Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Grigg's on fire Die bittersüßen Tränen des Cristiano Ronaldo

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Erst Tränen der Verzweiflung, dann der Freude: Cristiano Ronaldo.

(Foto: imago/Revierfoto)

Sportlich war die Fußball-Europameisterschaft 2016 über weite Strecken ein Desaster. Da machte das Endspiel zwischen Portugal und Frankreich keine Ausnahme – bis Ronaldo anfing zu weinen. Doch glücklicherweise passierte abseits des grünen Rasens viel Schönes!

Der englische Trainer Paul Jewell hat einmal über den portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo gesagt: "Er ist 1,87 Meter groß, mutig wie ein Löwe, stark wie ein Ochse und schnell wie der Blitz. Wenn er auch noch gut aussehen würde, könnte man sagen, er hat alles." Und dann Jewell herzhaft gelacht.

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Die Euro 2016 wäre ohne die sportliche Klasse und die Emotionen des Cristiano Ronaldo schlicht nicht denkbar gewesen. Zu durchschnittlich und oftmals auch langweilig waren die Spiele dieser Europameisterschaft. Und das war selbst beim Finale zwischen Portugal und Frankreich über lange Strecken der Partie das Problem. Doch dann verletzte sich Ronaldo - und das Endspiel erfuhr eine dramatische Wende, wie der "Daily Mirror" schrieb: "Aus den Tränen der Verzweiflung wurden Tränen der Freude. Portugal schockte Frankreich."

Denn als der portugiesische Superstar das Feld weinend verlassen musste, passierte etwas, das die wenigsten erwartet hätten, wie die schwedische Zeitung "Expressen" am nächsten Tag notierte: "Cristiano hatte das ganze Turnier für alle anderen gespielt, und jetzt spielten alle anderen für ihn." Eder schoss das entscheidende Tor für Portugal und Ronaldo weinte das zweite Mal an diesem Tag. Die "Correio de Manha" schrieb: "Nach Eders Tor konnte er seine Gefühle nicht zurückhalten. Das Ende der Fußball-EM hatte einen bittersüßen Geschmack für Cristiano Ronaldo."

"Ein Spiel ohne einen Tropfen Fußball"

Doch all diese Tränen können über die sportliche Farce, die beide Mannschaften über weite Strecken der 120 Minuten ("Ein Spiel ohne einen Tropfen Fußball", "ABC") boten, nicht hinwegtäuschen. Und wenn bei einem Endspiel eine Motte, die sich auf die Stirn des verletzt-leidenden Cristiano Ronaldo - Sie erinnern sich sicherlich! - setzte, innerhalb weniger Sekunden nicht nur einen eigenen Twitter-Account besitzt, sondern nach drei Minuten bereits über 6000 Follower hinter sich versammelt hat, weiß man über den sportlichen Reiz und Wert eines Turniers Bescheid.

Kein Wunder also, dass das Fazit der spanischen Zeitung "El Mundo Deportivo" knallhart ausfiel: "Ein Finale ohne fußballerischen Glanz wie über das ganze Turnier, es lebte von den Emotionen." Und von den vielen herrlichen Geschichten abseits des grünen Rasens.

So spielte der heimliche Star der EM tatsächlich keine einzige Sekunde. Und dennoch wird uns der Nordire Will Grigg ewig im Gedächtnis bleiben. Der Gesang, der dem Profi von Wigan Athletic gewidmet wurde, klingt in den Ohren nach. "Will Grigg's on fire, your defence is terrified" brachte ein atmosphärisch unterkühltes Fußballereignis wenigstens hier und da in Wallungen. Ohnehin: Was wären diese vier Wochen in Frankreich ohne diese großartigen Fans aus (Nord-)Irland, Wales, Schweden oder Island gewesen? Was alleine die Iren in den zwei Wochen ihrer Anwesenheit für den Fußball und weit darüber hinaus geleistet haben, das kann man in Gold nicht aufwiegen.

Fans waren deutlich kreativer als die Spieler

Einfach überragend, wie die Boys in Green einem französischen Rentner beim Reifenwechsel halfen. Oder wie sie ein Baby in der Metro in den Schlaf gesungen haben. Eine Traumszene spielte sich in dieser Situation ab, als ein Fan den anderen anschrie und lautstark um Ruhe bat ("Shut up. Here's a baby on board!"), woraufhin der komplette Waggon einen Finger an den Mund legte und leise erwiderte: "Psssssst!". Danach stimmten alle erneut "Twinkle, twinkle little star, how I wonder what you are?" an.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Ein weiterer Höhepunkt war das Zusammentreffen von irischen und schwedischen Anhängern. Die Iren schmetterten den Schweden dabei grinsend entgegen: "Go home to your sexy wives". Das taten sie dann auch. Recht schnell, nach drei Vorrundenspielen.

Auch im Stadion präsentierten sich die Fans auf den Tribünen häufig einfallsreicher als die Spieler auf dem Platz. Ins Auge fielen bei einer Partie fünf kernige Jungs mit rot verbrannten Gesichtern und einer gewissen Bierschwere im Blick. Unzweifelhaft musste es sich um Männer von der Insel handeln. Stolz hielten sie ein Banner in die Höhe: "Bitte filmt uns nicht. Unsere Frauen denken, wir wären beim Fischen in West-Wales".

Die heimlichen Europameister der Herzen

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Und dann waren da natürlich noch diese spektakulären Isländer. Ein Land von knapp über 300.000 Einwohnern schickte nicht nur 10.000 Landsleute nach Frankreich, sondern schaffte es zudem noch ein Team von 23 Spielern zu stellen. Und das, obwohl alleine 708 Männer beim Walfang unabkömmlich waren und 780 ständige Vulkan-Beobachter nicht zur Verfügung standen. Sie haben das Turnier durch ihre erfrischende Art gerettet und wurden so zum heimlichen Europameister der Herzen.

Und so viel Humor, wie Paul Jewell bei seiner Beschreibung des portugiesischen Superstars Cristiano Ronaldo bewiesen hat, haben die Isländer zudem noch im Gepäck nach Frankreich gehabt. So meinte Heimir Hallgrimsson, der Co-Trainer der isländischen Nationalmannschaft, nach einer Partie sympathisch grinsend: "Wenn bei uns ein Spieler eine gelbe Karte bekommt, tauscht er einfach das Trikot mit einem anderen. Uns kennt sowieso keiner." Das hat sich dann allerdings mit dem Turnier in Frankreich auch schlagartig geändert. Und mittlerweile sollen isländische Ex-Fußballer sogar deutsche Tanzwettbewerbe gewinnen. Aber das ist ein anderes Thema! Jetzt erst einmal viel Vergnügen bei der Europameisterschaft und ein herzliches Glück auf!

Quelle: ntv.de

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