Redelings Nachspielzeit

Bundesliga an Silvester? Der große Hangover bei den Fußballstars

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Zu Mainzer Zeiten hatte Klopp "zwischen den Jahren" frei, beim FC Liverpool ist das anders.

(Foto: imago/Alfred Harder)

In England ist es gute Tradition zwischen den Jahren Profifußball zu spielen. Bei uns jedoch regiert normalerweise die Winterpause. Das war allerdings nicht immer so. Zwei Spiele fanden in der Bundesliga an Silvester statt - wenn sich doch nur noch jemand dran erinnern würde!

In England ist der Boxing Day, wie er wieder am vergangenen Samstag stattfand, eine uralte Tradition. Seit 1860 erstmals ein Fußballspiel - das legendäre und prestigeträchtige Derby zwischen dem Sheffield FC und Hallam FC - am zweiten Weihnachtstag ausgetragen wurde, dürstet es die Briten nach diesem Happening an einem Tag, an dem die Welt des Abendlandes ansonsten stillsteht.

Doch auf der Insel gibt es noch eine weitere Tradition, die die Herzen der Fußballfans erfreut und die Disziplin der Profikicker ein zweites Mal herausfordert: die Ligaspiele an Neujahr! Während die Anhänger die Partien nach einer durchzechten Nacht gerne für einen ausgedehnten Ausflug an die frische Luft nutzen, bedeutet der ungewöhnliche Termin für die Profis regelmäßig Verzicht. Denn die meisten Spieler gehen bereits vor dem Jahreswechsel ohne jede Feierlichkeit zu Bett.

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In Deutschland haben es die Fußballstars in dieser Hinsicht seit jeher deutlich besser. Die sogenannte Winterpause lässt den Ligabetrieb in normalen Zeiten über mehrere Wochen ruhen. Spiele wie 1978, als man sich am 30. Dezember in Darmstadt zu einer Begegnung der Lilien gegen den VfL Bochum traf, sind eine echte Seltenheit. Damals brachte die ungewöhnliche Terminierung übrigens den späteren Frankfurter und Leverkusener Publikumsliebling Bum-kun Cha in arge Bedrängnis.

Erinnert sich denn niemand mehr?

Denn der Südkoreaner war direkt nach seinem Bundesliga-Debüt wie vom Erdboden verschluckt. Sogar den Umschlag mit seiner Siegprämie (1500 DM) hatte Bum-kun Cha in Darmstadt liegen lassen. Der Grund: Er musste am 1. Januar in seiner Heimat den Militärdienst antreten und war aufgrund der ungewöhnlichen Ansetzung äußerst spät dran.

Doch es gab tatsächlich auch in der langen Historie der Fußball-Bundesliga zwei Partien, die am allerletzten Tag des Jahres angepfiffen wurden. Nur: Es kann sich fast keiner der damals dran Beteiligten noch recht an diese beiden Silvester-Spiele erinnern. Liegt das etwa an den über 50 Jahren, die seitdem vergangen sind? Oder vielleicht doch auch an dem besonderen Datum und den feucht-fröhlichen Feierlichkeiten, die üblicherweise an diesem Tag zelebriert werden?

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Wie dem auch sei. Die erste Begegnung an einem 31. Dezember fand im Jahr 1964 in Nürnberg statt. Der Club gegen den VfB Stuttgart hieß die Partie. Und nicht nur der Termin war außergewöhnlich - auch die Anstoßzeit an diesem winterlichen Donnerstag entsprach nicht der Regel. Immerhin hatten sich damals aber um 15 Uhr knapp 23.000 Zuschauer im Städtischen Stadion eingefunden.

Ein "maßlos trauriges" Schauspiel

Wer sich von diesen noch an die Partie erinnert, ist leider nicht überliefert. Aber Spieler wie die Nürnberger Legenden Horst Leupold oder Luggi Müller haben heute keinen blassen Schimmer mehr, dass sie damals Geschichte geschrieben haben. Müller hat zwar noch genau die Umstände der Begegnung vor Augen, weiß aus dem Stand, dass er kurz vorher am Blinddarm operiert worden war und er deshalb seinen späten Ausgleichstreffer zum 1:1 umso spezieller gefeiert habe - aber, dass die Partie am Silvestertag ausgetragen wurde, nee, das sei ihm entfallen.

Und auch das Spiel genau ein Jahr später zwischen der ruhmreichen Tasmania aus Berlin und Eintracht Braunschweig ist im Nirwana des Vergessens verschluckt worden. Nur die alten Aufzeichnungen von damals belegen eindeutig, dass es diese Begegnung überhaupt gegeben hat. Doch das, was die Sportmagazine über diese "maßlos traurige Partie" zu berichten hatten, klingt tatsächlich nach einem Tag zum Vergessen. Kein Wunder also, dass die Spieler noch heute einen Hangover haben, wenn sie verzweifelt versuchen, sich an das Spiel zu erinnern.

Dieses Mal setzte der DFB die Partie, die von Schiedsrichter Günther Baumgärtel geleitet wurde, sogar bereits um 14 Uhr an. Vielleicht lag es an dieser frühen Anstoßzeit oder an der mittlerweile schon aussichtslosen sportlichen Lage der Tasmania in der Liga, dass sich nur knapp 3.000 zahlende Besucher im weiten Rund des Olympiastadions einfanden und dabei einen ungefährdeten 2:0-Sieg der Braunschweiger sahen.

Tasmania drückt Schalke ein bisschen die Daumen

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Das "Trauerspiel", wie die Presse hinterher schrieb, war die letzte Partie, die der DFB an diesem besonderen Datum austragen ließ. Auch in Zeiten größter Terminnot kamen die Fußballoffiziellen in Frankfurt nicht mehr auf die Idee, ein Spiel ausgerechnet auf den Silvestertag zu legen. Vermutlich haben auch die eher bescheidenen Erfahrungen, die die Liga mit diesem Datum damals gemacht hatte, zu dieser Entscheidung geführt.

Selbst in diesem besonderen Jahr ist es dabei geblieben, dass die Bundesliga zwischen dem 23. Dezember und dem 2. Januar pausiert. Jürgen Klopp dagegen musste mit dem FC Liverpool am 27. und am 30. Dezember ran - aber ohne Fans in den Stadien war es auch in England am Boxing Day und wird es an Neujahr nicht dasselbe sein wie in all den anderen Jahren zuvor.

Doch ein Klub findet diese Auszeit zwischen den Jahren richtig gut. Denn bei Tasmania 1900 Berlin hoffen sie inständig, dass der FC Schalke 04 die kurze Pause sinnvoll nutzt, um mit frischen Energien ins neue Jahr zu starten. Denn ihren alten Negativ-Rekord aus der Saison 1965/66, als sie selbst an Silvester verloren, wollen die Berliner gerne noch etwas länger behalten.

Quelle: ntv.de