Collinas Erben

"Collinas Erben" sind die Ruhe selbst Subotics fataler Fehlgriff, Völlers Unmut

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Elfmeter für den FC Bayern und Gelb für Neven Subotic: Schiedsrichter Manuel Gräfe, souverän. Da kann Roman Weidenfeller protestieren, so viel er will.

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Im Topspiel des FC Bayern gegen den BVB zeigt Schiedsrichter Manuel Gräfe, wer der Babo ist. Florian Meyer überzeugt, obwohl die Leverkusener das anders sehen. In Stuttgart kommt es zu einem ungewöhnlichen Bäumchen-wechsle-dich-Spiel.

Wenn der uralte Leitsatz stimmt, dass der beste Schiedsrichter derjenige ist, der im Spiel nicht weiter auffällt und über den man nach dem Schlusspfiff kaum spricht, dann dürfte Manuel Gräfe am Samstagabend zufrieden ins Bett gegangen sein. Denn tatsächlich war der Unparteiische bei der Partie zwischen jenen beiden Mannschaften, die in den vergangenen vier Jahren die deutsche Meisterschaft unter sich ausgemacht haben, praktisch kein Thema.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Und das, obwohl der 41-jährige Berliner dem FC Bayern München mit seinem Elfmeterpfiff kurz vor Schluss die Möglichkeit verschafft hatte, das Spiel gegen Borussia Dortmund doch noch zu seinen Gunsten zu entscheiden. Der souveräne Gräfe lag in der spielentscheidenden Situation genauso richtig wie bereits zuvor so gut wie immer in dieser zwar intensiven, aber fairen Begegnung. Es lief die 85. Minute, als dem Dortmunder Neven Subotic vor dem eigenen Strafraum ein Befreiungsschlag missglückte. Der Ball kam zu Bayerns Franck Ribéry, der umgehend an Subotic vorbeiziehen wollte. Der Innenverteidiger der Borussia versuchte das durch einen Griff ans Trikot des Franzosen zu verhindern, dieser hielt seinerseits Subotic mit dem Arm ein wenig auf Distanz. Schließlich drang Ribéry in den Dortmunder Strafraum ein und kam dort zu Fall.

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Gräfe zeigte nicht nur auf den Punkt, sondern Subotic obendrein auch die Gelbe Karte. Und das war korrekt. Denn der erste Impuls ging eindeutig vom Dortmunder aus, der Münchner erarbeitete sich mit dem Ball am Fuß zudem einen kleinen Vorsprung, der nur deshalb nicht größer wurde, weil Subotic dies durch das fortgesetzte Ziehen an Ribérys Ärmel verhinderte. Und weil dieses Halten erst im Sechzehnmeterraum wirksam wurde, wo Ribéry schließlich fiel, wurde es auch genau dort bestraft - und nicht da, wo es ursprünglich begonnen hatte, nämlich außerhalb des Strafraums. Eine klare Torchance wurde gleichwohl nicht vereitelt, da ein mitgelaufener Dortmunder noch hätte eingreifen können. Daher gab es auch nur Gelb und nicht Rot.

In Hamburg bilden sich Rudel

Dass ein Schiedsrichter aber auch dann eine gute Leistung geboten haben kann, wenn er im und nach dem Spiel im Zentrum der Aufmerksamkeit steht und dabei viel gescholten wird, zeigte Gräfes Kollege Florian Meyer. Der hatte beim Spiel des Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen Schwerstarbeit zu verrichten, wie auch die Statistik beweist: Weit überdurchschnittliche 54 Fouls und neun Gelbe Karten standen am Ende zu Buche, das Gros davon entfiel auf die erste Halbzeit. Die Partie war ständig unterbrochen und von mehreren "Rudelbildungen" begleitet, zudem sorgten beide Trainer mit Eskapaden am Spielfeldrand für zusätzliche Hektik.

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"Wir hätten uns gewünscht, hier besser geschützt zu werden": Rudi Völler.

(Foto: imago/Baering)

Die Leverkusener, die das Spiel mit 0:1 verloren, warfen den Gastgebern anschließend vor, unnötige Härte in die Partie gebracht zu haben, und kritisierten auch den Unparteiischen. "Wir hätten uns gewünscht, hier besser geschützt zu werden", sagte beispielsweise Sportchef Rudi Völler. Bei näherem Hinsehen ist dem Referee allerdings kaum ein Vorwurf zu machen. Meyer ahndete Fouls von Beginn an konsequent, zeigte dem Hamburger Lewis Holtby nach einem rüden Einsteigen gegen Lars Bender früh die Gelbe Karte und schritt auch gegen weitere überharte Körpereinsätze mit Verwarnungen ein. Immer wieder versuchte er zudem, die Akteure verbal abzukühlen, mal mit beruhigenden Ansprachen, mal mit energischen Ermahnungen. Der 46-Jährige ist ein erfahrener und kommunikativer Spielleiter, der von den Bundesligaprofis in den vergangenen Jahren mehrmals zum besten Bundesliga-Schiedsrichter gewählt wurde. Dass er an diesem Tag ungewöhnlich viel Arbeit damit hatte, Ruhe ins Spiel zu bringen, hatte vor allem damit zu tun, dass bei Spielern und Offiziellen beider Teams ein ums andere Mal die Nerven blank lagen.

Kurioses trägt sich in Stuttgart zu

Und das vor allem nach dem Elfmeter für den HSV in der 24. Minute, an dessen Berechtigung es allerdings keinen Zweifel geben kann: Beim erfolglosen Versuch, eine Flanke aus dem Strafraum zu fausten, hatte Leverkusens Torhüter Bernd Leno statt des Balles den Hamburger Marcell Jansen getroffen. Florian Meyer ließ zunächst weiterspielen, entschied nach einem Hinweis seines besser postierten Assistenten dann aber doch auf Strafstoß. Rafael van der Vaart verwandelte sicher.

Die Partie wurde anschließend noch giftiger und erreichte ihren vorläufigen Tiefpunkt in der Nachspielzeit der ersten Hälfte, als der Leverkusener Giulio Donati direkt vor der Hamburger Bank mit Anlauf in Marcell Jansen grätschte. Tumultartige Szenen waren die Folge. Meyer beendete den Auflauf mit Gelben Karten für Donati und den Hamburger Dennis Diekmeier. Donati durfte sich dabei glücklich schätzen, um den eigentlich verdienten Platzverweis herumgekommen zu sein.

Kurioses trug sich derweil in Stuttgart beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg zu, wo sich Schiedsrichter-Assistent René Rohde verletzte. Er tauschte seinen Platz daraufhin, wie es die Anweisungen des DFB vorsehen, mit dem Vierten Offiziellen Robert Hartmann. Hartmann, der selbst Spiele als Schiedsrichter in der Bundesliga leitet, wäre auch im Falle einer Verletzung des Referees Bastian Dankert eingesprungen.

Bei der Zusammenstellung der Schiedsrichtergespanne überlässt die DFB-Schiedsrichter-Kommission nichts dem Zufall: In jedem Bundesligaspiel gehört dem Assistententeam wenigstens einer an, der selbst mindestens in der Zweiten Bundesliga pfeift. Wenn sich dann der Unparteiische oder einer seiner Assistenten an der Seitenlinie verletzt, ist qualifizierter Ersatz auf jeden Fall vorhanden.

Quelle: ntv.de

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