Collinas Erben

"Collinas Erben" fordern Geduld Warum Köln kein neues Spiel bekommt

IMG_ALT
84747054b9dce912118675e8ae4f71b7.jpg

Empörte Einwände im Spiel des BVB gegen den 1. FC Köln: Schiedsrichter Patrick Ittrich nach dem umstrittenen Tor zum 2:0.

(Foto: imago/DeFodi)

Der Videoassistent sorgt erneut für Wirbel: In Dortmund erkennt der Unparteiische ein Tor für den BVB gegen den 1. FC Köln an, obwohl das regeltechnisch falsch ist. Und doch ist es unwahrscheinlich, dass dieses Bundesligaspiel wiederholt wird.

Was sich am Sonntagabend in der Nachspielzeit der ersten Hälfte des Spiels zwischen Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln (5:0) am vierten Spieltag der Fußball-Bundesliga zutrug, wird noch für hitzige Diskussionen sorgen und aller Voraussicht nach die Sportgerichtsbarkeit beschäftigen. Dabei schien der Fall zunächst klar: Nach einem Eckstoß für den BVB landete der Ball beim Stand von 1:0 über Umwege im Kölner Tor, doch Schiedsrichter Patrick Ittrich annullierte den Treffer von Sokratis, weil er der Ansicht war, dass der Grieche sich zuvor regelwidrig eingesetzt hatte. Die Dortmunder protestierten zwar, fanden sich aber rasch mit der Entscheidung ab. Dann allerdings nahm Video-Assistent Felix Brych, der die Szene ganz anders einschätzte, mit Ittrich Kontakt auf.

Collinas-Erben.jpg

35 Sekunden dauerte die Besprechung per Funk, dann folgte der Unparteiische der Empfehlung seines Kollegen am Monitor und gab das 2:0 doch noch, was zu Protesten der Kölner führte. Und das nicht nur, weil die Gäste der - durchaus nicht abwegigen - Ansicht waren, dass es kein klarer Fehler des Referees war, Sokratis‘ leichten Schubser gegen Dominique Heintz (der infolgedessen seinen eigenen Torwart unfreiwillig ins Straucheln brachte, was Sokratis erst den Torschuss ermöglichte) als Foul zu werten.

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Sondern auch und vor allem deshalb, weil sie davon ausgingen, dass Ittrich bereits abgepfiffen hatte, als der Ball ins Tor rollte. Tatsächlich hätte der Treffer nicht zählen dürfen. Denn in den Fußballregeln heißt es klipp und klar: "Jeder Pfiff unterbricht das Spiel." Automatisch, sofort und unwiderruflich. Dass der Ball in Dortmund, als der Schiedsrichter in seine Pfeife blies, bereits kurz vor dem Überschreiten der Torlinie war und von keinem Kölner mehr hätte aufgehalten werden können, spielt dabei keine Rolle: Die Regelung lässt keinerlei Spielraum. Und das bedeutet auch: Der Video-Assistent hätte eigentlich nicht eingreifen dürfen, denn die Partie war ja bereits vor der Torerzielung unterbrochen, und es lag auch ansonsten keine Situation vor, in der eine Intervention zulässig gewesen wäre. Doch offensichtlich waren sowohl Felix Brych als auch Patrick Ittrich davon überzeugt, dass der Pfiff erst erfolgte, als der Ball bereits im Kölner Kasten lag. Das hatte folgenschwere Konsequenzen, die nun auch die sportrechtlichen Instanzen des DFB beschäftigen werden.

Denn der 1. FC Köln hat angekündigt, Einspruch gegen die Spielwertung zu erheben, um eine Neuansetzung zu erreichen. Schließlich habe der Schiedsrichter nicht bloß eine falsche Tatsachenentscheidung getroffen, sondern einen Regelverstoß begangen. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass der Unparteiische bei einer Tatsachenentscheidung eine Feststellung trifft, die zwar falsch sein kann, bei der aber die Regeln auf der Grundlage des subjektiv Wahrgenommenen richtig angewendet werden, weshalb sie sakrosankt ist. Bei einem Regelverstoß dagegen folgt auf die Feststellung eines Sachverhalts die regeltechnisch falsche Konsequenz, etwa hinsichtlich der Spielfortsetzung.

