Collinas Erben

"Collinas Erben" diskutieren Frankfurt hat bei der Klatsche noch Glück

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Hand! Oder nicht?

(Foto: imago images/Team 2)

In Mönchengladbach spielt ein Frankfurter Verteidiger den Ball zweimal im Strafraum mit den Armen, kommt jedoch davon - wobei der Schiedsrichter in einem dieser Fälle recht nachsichtig ist. Ein anderer Unparteiischer eröffnet derweil eine wichtige Debatte.

Manchmal sorgt schon der deutliche Ausgang eines Fußballspiels dafür, dass sich Diskussionen über die eine oder andere Entscheidung des Schiedsrichters erledigen. So war es auch am Samstag nach der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt, die mit einem klaren 4:0 der Gastgeber zu Ende ging: Die beiden vom Schiedsrichter nicht beanstandeten Handspiele des Frankfurter Verteidigers Stefan Ilsanker im eigenen Strafraum in der 37. und 54. Minute, jeweils beim Stand von 1:0 für die Borussia, waren nur noch in den sozialen Netzwerken ein Thema.

Dort spottete so mancher, Ilsanker habe mehr Bälle gehalten als der Frankfurter Torwart Kevin Trapp. Und zwar regelkonform, wie der Unparteiische Deniz Aytekin befand. Dabei sorgte vor allem das erste Handspiel für Gesprächsstoff. Nach einer weiten Flanke von der rechten Seite hatte Ramy Bensebaini den Ball fast an der linken Strafraumgrenze direkt aufs Tor geschossen. Die Kugel flog frontal auf den etwa zehn Meter entfernten Ilsanker zu und sprang dann innerhalb von Sekundenbruchteilen von dessen rechtem Oberschenkel gegen die Brust und anschließend gegen beide Arme, bevor sie auf den Boden tropfte.

Aytekin zeigte sofort an, dass weitergespielt wird, entschied sich nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten Günter Perl jedoch für ein On-Field-Review. Danach blieb er bei seiner ursprünglich getroffenen Entscheidung, das Handspiel nicht als strafbar zu bewerten. Für diesen Entschluss spricht, dass man in Ilsankers etwas unbeholfen wirkendem Bewegungsablauf den Versuch sehen konnte, sich nicht breiter, sondern sogar kleiner zu machen. Der Abwehrspieler krümmte sich ein wenig und zog den angewinkelten linken Arm an seine Brust, den ausgestreckten rechten hatte er erst ein Stück abgespreizt, bevor er ihn ebenfalls zum Körper führte.

Schwierige Abwägung für Deniz Aytekin

Dadurch bewegte er ihn allerdings auch zum Ball, den er infolgedessen sogar kurzzeitig mit beiden Armen und dem Oberschenkel einklemmte. Gewollt war das sicherlich nicht, aber es wirkte auch nicht wie der Versuch, ein Handspiel unbedingt zu vermeiden, sondern eher wie das Bemühen, sich vor einem schmerzhaften Treffer zu schützen. So etwas wie die sagenumwobene "Schutzhand" gibt es im Regelwerk aber nicht, deshalb gereicht das Ilsanker auch nicht zur Entlastung. Und da der Ball nicht aus kurzer Distanz auf ihn zuflog und er ihn zudem die ganze Zeit im Blick hatte, hätte der Frankfurter durchaus die Möglichkeit gehabt, seine Hände aus der Flugbahn zu bringen.

Die Arme eng am Körper, aber den Ball damit vorübergehend eingeklemmt; das unkontrollierte Abprallen des Balles von anderen Körperteilen an die Arme, aber einen Arm in die Richtung des Balles bewegt; das Handspiel nicht gewollt, aber durchaus in Kauf genommen - einfach war es für Deniz Aytekin nicht, hier mit Blick auf die Strafbarkeit das Für und Wider abzuwägen. Doch gerade dem kurzzeitigen Arretieren des Balles mit den Armen könnte man ein größeres Gewicht beimessen als den Aspekten, die dagegen sprechen, hier auf Strafstoß zu entscheiden. Abwegig war das Urteil des Referees gleichwohl nicht.

Zweifellos richtig war es bei Ilsankers zweitem Handspiel: Nach einem Schuss von Florian Neuhaus drehte sich der Verteidiger aus der Flugbahn des Balles und bekam die Kugel aus kurzer Distanz an den rechten Arm, den er vollständig an den Oberkörper gezogen hatte. Hier sprach nichts für eine Strafbarkeit, auch wenn die Gladbacher erneut protestierten - und Trainer Marco Rose dem Schiedsrichter gestisch bedeutete, dass Ilsanker den Arm vom Körper abgespreizt habe. Offenbar meinte er dabei den linken Arm des Frankfurters, mit dem dieser den Ball jedoch gar nicht berührt hatte. Deniz Aytekin veranschaulichte diesen Sachverhalt dann auch, ebenfalls mithilfe von Gestik. Er hatte Recht - und dank seiner guten Positionierung einen günstigen Blickwinkel.

