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Und Uli Hoeneß weint heute noch, wenn er den Namen Jupp Heynckes hört.
Und Uli Hoeneß weint heute noch, wenn er den Namen Jupp Heynckes hört.(Foto: imago/ActionPictures)
Donnerstag, 05. Oktober 2017

Redelings über den Bayern-Coach: Heynckes gewinnt Spiele für 12,50 Euro

Von Ben Redelings

Jupp Heynckes ist zurück! Und damit geht eine der größten Liebesgeschichten der Bundesliga-Historie weiter. Doch die Bayern-Profis können sich auf etwas gefasst machen. Warum ab sofort wieder Disziplin herrscht, erzählt unser Kolumnist.

Es ist so naheliegend – und doch hatte niemand ernsthaft damit gerechnet. Dabei folgt Jupp Heynckes Rückkehr einem alten Muster von Uli Hoeneß. Nicht umsonst hatte eine auflagenstarke Zeitung sogar über ein Comeback des Feierbiestes van Gaal spekuliert. Doch das war Quatsch. Denn zurück kommen nur die verflossenen Lieben des Uli Hoeneß'. Und Jupp Heynckes ist ohne Zweifel eine der größten und schönsten Liebesgeschichten, die der heutige Aufsichtsratsvorsitzende und der FC Bayern je erlebt haben.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Dabei ist Jupp Heynckes bei weitem kein einfacher Typ. Als die Münchner in der mittlerweile schon legendären Triple-Sieger-Saison im Wintertrainingslager in Dubai  weilten, soll sich folgende Geschichte zugetragen haben. Die beiden Führungsspieler Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos sollen bei einer Einheit nicht die gleichen Socken wie der Rest der Mannschaft getragen haben. Deshalb habe sich Heynckes die langjährigen Nationalspieler nach dem Training höchstpersönlich zur Brust genommen: "Wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir brauchen Disziplin. Das fängt bei einheitlichen Socken an!" Ob die Geschichte tatsächlich stimmt? Man darf es annehmen!

Einen Sinn fürs Korrekte kann man dem gebürtigen Mönchengladbacher (damals als er geboren wurde, hieß die Stadt übrigens noch München-Gladbach) also durchaus attestieren. Oder wie es das Urgestein des FC Bayern, Klaus Augenthaler, einmal in einem Vergleich verpackte: "Jupp Heynckes weiß genau, wer raucht, und zählt deine Bierchen. Das war bei Udo Lattek anders. Der hat selbst am meisten gesoffen."

Unser Kolumnist: Ben Redelings.
Unser Kolumnist: Ben Redelings.(Foto: Sascha Kreklau)

Einer der Beweggründe des mehrfachen Deutschen Meisters als Spieler 1987 von Gladbach nach München zum FC Bayern zu wechseln, klingt deshalb auch umso kurioser: Er hatte Schmacht! Heynckes: "Nach jedem Titelgewinn habe ich mir eine Zigarette genehmigt. Da hat mir unser Präsident Dr. Beyer stets das Feuer gereicht. Ich hoffe, dass ich in München öfter die Gelegenheit habe, mir eine Zigarette anzustecken. Seit acht Jahren bin ich jetzt schon Abstinenzler."

Exodus nach Italien nervt Heynckes

Das Problem sollte er in den Griff bekommen haben. Die Zeit bei den Bayern war von Erfolgen geprägt. Nur eine Sache störte Heynckes in diesen Tagen gewaltig. Immer mehr Spieler wurden ihm aus Italien weggekauft. Der Bayern-Trainer versuchte die Sache dennoch mit Humor zu nehmen: "Wir haben jetzt auch unserem Busfahrer Rudi Egerer und unserem Platzwart Berti Eichhorn Dreijahres-Verträge gegeben, damit die nicht auch noch italienische Klubs holen wollen."

Niemand rechnete damals damit, dass die Ehe zwischen Heynckes und den Bayern irgendwann einmal geschieden werden müsste. Doch nach einer sportlichen Durststrecke entschied sich Manager Uli Hoeneß im Oktober 1991 schweren Herzens zum Rauswurf von Heynckes. Viele Jahre später sagte sein Bruder Dieter einmal: "Mein Bruder weint heute noch, wenn er den Namen Jupp Heynckes hört." Hoeneß bezeichnet diese Entlassung immer noch als die schwerste seiner gesamten Karriere. Das wird anschaulich, wenn man die Stunden dieses ereignisreichen Tages Revue passieren lässt. Heynckes erinnert sich: "Als ich mich von der Mannschaft verabschiedete, war mein Nachfolger Sören Lerby auch anwesend, Uli Hoeneß und ich hielten bewegende Reden, da war schon Trennungsschmerz zu spüren. Am selben Abend lösten wir den Vertrag in Schatzmeister Kurt Hegerichs Haus in Rottach-Egern auf. Nicht einmal fünf Minuten dauerte das. Anschließend haben wir lecker gegessen und Schafkopf gespielt bis Mitternacht."

"Jupp Heynckes braucht einen Flipchart und fünf Eddingstifte"

Wenn Heynckes mal die Sau rauslässt.
Wenn Heynckes mal die Sau rauslässt.(Foto: imago sportfotodienst)

Für Hoeneß war die Rückkehr seines Freundes im Jahr 2009 ein besonderer Moment. Vor allem nach all den Erlebnissen zuvor mit Jürgen Klinsmann. Strahlend verkündete er: "Jupp Heynckes braucht einen Flipchart und fünf Eddingstifte. Da kostet einer 2,50 Euro. Und da malt er auf die Tafel die Aufstellung des Gegners und sagt ein paar Takte dazu. Mit Heynckes gewinnen wir Spiele für 12,50 Euro." Auch Heynckes war glücklich. Im Triple-Jahr 2013 gelang der Gewinn des nationalen Titels schon sehr vorzeitig – im Frühjahr. Schnee und Eis waren gerade erst vom Rasen gefegt worden. Heynckes frohlockte erstaunt: "Bei so kühlem Wetter bin ich noch nie deutscher Meister geworden!"

Der Erfolg der späten Jahre lag auch daran, dass der Mönchengladbacher Jung sich verändert hatte. Trainer-Kollege Reinhard Saftig sagte beeindruckt: "Der Jupp Heynckes ist lockerer geworden. Der hatte früher sogar einen Rückspiegel im Bus, um auch auf den hinteren Rängen alles mitzukriegen." Gelöst und mit lustig blinzenden Augen sah man ihn in den Pressekonferenzen. Humorvoll beantwortete er die Fragen der Journalisten: "Wenn wir Champions-League-Sieger werden, dürfen mich die Spieler für einen Tag duzen."

Und als es dann so weit war und die Mannschaft tatsächlich in London den großen Titel geholt hatte, nutzte ein anderer die Gunst der Stunde für eine persönliche Ansprache. Hermann Gerland ergriff auf der Feier das Mikrofon: "Josef, Champions-League-Sieger, ich habe einen Wunsch. Ich möchte, dass du mal ein wenig lockerer wirst. Denn irgendwann kommt der Sensenmann. Du kommst in den Himmel, ich komme in die Hölle. Davor müssen wir noch mal richtig die Sau rauslassen!"

Nun ist Jupp Heynckes zurück beim FC Bayern München. Da geht allen Fußballfans das Herz auf. Denn es zeigt: Die Bundesliga schreibt einfach immer noch die schönsten Geschichten - und die größten Lieben vergehen nie!

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Quelle: n-tv.de

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