrücken getroffen werden, die nur die verlangsamten Wiederholungen vermitteln. Zeitlupen können verzerren, aber sie scheinen vielfach eine Klarheit zu liefern, die sich in der Realgeschwindigkeit oft nicht finden lässt. Unstrittig ist, dass Boateng sich breiter gemacht hat, und die Zweifel daran, dass das im Zuge einer natürlichen Bewegung geschehen ist, sind nicht auszuräumen. Insofern spricht hier mehr für einen Strafstoß als dagegen, ein Elfmeter wäre die bessere Entscheidung gewesen. Aber wirklich eindeutig war die Sache nicht.

Warum Felix Brych beim Handelfmeter für Köln blieb

Derweil griff der Video-Assistent in der Partie zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem 1. FC Köln (3:1) gleich dreimal ein. Zunächst in der 24. Minute, nachdem Schiedsrichter Felix Brych dem Kölner Sebastiaan Bornauw für einen Tritt mit der offenen Sohle in die Wade von Christoph Baumgartner nur die Gelbe Karte gezeigt hatte. Für solche gesundheitsgefährdenden Vergehen sieht das Regelwerk jedoch einen Feldverweis vor, deshalb war es klar und offensichtlich falsch vom Unparteiischen, nur eine Verwarnung auszusprechen. Die Intervention des VAR erfolgte also zu Recht, und Brych änderte nach dem Gang in die Review Area seine Entscheidung dann auch: Er nahm Gelb zurück und präsentierte Bornauw die Rote Karte.

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Mark Uth nutzte den Elfmeter nicht.

(Foto: Markus Gilliar/GES/POOL)

Als die Gastgeber kurz vor der Pause das vermeintliche 2:0 erzielten, schaltete sich der Video-Assistent zum zweiten Mal ein. Denn Vorlagengeber Munas Dabbur hatte sich knapp im Abseits befunden, was das Schiedsrichterteam auf dem Feld jedoch nicht wahrgenommen hatte. Zur dritten Intervention kam es in der 75. Minute: Havard Nordtveit war der Ball bei einem Zweikampf mit Mark Uth vom Oberschenkel an den Arm gesprungen, anschließend hatte der Hoffenheimer die Kugel noch ein Stück mit dem Arm geführt. Felix Brych ließ weiterspielen, was erneut den VAR auf den Plan rief.

Zwar soll ein Handspiel nicht bestraft werden, wenn der Ball erst mit einem anderen Körperteil gespielt wird und dann von dort unkontrolliert an den Arm oder die Hand springt. Doch Nordtveit bewegte danach noch eindeutig seine Hand zum Ball und führte ihn kurz mit, deshalb war es richtig vom Video-Assistenten, ein Review zu empfehlen. Der Unparteiische folgte ihm dann auch und entschied auf Elfmeter. Genützt hat es den Kölnern allerdings nichts: Mark Uth vergab den Strafstoß beim Stand von 3:1.

Quelle: ntv.de