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Montag, 26. Februar 2018

"Collinas Erben" fühlen Abseits: Wie Zwayer im hitzigen Nordduell cool blieb

Von Alex Feuerherdt

Das Tor des SV Werder gegen den HSV fällt kurz vor Schluss und aus abseitsverdächtiger Position. Der Schiedsrichter erkennt es an - und handelt regelkonform. Auch als Hamburgs Fans Feuerwerkskörper abschießen, reagiert er angemessen.

Eines Besseren besonnen hatte sich Heribert Bruchhagen dann am Sonntagmorgen. Er bedaure, was er "in der ersten Emotion über die Videoschiedsrichter in Köln gesagt" habe, teilte der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV mit. "Das war nicht richtig." Bruchhagen hatte im Interview mit dem Bezahlsender Sky gleich nach der Niederlage seines HSV beim SV Werder Bremen an diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga die Rechtmäßigkeit des Siegtreffers der Gastgeber mit markigen Worten angezweifelt. "Was sind das für Leute, die da in Köln sitzen?", hatte der 69-Jährige erregt gefragt. "Ich brauche da nur einmal draufzugucken, da sehe ich, das Tor, das ist doch Abseits. Jeder, der ein bisschen Fußball gespielt hat, der sieht, dass es Abseits ist." Die Unparteiischen, allen voran der Video-Assistent, hätten jedoch offenbar nicht Fußball gespielt und könnten eine Abseitsstellung deshalb "nicht sehen und nicht erfühlen".

Moment mal: Schiedsrichter Felix Zwayer unterbricht die Partie im Weserstadion, nachdem Hamburger Fans einen Feuerwerkskörper auf den Rasen geworfen haben.
Moment mal: Schiedsrichter Felix Zwayer unterbricht die Partie im Weserstadion, nachdem Hamburger Fans einen Feuerwerkskörper auf den Rasen geworfen haben.(Foto: imago/Kirchner-Media)

Bruchhagens Schiedsrichterschelte entbehrte nicht einer gewissen Komik. Denn während er sie vor laufender Kamera vortrug, spielte die Regie die betreffende Szene noch einmal ein - und die Bilder zeigten, dass der HSV-Chef höchstwahrscheinlich irrte, zumindest aber in seiner Aufregung erheblich überzogen hatte. Als nämlich der Bremer Aron Johannsson aufs Hamburger Tor schoss, befand sich sein Mitspieler Ishak Belfodil - der den daraufhin vom Gästetorwart Christian Mathenia abgewehrten Ball zu erreichen versuchte und dabei Rick van Drongelen mit großem, aber nicht unfairem Körpereinsatz förmlich zu einem Eigentor zwang - wohl auf gleicher Höhe mit dem Ball und somit nicht im Abseits.

Jedenfalls ließ sich "auch aus unterschiedlichen Perspektiven nicht klar und zweifelsfrei nachweisen, dass sich Belfodil im Moment des Torschusses vor dem Ball befand", wie die DFB-Schiedsrichter-Kommission am Samstagabend erklärte. Deshalb sei es richtig gewesen, "dass der Video-Assistent in diesem Fall nicht korrigierend eingriff", nachdem Referee Felix Zwayer den Treffer anerkannt hatte. Schließlich habe "kein klarer und offensichtlicher Fehler" vorgelegen. Diese Maßgabe gilt auch für eine mögliche Abseitsstellung im Vorfeld einer Torerzielung, solange den Video-Assistenten keine kalibrierten Linien zur Verfügung stehen. Die DFL hatte unlängst erklärt, es gebe noch kein von der Fifa und dem Ifab zertifiziertes und zugelassenes System mit diesen Linien.

Abseitslinien des Fernsehens ungenau

Deshalb arbeiten die Video-Assistenten mit Blick auf mögliche Abseitsstellungen nach Toren gänzlich ohne Hilfsmarkierungen, auch ohne jene, die vom Fernsehen eingeblendet werden – und täuschen können. Nicht nur, weil diese Linien bisweilen ungenau gezogen werden, sondern auch, weil das Bild nicht immer im richtigen Moment angehalten wird: Verbreitet ist die Ansicht, zur Bestimmung eines möglichen Abseits sei jener Augenblick wesentlich, in dem der Ball beim Zuspiel den Fuß oder einen anderen Körperteil des angreifenden Spielers verlässt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Das aber stimmt nicht, wie das Ifab im September vergangenen Jahres in einem Rundschreiben an alle Fußballverbände und -konföderationen noch einmal deutlich gemacht hat. Darin heißt es: "Bei der Beurteilung einer Abseitsstellung ist der erste Kontakt beim Spielen oder Berühren des Balls entscheidend." Diese Klarstellung sei nötig, da bei den von den Video-Assistenten verwendeten Zeitlupen "zwischen dem ersten und dem letzten Ballkontakt (bei einem Zuspiel) ein deutlicher Unterschied besteht" - etwa, wenn der Ball beim Passen oder Lupfen ein Stück mit dem Fuß geführt wird. Wenn das Fernsehen dann aber ein Standbild präsentiert, in dem das Ende des Kontakts statt des Beginns festgehalten ist, kann das zur falschen Beurteilung einer möglichen Abseitssituation führen. Schließlich können sich in Bruchteilen einer Sekunde entscheidende Verschiebungen ergeben.

