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Schiedsrichter Brych behält in einer turbulenten Schlussphase die Kontrolle - und trifft die richtige Entscheidung.
Schiedsrichter Brych behält in einer turbulenten Schlussphase die Kontrolle - und trifft die richtige Entscheidung.(Foto: imago/Matthias Koch)
Sonntag, 13. Mai 2018

"Collinas Erben" erleichtert: Brych erspart dem HSV das Abbruch-Fiasko

Von Alex Feuerherdt

Viel fehlt nicht, um die Fußball-Bundesliga mit einer Entscheidung am "grünen Tisch" enden zu lassen. Doch Schiedsrichter Brych bringt das vorerst letzte Erstligaspiel des Hamburger SV ohne Abbruch über die Runden - mit Recht und mit Umsicht.

Die regulären 90 Minuten in der Partie des Hamburger SV gegen Borussia Mönchengladbach (2:1) waren um wenige Sekunden überschritten, da dürfte Schiedsrichter Felix Brych innerlich darüber geflucht haben, dass er eine Nachspielzeit von zwei Minuten verfügt und über den Vierten Offiziellen hatte bekanntgeben lassen. Denn in der Nordkurve des Volksparkstadions begannen einige Dutzend Anhänger der Gastgeber, schwarz qualmende Rauchtöpfe und ohrenbetäubende Böller aufs Spielfeld zu werfen, reichlich Pyrotechnik abzubrennen und so für ein bedrohlich wirkendes Szenario zu sorgen. Deshalb stellte sich für den Unparteiischen die Frage, ob er die Partie womöglich kurz vor ihrem eigentlichen Ende abbrechen muss. Der Abstieg der Norddeutschen stand zu diesem Zeitpunkt aufgrund des Wolfsburger 4:1-Sieges gegen den 1. FC Köln fest, was eine kleine Minderheit der Hamburger Fans zu äußerst unschönen Mitteln greifen ließ. Konnte, sollte und durfte das Spiel unter diesen Umständen noch fortgesetzt werden?

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Ein Blick ins Regelwerk bringt die rechtlichen Grundlagen ans Tageslicht: Am Ende der Regel 5, die sich mit den Rechten, Pflichten und Befugnissen des Schiedsrichters beschäftigt, heißt es unter dem Punkt "Zusätzliche Erläuterungen des DFB", Gründe für einen Spielabbruch könnten beispielsweise "Einflüsse von außen" wie Zuschauerausschreitungen und massive Bedrohungen sein. Zugleich wird klargestellt: "Ein Spielabbruch sollte nur erfolgen, nachdem alle zumutbaren Mittel, das Spiel fortzusetzen, erschöpft sind." Was zumutbar ist, liegt dabei im Ermessen des Referees. Dieser wird seine Entscheidung vor allem von der Frage abhängig machen, ob eine Gefahr für die körperliche Unversehrtheit der Spieler und Unparteiischen besteht und ob sich die Lage bei Ausschreitungen in absehbarer Zeit beruhigen lässt. Dazu wird er, wenn es sinnvoll ist, die Einschätzung von Polizei und Ordnungsdienst einholen.

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In Hamburg waren die Sicherheitskräfte offensichtlich gut vorbereitet. Sie brachten, nachdem Felix Brych das Spiel unterbrochen und sich mit beiden Mannschaften an den Spielfeldrand begeben hatte, die Situation bald unter Kontrolle. Der Rauch verzog sich allmählich, genauso wie die Störer, zu denen das restliche Publikum mit Pfiffen und Sprechchören auf Distanz ging. Vor der Nordkurve sicherten dicht an dicht aufgereihte Polizisten und Ordner das Spielfeld, als der Unparteiische die Begegnung exakt 16 Minuten und 18 Sekunden, nachdem er sie unterbrochen hatte, mit einem Schiedsrichterball wieder aufnahm. Der Hamburger Torhüter Julian Pollersbeck schlug die Kugel in die gegnerische Hälfte, danach pfiff Brych gleich wieder ab, diesmal endgültig.

Brych hat besonnen und umsichtig gehandelt

Gewiss, diese nur wenige Sekunden dauernde Spielfortsetzung nach einer mehr als viertelstündigen Unterbrechung hatte etwas Groteskes. Aber es war die einzige Möglichkeit, die Partie regulär zu Ende zu bringen. Ein Spielabbruch hätte mutmaßlich dazu geführt, dass die Begegnung für den HSV am "grünen Tisch" als verloren gewertet worden wäre. Das hätte angesichts der unrühmlichen Bilder sicherlich so mancher begrüßt, doch von solchen moralischen Erwägungen darf sich ein Schiedsrichter nicht leiten lassen. Er hat in einer Situation wie im Volksparkstadion in erster Linie darüber zu befinden, ob die Fortführung des Spiels eine Gefahr darstellt. Das hat Felix Brych nach einer zumutbaren Wartezeit aus nachvollziehbaren Gründen verneint.

