Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 1. Juli 1990 "Du bist der Klinsmann, nicht der Pelé"

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Gegen die Tschechoslowakei brachte Jürgen Klinsmann seinen Trainer Franz Beckenbauer mit misslungenen Dribblings in Rage.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Jürgen Klinsmann, der Held vom Spiel gegen die Niederlande, zeigt im Viertelfinale der WM 1990 eine unterdurchschnittliche Leistung. Eine Auswechslung wäre sinnvoll - doch stattdessen rastet sein Trainer Franz Beckenbauer an der Linie aus!

Was für ein Absturz! Im Achtelfinale hatten sich die Niederlande und Deutschland ein Jahrhundertspiel geliefert - mit allem, was zum Fußball dazu gehört. Das feuchte Duell zwischen Frank Rijkaard und Rudi Völler ging in die WM-Geschichte ein, genauso wie ein überragend auftrumpfender blonder Stürmer namens Jürgen Klinsmann. Franz Beckenbauer lobte nach der Partie im Gespräch mit Reinhold Beckmann den Schwaben in den allerhöchsten Tönen. Ein Satz aus diesem Interview ist legendär: "Der Jürgen Klinsmann hat über seine Verhältnisse gespielt."

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Was Franz Beckenbauer damit meinte, konnte die ganze Welt schon in der nächsten Runde sehen. An diesem 1. Juli 1990 erlebte Franz Beckenbauer ab 17 Uhr im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion die schlimmsten 90 Minuten während der WM in Italien. In der Viertelfinalpartie spielte Deutschland gegen die Tschechoslowakei und führte bereits nach 24 Minuten durch einen verwandelten Foulelfmeter mit 1:0. Als nach 70 Minuten der österreichische Schiedsrichter Helmut Kohl ("Der Name bürgt für große Gesten", ARD-Reporter Uli Köhler) Lubomir Moravcik auch noch mit Gelb-Rot vom Platz schickte, schien die Sache gelaufen. Doch die deutsche Mannschaft verkrampfte und am Spielfeldrand sah man einen zusehends immer wütender werdenden "Kaiser", der fassungslos das Ende der Begegnung herbeisehnte.

Immer wieder warf er seine Hände in die Luft und winkte ab. Als wieder einmal Jürgen Klinsmann übereifrig einen Ball an der Mittellinie vertändelte, schaute sich Franz Beckenbauer um, sah mit wegwerfender Handbewegung auf die Ersatzbank mit den deutschen Spielern und sprach dann ein vor der Bandenwerbung hockendes Kind an. "Willst spielen?", fragte der Teamchef den Balljungen, "komm, ich wechsel dich ein!" Der junge Mann schaute ihn verdutzt an und zuckte mit den Schultern. "Der war ja ein Italiener. Der hat mich natürlich nicht verstanden. Aber ich hätte den damals gebracht", erinnert sich Franz Beckenbauer immer noch gerne an diese schöne Szene aus dem Horror-Viertelfinalspiel gegen die Tschechoslowakei.

"Spielt den Blinden nicht an"

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Franz Beckenbauer hatte 1990 den Durchblick - dabei vertraute er auch seinem Aberglauben und der Zahl "6".

Damals agierte das DFB-Team in Italien bereits auf dem neusten Stand der Technik. Die Bank der Nationalmannschaft korrespondierte fortlaufend über Walkie-Talkie mit Berti Vogts auf der Tribüne. Und obwohl Jürgen Klinsmann schon nach 28 Minuten die Gelbe Karte gesehen hatte und von oben deutliche Signale für eine Auswechslung ausgesendet wurden, hielt Franz Beckenbauer am Stürmer von Inter Mailand fest.

Immer wieder rief der Teamchef während des Spiels kurze Sätze zu seinem Angreifer hinüber - die allesamt nicht nett waren: "Du bist der Klinsmann, nicht der Pelé!" Auch der Mannschaft teilte Franz Beckenbauer mit, was er von der Leistung des blonden Schwaben an diesem Tag hielt: "Spielt’s den blinden Klinsmann nicht an, der ist heute gegen uns."

Nach dem Spiel war der "Kaiser" nicht mehr zu halten. In der Kabine schiss er seine Mannschaft mit deutlichen Worten zusammen: "Ihr Blinden. Ihr Topfenkicker. Ihr seid’s die größten Deppen!" Sogar Gegenstände sollen an diesem Abend durch die Katakomben des Giuseppe-Meazza-Stadion geflogen sein.

Kaiser Franz und sein Aberglaube

Doch Beckenbauer beruhigte sich schnell. Denn auf dem Weg zum WM-Titel wusste er, auf was er sich - im Gegensatz zu seinen Spielern - immer verlassen kann: Seinen Aberglauben. Der Teamchef vertraute bei der Weltmeisterschaft in Italien ganz auf seine Lieblingszahl 6. Und damit die doppelt wirkte, waren alle Koffer und Kleider mit der Nummer 66 gekennzeichnet.

Das Finale war für den Kaiser schon vorher eine klare Sache: "Das Endspiel ist das 66. und letzte Länderspiel, das ich betreue." Und eine der großen Entdeckungen dieser Weltmeisterschaft im deutschen Team war Guido "Diego" Buchwald. Natürlich trug er das Trikot mit der Nummer 6. Und: Er gab im legendären Achtelfinale die Vorlage für den so wichtigen 1:0-Treffer gegen die Niederlande. Torschütze damals? Na, klar: Jürgen Klinsmann!

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Quelle: n-tv.de

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