Warum die Referees beim Tor des Tages richtig handelten

Gleichwie: Felix Zwayer lobte bei Sky seinen Assistenten dafür, kein Fahnenzeichen gegeben, sondern abgewartet zu haben, wie die Szene ausgeht. Nach dem Tor habe der Helfer an der Linie dann über Funk mitgeteilt, "dass es sich um eine knappe Situation handelt, und darum gebeten, dass in Köln auf Abseits überprüft wird". Ein solches Vorgehen hatte der Chef der Bundesliga-Referees, Lutz Michael Fröhlich, im "Kicker" als wünschenswert bezeichnet.

"Warten, bis der Ball gegebenenfalls im Tor ist": Lutz Michael Fröhlich.
"Warten, bis der Ball gegebenenfalls im Tor ist": Lutz Michael Fröhlich.(Foto: imago/Hartenfelser)

"Schiedsrichter sollten das Spiel laufen lassen, wenn ein Angreifer im vermeintlichen Abseits einen direkten Abschluss zum Tor hat", sagte er. "Die Fifa trainiert in ihren Lehrgängen die Variante, dass die Assistenten im Zweifelsfall gar nicht winken sollen, sondern warten, bis der Ball gegebenenfalls im Tor ist. Dann kann die Position im Nachhinein überprüft werden."

Das verschafft der angreifenden Mannschaft, solange es noch keine kalibrierten Linien gibt, in engen Situationen allerdings einen Vorteil. Denn da ein Tor in einem solchen Fall eben nur dann annulliert wird, wenn der Video-Assistent ein strafbares Abseits eindeutig feststellen kann, bleiben knappe Abseitsstellungen, bei denen die Kameraperspektiven keine Klarheit schaffen, im Zweifelsfall ungeahndet. Das dürfte noch für manch böse Kommentare von erbosten Trainern oder Funktionären sorgen, die ein hauchzartes Abseits für "glasklar" und "unübersehbar" und die Schiedsrichter für unfähig halten. Aber diese Begünstigung der Offensive kennzeichnet etliche Änderungen der Regeln oder von deren Auslegung, die das Ifab in den vergangenen Jahren vorgenommen hat - gerade beim Abseits.

Besonnener Umgang mit den Provokationen der HSV-Fans

Der stark pfeifende Zwayer hatte sich jedoch nicht nur beim Tor des Tages im Nordduell richtig verhalten, sondern war auch mit dem Einsatz von Pyrotechnik durch Fans des Hamburger SV umsichtig umgegangen. Vor allem in der ersten Hälfte waren mehrmals Feuerwerksraketen und Knallkörper aus dem Gästeblock auf den Platz und in umliegende Zuschauerbereiche geflogen. "Wir hatten die eine oder andere Situation, in der das Abbrennen von Pyrotechnik überhandgenommen hat", sagte der Unparteiische nach der Partie. "Wir haben dann zweimal kurz unterbrochen und die Spieler und meinen Assistenten aus dem Gefahrenbereich geholt." Dann aber habe sich "die Situation wieder ein bisschen beruhigt, sodass wir weitermachen konnten". Die Sicherheit der Spieler habe dabei stets im Mittelpunkt gestanden.

Grundsätzlich folgen Schiedsrichter bei gravierendem Fehlverhalten von Zuschauern – dazu gehören außer der Gefährdung von Menschen durch Pyrotechnik beispielsweise auch diskriminierende Aktivitäten – einem Dreistufenmodell: Erst wird das Spiel kurz unterbrochen und eine Durchsage veranlasst, in einem zweiten Schritt verlässt der Unparteiische mit den Mannschaften vorübergehend das Spielfeld, die letzte Konsequenz und ultima ratio ist der Spielabbruch. Von einem solchen habe man "hier und heute allerdings nicht sprechen" müssen, wie Zwayer betonte. "Auch nicht von der konkreten Gefahr. Wir hatten für die zweite Halbzeit noch alle Optionen, auch die einer längeren Unterbrechung, sodass dann auch Ordnungskräfte hätten eingreifen können."

Am Ende sei alles "mehr oder weniger glimpflich ausgegangen, sodass wir das Spiel ordnungsgemäß zu Ende bringen konnten", resümierte der Referee aus Berlin. Dass das möglich war, lag nicht zuletzt an ihm und seinem besonnenen, überlegten und deeskalierenden Auftreten. Umso bedauerlicher, dass Heribert Bruchhagen das nicht zu würdigen wusste und außerdem eine Nacht brauchte, um von seiner unangebrachten Kritik an den Unparteiischen zurückzutreten.

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Quelle: n-tv.de