Tatsachenentscheidung oder Regelverstoß?

Will man die Aussichten des 1. FC Köln auf ein Wiederholungsspiel einschätzen, ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich. Denn bereits vor 20 Jahren kam es zu einem ähnlichen Vorfall wie nun in Dortmund. Damals erkannte Schiedsrichter Michael Malbranc im Spiel zwischen 1860 München und dem Karlsruher SC in der 88. Minute beim Stand von 2:1 für die Löwen den Ausgleichstreffer des KSC durch Sean Dundee an, obwohl er kurz vor dessen Torschuss die Begegnung wegen eines Fouls per Pfiff unterbrochen hatte. Die Münchner protestierten, der DFB setzte die Begegnung neu an. Doch die Fifa kassierte das Urteil mit der Begründung, es habe sich um eine Tatsachenentscheidung des Referees und damit um einen "unumstößlichen Fakt" gehandelt. Malbranc hatte ausgesagt, er habe "erst nach dem Tor gepfiffen".

Jünger ist das "Phantomtor", das der Leverkusener Stefan Kießling im Oktober 2013 beim Spiel seiner Mannschaft in Hoffenheim erzielte. Seinerzeit war der Ball durch ein Loch im Außennetz ins Gehäuse der Gastgeber geflutscht, Schiedsrichter Felix Brych hatte dennoch auf Tor entschieden. Ein Regelverstoß? Nein, urteilte das DFB-Sportgericht.

Schließlich hätten der Referee und seine Assistenten glaubhaft versichert, auf dem Platz von einer korrekten Torerzielung überzeugt gewesen zu sein. Damit lag auch hier lediglich eine - wenngleich falsche - Tatsachenentscheidung vor, die nicht zu einem Wiederholungsspiel führen konnte. Wesentlich waren in beiden Fällen die Wahrnehmung des Unparteiischen auf dem Spielfeld und die daraus resultierende Entscheidung. Das heißt etwa für den Fall Malbranc: Ein Regelverstoß hätte nur dann vorgelegen, wenn der Referee eingeräumt hätte, bereits vor der Torerzielung gepfiffen und den Treffer dann irrtümlich für gültig erklärt, also die Regeln falsch angewendet zu haben. Dass sein Fauxpas unzweifelhaft und objektiv nachzuweisen war - genauso wie Brychs Fehler in Hoffenheim –, blieb ohne Belang. Für die Fifa wog die auf dem Platz getroffene Entscheidung des Schiedsrichters schwerer.

Angesichts dessen ist nicht davon auszugehen, dass dem Einspruch des 1. FC Köln stattgegeben werden wird. Denn wenn es Schiedsrichter Patrick Ittrich und dem Video-Assistenten Felix Brych bewusst gewesen wäre, dass der Pfiff bereits ertönt war, bevor der Ball die Torlinie überschritt, dann hätte sich ihre Unterhaltung in der Nachspielzeit der ersten Hälfte erübrigt, und es wäre mit einem Freistoß für die Kölner weitergegangen. Die Torentscheidung konnten sie nur in der Überzeugung treffen, dass die Partie noch nicht unterbrochen war. Damit aber dürfte erneut eine unanfechtbare Tatsachenentscheidung vorliegen und kein Regelverstoß.

Zumal es in den Richtlinien des International Football Association Board (Ifab) zum Videobeweis heißt: "Ein Spiel ist nicht ungültig aufgrund falscher Entscheidungen, die den Video-Assistenten betreffen (da der Video-Assistent ein Spieloffizieller ist)." Warum es Felix Brych bei der Überprüfung der Szene entging, dass die Partie im Moment der Torerzielung bereits durch einen Pfiff unterbrochen war, ist nicht überliefert. Schmerzhaft ist in jedem Fall, dass der Videobeweis – mit dem in dieser Saison bereits einige klare Fehler der Schiedsrichter korrigiert werden konnten – in diesem Fall für ein Problem gesorgt hat, das es ohne ihn nicht gegeben hätte.