Bei Poulsens Handspiel hatte der Referee keine Wahl

Ein Handspiel war auch in der Auftaktpartie des Spieltags zwischen RB Leipzig und der TSG 1899 Hoffenheim (0:0) ein großes Thema. Denn es kostete die Gastgeber zwei Punkte, die ihnen im Kampf um die Meisterschaft am Ende schmerzlich fehlen könnten. Yussuf Poulsen hatte sich den Ball tief in der Nachspielzeit nach einem Eckstoß versehentlich selbst an den Unterarm geköpft, von dort ging die Kugel ins Hoffenheimer Tor. Der euphorische Jubel über den vermeintlichen Siegtreffer in letzter Minute wich schließlich großer Ernüchterung, denn Schiedsrichter Manuel Gräfe annullierte den Treffer nach einem Eingriff des Video-Assistenten Martin Petersen - und das völlig zu Recht.

Denn im Regelwerk heißt es unmissverständlich, dass ein Handspielvergehen vorliegt, wenn "ein Spieler direkt mit der Hand/dem Arm (ob absichtlich oder nicht) ins gegnerische Tor trifft". Genau das war hier der Fall, auch wenn der Ballkontakt mit dem Arm lediglich geringfügig war. Weil in der Sportart Fußball ein Tor, bei dem die Hand oder der Arm im Spiel war, seit der Saison 2019/20 auf keinen Fall zählen darf - selbst wenn das Handspiel gänzlich unabsichtlich oder unvermeidlich war -, gab es für den Unparteiischen und seinen VAR keinerlei Spielraum. Wäre es nicht um eine Torerzielung gegangen, dann wäre das Handspiel nicht strafbar gewesen. So aber hatte der Referee keine andere Wahl, als Poulsens Tor abzuerkennen.

Ist die Altersgrenze für Schiedsrichter noch zeitgemäß?

Deshalb gab es auch keinerlei Kritik an Manuel Gräfe, der die Begegnung im Übrigen gewohnt souverän leitete. Der Unparteiische aus Berlin hatte bereits unter der Woche aufhorchen lassen, als er in einem Interview der Sportschau die seit Jahren geltende Altersgrenze für die Bundesliga-Schiedsrichter zur Diskussion stellte. Sie liegt bei 47 Jahren, Gräfe hat sie erreicht und muss daher nach dieser Saison aufhören, wie auch seine Kollegen Guido Winkmann und Markus Schmidt. Das bedauern viele, denn der erfahrene Referee wird nicht nur von Spielern, Trainern und Managern sehr geschätzt, sondern auch von der sportlichen Leitung der Schiedsrichter, die Gräfe immer wieder mit der Leitung von hochkarätigen und potenziell heiklen Partien betraut.

Ihr gegenüber hatten die Manager der Bundesligisten erst kürzlich den Wunsch geäußert, der 1,97 Meter große Sportwissenschaftler möge - wie auch sein Kollege Aytekin - im Saisonendspurt noch häufiger zum Einsatz kommen. Doch das Ende dieser Spielzeit bedeutet nach jetzigem Stand auch das Ende der Bundesliga-Karriere von Manuel Gräfe. Die Altersgrenze wurde vor vielen Jahren eingeführt, damit talentierte jüngere Unparteiische leichter nachrücken können. Doch durch diese Begrenzung gehen Schiedsrichter mit viel Erfahrung, Routine und Akzeptanz verloren - selbst wenn sie körperlich und mental weiterhin alle Anforderungen erfüllen.

Gräfe plädiert deshalb für eine flexiblere Handhabung der Altersgrenze und verweist unter anderem auf die englische Premier League, wo es diese Grenze nicht gibt und etwa der 52-jährige Mike Dean sowie der 50-jährige Martin Atkinson weiterhin zu den Schiedsrichtern mit den meisten Einsätzen gehören. Es müsse letztlich darum gehen, "dass die aktuell Besten auf dem Platz stehen", sagt er. Und sofern der DFB es ermögliche, wolle er gerne weitermachen. Gräfe würde sich freuen, "wenn alles zeitnah in einem konstruktiven Miteinander und im Interesse des Fußballs besprochen werden würde". Die Bereitschaft zu solchen Gesprächen hat die sportliche Führung signalisiert. Sollte sie die Altersgrenze künftig weniger strikt sehen, wäre das allemal im Sinne des Fußballs.

Quelle: ntv.de

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