Überhaupt leitete der deutsche WM-Referee dieses brisante Spiel besonnen und umsichtig, wobei ihn nach zehn Minuten sein Video-Assistent Felix Zwayer - der in dieser Funktion ebenfalls beim Turnier in Russland eingesetzt werden wird - maßgeblich unterstützte: Als der Gladbacher Denis Zakaria den Ball im eigenen Strafraum eindeutig absichtlich mit dem Arm spielte, war Brych im entscheidenden Moment die Sicht durch Lewis Holtby verdeckt, der den Schuss auf das Tor der Gäste abgegeben hatte. Deshalb gab es den fälligen Elfmeter für die Hamburger erst, nachdem Zwayer die Szene überprüft und der Unparteiische sich auch selbst ein Bild gemacht hatte. Nach einer Stunde forderten auch die Gäste einen Strafstoß, doch Brych und Zwayer kamen überein - wiederum zu Recht -, dass dem Handspiel von Gotoku Sakai nach einem Schuss von Oscar Wendt keine Absicht zugrunde gelegen hatte.

Wesentlich weniger Video-Korrekturen in der Rückrunde

In Leverkusen, wo Hannover 96 gastierte und mit 2:3 verlor, verhinderte der Einsatz des Video-Assistenten derweil ein Stück Fußballromantik. In der 82. Minute hatte Schiedsrichter Guido Winkmann beim Stand von 3:0 nach einem Zweikampf zwischen Ihlas Bebou und dem Leverkusener Karim Bellarabi im Strafraum der Niedersachsen zunächst auf Strafstoß für die Hausherren erkannt. Während diese Entscheidung - wie jeder Elfmeterpfiff - in der Kölner Videozentrale überprüft wurde, wechselte Bayer 04 ein letztes Mal Stefan Kießling ein, der seine Karriere beendet. Der 34-jährige Stürmer sollte dann auch gleich den Strafstoß ausführen und stand schon am Elfmeterpunkt bereit, als Winkmann sich auf Anraten aus Köln die Szene in der Review Area noch einmal anschaute - und sah, dass Bebou den Ball gespielt hatte. Deshalb nahm er seine Entscheidung zurück, und Kießling blieb ein Abschiedstor verwehrt.

Diese Korrektur war die 76. und letzte, die in dieser Saison auf Anraten des Video-Assistenten vorgenommen wurde. Damit gab es im Schnitt in jedem vierten Spiel eine Änderung, wobei es in der Rückrunde zu deutlich weniger Berichtigungen gekommen ist als in der Hinrunde: 48 Korrekturen bis zur Winterpause folgten nur noch 28 weitere. Dieser Rückgang hängt wesentlich damit zusammen, dass das International Football Association Board (Ifab) - dessen Regularien weltweit verbindlich sind - die Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten erhöht hat: Diese sollen nur noch dann intervenieren, wenn ein spielrelevanter Fehler des Schiedsrichters sowohl klar als auch offensichtlich ist. Sie sollen also "keine Detektive sein", wie es Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite, formulierte, sondern nur noch in besonders eindeutigen Fällen einschreiten.

Daran hielten sich die Helfer an den Monitoren in Köln seit Beginn der Rückrunde zumeist, und die Akzeptanz der Neuerung verbesserte sich, auch wenn es zum Ende der Saison wieder etwas mehr Aufregung gab. 39 der 76 Änderungen, also mehr als die Hälfte, betrafen Elfmeter, die entweder nachträglich gegeben (26-mal) oder aberkannt wurden (13-mal). 23 Tore wurden auf Anraten des Video-Assistenten annulliert, sechsmal folgte auf eine Intervention aus Köln eine Rote Karte. Mit je sieben Korrekturen waren Tobias Stieler und Guido Winkmann die änderungsfreudigsten Referees. Am häufigsten, nämlich neunmal, profitierte der VfB Stuttgart von einer Berichtigung, während keine einzige Entscheidung zugunsten von Werder Bremen geändert wurde. Acht Korrekturen, mehr als bei jedem anderen Klub, gingen zulasten von Bayer 04 Leverkusen. Die TSG 1899 Hoffenheim hingegen musste keine Entscheidungsänderung zu ihren Ungunsten hinnehmen.

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Quelle: n-tv.de