Krug widerspricht sich selbst

Die Diskussionen über den zweiten Dortmunder Treffer stellten die Debatten in den Schatten, die es zuvor über eine heftige Szene im Spiel zwischen den VfB Stuttgart und dem VfL Wolfsburg (1:0) gab. Dabei war der Wolfsburger Keeper Koen Casteels nach 84 Minuten aus seinem Tor geeilt, um einen hohen Ball aus dem Strafraum zu befördern. Im Sprung traf er mit einer Faust klar den Ball, mit vorgestrecktem Knie aber auch den Kopf des Stuttgarters Christian Gentner. Der Kapitän der Schwaben blieb regungslos liegen, im Krankenhaus wurden eine Gehirnerschütterung sowie Brüche des Augenhöhlenbodens, des Nasenbeins und des Oberkiefers diagnostiziert.

47eb78dd2aa7ee43ce2036083ef2a14e.jpg

Die entscheidende Szene im Spiel des VfB gegen Wolfsburg: Koen Casteels springt mit angezogenem Knie zum Ball - und trifft Christian Gentner am Kopf.

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Weil Casteels erkennbar auf den Ball fokussiert war, den er auch eindeutig spielte, ließ Schiedsrichter Guido Winkmann die Partie weiterlaufen. In der nächsten Unterbrechung fragte er, während Gentner behandelt wurde, jedoch noch einmal beim Video-Assistenten Deniz Aytekin nach. Aber auch für diesen war nichts Strafwürdiges geschehen. Hellmut Krug, der Projektleiter Videobeweis beim DFB, bestätigte diese Einschätzung. In einer Erklärung, die der DFB nach dem Spiel via Facebook verbreitete, sagte er, die Entscheidung sei regeltechnisch "zwar grenzwertig, aber vertretbar", auch wenn der Zusammenprall schlimm aussehe und die schwere Verletzung von Gentner mehr als bedauerlich sei.

Diese Stellungnahme überrascht insofern, als Krug bei einer ähnlichen, der Fußball-Öffentlichkeit im Gedächtnis gebliebenen Spielszene zum gegenteiligen Urteil gekommen war: Nachdem der deutsche Torhüter Manuel Neuer im WM-Finale des Jahres 2014 den Ball weggefaustet, gleichzeitig aber auch den Argentinier Gonzalo Higuaín mit angezogenem Knie aus dem Weg geräumt hatte, erklärte der damalige Schiedsrichter-Manager der DFL, die Deutschen hätten "viel Glück gehabt". Denn Neuer sei "mit übermäßigem Körpereinsatz in den Zweikampf gegangen". Er habe zwar den Ball gespielt, dabei aber "voll den Gegner erwischt". Krugs damaliges Resümee: "Das ist für uns Strafstoß und Gelb."

Eine nachvollziehbare Bewertung, die auch zu Casteels‘ Einsatz gegen Gentner gepasst hätte. Und da der Wolfsburger Schlussmann bereits verwarnt war, hätte das neben dem Elfmeter auch Gelb-Rot bedeutet. Zwar muss man den Torhütern zugestehen, dass sie ein Knie beim Sprung zum Ball ein wenig vorstrecken, als Teil einer natürlichen Bewegung und auch, um sich zu schützen. Wenn dann aber der Gegner derart heftig getroffen wird, wie es bei Higuain und vor allem bei Gentner der Fall war, liegt kein unglücklicher Zusammenprall mehr vor, sondern ein rücksichtsloses Foul. Entgeht dies dem Unparteiischen, sollte der Video-Assistent eingreifen, wenn sich das Vergehen im Strafraum zuträgt.

Die spektakulären Fälle in Dortmund und Stuttgart bescheren der DFL und dem DFB nun weitere Diskussionen über den Videobeweis, den manche Kritiker für nicht ausgereift halten und andere am liebsten sogar wieder abschaffen würden. Die Ungeduld ist so groß wie die Erwartungshaltung. Dabei wird gerne vergessen, dass es sich um den Test einer einschneidenden Neuerung handelt, bei dem Fehler, Zweifelsfälle und Missverständnisse nun mal nicht auszuschließen sind. Und der bislang auch viele sehr positive Ergebnisse hervorgebracht hat. Ein bisschen weniger Aufregung täte deshalb gut – zumal erst vier Spieltage absolviert sind.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema