Fußball-WM 2018

"Wir haben gewonnen" Frankreich ist im WM-Glückstaumel

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Franzosen feiern zweiten Fußball-WM-Titel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Frankreich hat seinen zweiten Stern und entsprechend feiert die Grande Nation - eine Nation, die durch Terror und Reformen erschöpft ist. Der WM-Titel gibt neue Hoffnung.

Noch nie sahen begossene Pudel so glücklich aus: Als die Spieler der französischen Nationalelf nach dem 4:2-Triumph über Kroatien den Pokal in die Höhe reißen, regnet es in Moskau in Strömen. In Frankreich feierten derweil Millionen Menschen bei hochsommerlichen Temperaturen den Sieg ihrer "Equipe Tricolore" mit Freudengesängen, einem Meer aus blau-weiß-roten Flaggen und Autokorsos. Zum zweiten Mal seit 1998 ist Frankreich Weltmeister, und der Glückstaumel ist mindestens so groß wie vor 20 Jahren.

Auch Präsident Emmanuel Macron machte sich im wahrsten Sinne des Wortes nass, als er im Moskauer Regen über das ganze Gesicht strahlend die französischen Spieler umarmte und herzte. Denn Russlands Präsident Wladimir Putin hatte nur einen Schirm reservieren lassen: Für sich selbst.

Macron: "MERCI"

Macron dankte der Mannschaft nur mit einem Wort: "MERCI". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte "zum zweiten Stern nach einem tollen Turnier".

"Wir haben gewonnen, wir haben gewonnen", schallte es durch die Pariser Straßen, Autos hupten und Freudenböller wurden abgefeuert. Zehntausende zogen Richtung Triumphbogen, in der Kathedrale Notre Dame läuteten nach dem Sieg die Glocken. Bei dem Empfang der französischen Nationalmannschaft am Montagnachmittag auf den Champs-Elysées dürften Hunderttausende begeistert mit ihnen feiern - 1998 waren 1,5 Millionen Menschen zusammengeströmt.

Ein "hochsymbolischer Sieg"

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Macron steht die Freude über den Triumph der französischen Nationalmannschaft bei der WM in Russland ins Gesicht geschrieben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Euphorie hat die "Grande Nation" dringend nötig: Das Land ist durch die Serie von Terroranschlägen mit 246 Toten seit 2015 traumatisiert. "Das ist ein hoch symbolischer Sieg", sagt der junge Informatiker Benoît Bardet, der das Match in der Pariser Bar Carillon geschaut hatte. Dort und in einem gegenüber liegenden Restaurant hatten Islamisten bei der verheerenden Anschlagsserie im November 2015 insgesamt 15 Menschen mit Kalaschnikows getötet.

Doch auch Macrons strammer Reformkurs und monatelange Proteste der Gewerkschaften haben viele Menschen erschöpft. Die Zustimmungswerte für den Präsidenten sind zu Beginn der Sommerferien im Keller, Parlamentarier und Mitarbeiter im Elysée klagen über Burnout.

Der zweite Stern kommt deshalb einem Befreiungsschlag gleich - vor allem für die "Generation 2018". In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich am Sonntagabend in Windeseile Nachrichten junger Nutzer, die den WM-Sieg 1998 nur aus Erzählungen ihrer Eltern und YouTube-Videos kennen.

Mbappé ist der Held der Nation

Ermutigung kann diese Generation gut gebrauchen. Sie ist mit Zukunftsängsten und hoher Jugendarbeitslosigkeit groß geworden. Das gilt vor allem für die jungen Leute in den berüchtigten französischen Hochhaussiedlungen der Banlieues.

Kein Zufall, dass der 19-jährige Stürmer Kylian Mbappé ihr Held ist. Aufgewachsen ist der Sohn eines Kameruner Fußballspielers und einer französischen Handballerin in der Pariser Vorstadt Bondy, die bisher eher durch Drogenhandel und Gewalt gegen Polizisten Schlagzeilen machte. "Ich bin stolz, dass die Leute glücklich sind, trotz aller Probleme", sagte Mbappé nach dem Match. Auf Bondys Straßen wurde er am Sonntag als Held gefeiert.

Nation zusammengeschweißt

Schon Mbappés Ausblick auf das Finalspiel hatte wie ein Appell an seine Generation geklungen: "Wir sind auf dem Weg nach oben. Wir müssen nun alles geben. Wir sind eine Gemeinschaft." So wie die legendäre Nationalelf von 1998 mit ihrem Kapitän Didier Deschamps, der jetzt als Trainer zum zweiten Mal Weltmeister ist.

Der Finalsieg der Franzosen mit zum Teil arabischen und afrikanischem Hintergrund ("black blanc beur") hatte die Nation damals zusammengeschweißt und dem konservativen Präsidenten Jacques Chirac ein Umfragehoch verschafft. Darauf kann Macron allerdings höchstens kurzfristig hoffen, meinen Politikexperten.

Auch wenn sich sein Jubelfoto nach dem Match weltweit verbreitete: Auf dem Tisch der VIP-Tribüne stehend, mit hochgerissenen Fäusten. Eine Ironie der Geschichte, dass das Bild ausgerechnet von der russischen Nachrichtenagentur Sputnik stammt. Noch im Wahlkampf hatte Macron ihr "Fake News" vorgeworfen.

Quelle: n-tv.de, bad/AFP