Sport
Mario Mandzukic schoss in der Verlängerung das entscheidende Siegtor.
Mario Mandzukic schoss in der Verlängerung das entscheidende Siegtor.(Foto: picture alliance/dpa)
Donnerstag, 12. Juli 2018

"In allen Belangen besser": Kroatien schafft die WM-Sensation - und tönt

Von Stefan Giannakoulis, Moskau

Die Kroaten besiegen England, stehen im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft und feiern den größten Erfolg ihrer noch jungen Geschichte. Doch nicht nur Trainer Zlatko Dalic fehlt ein wenig der Respekt vor dem Gegner, auch Spielmacher Luka Modric gibt sich kleinkariert.

Als er gefragt wurde, warum seine Mannschaft gewonnen hatte, musste Zlatko Dalic nicht überlegen: "Weil wir in allen Belangen die bessere Mannschaft waren", sagte er. Das ist in der Welt des Fußballs eher ungewöhnlich, dass der Trainer des Siegers so über den Verlierer spricht. Dabei hätte es Dalic gar nicht nötig gehabt, so großspurig reden zu müssen. Schließlich hatte sein Team gerade in Moskau für eine der größeren Sensationen in der Geschichte der Weltmeisterschaften gesorgt: Kroatien steht im Endspiel, weil es England am Mittwochabend mit 2:1 nach Verlängerung besiegt hat. Nun geht es am Sonntag (ab 17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), ebenfalls in Russlands Hauptstadt, gegen Frankreich. Für die Auswahl der immer noch jungen Republika Hrvatska mit ihren nur 4,1 Millionen Einwohnern ist das ein Triumph, den es selbstverständlich auszukosten gilt. Aber auch gewinnen will gelernt sein.

"Weil wir in allen Belangen die bessere Mannschaft waren", sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic als Begründung für den Halbfinal-Sieg.
"Weil wir in allen Belangen die bessere Mannschaft waren", sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic als Begründung für den Halbfinal-Sieg.(Foto: picture alliance/dpa)

Nach 90 Minuten und Toren von Kieran Trippier in der fünften und Ivan Perisic in der 68. Minute hatte es vor 78.011 Zuschauern im Luschniki-Stadion 1:1 gestanden. In der 109. Minute war es dann Mario Mandzukic, der dem Fußball-Mutterland England den Knockout und die kroatischen Fans in Ekstase versetzte. Es war, das hatten alle gesehen, ein Sieg des unbedingten Willens, ein Sieg der inneren Überzeugung, es schaffen zu können, auch wenn der Gegner früh durch einen wunderbaren Freistoß in Führung ging. Dabei hatten die Kroaten bei dieser WM schon viel erlebt. Zweimal hintereinander setzten sie sich in der K.-o.-Phase erst im Elfmeterschießen durch: erst im Achtelfinale gegen Dänemark, dann im Viertelfinale gegen Russland. Vorher hatten sie im zweiten Gruppenspiel erstmals für Aufsehen gesorgt und Lionel Messis Argentinien mit 3:0 geschlagen, zudem zum Auftakt Nigeria mit 2:0 und zum Abschluss Island mit 2:1.

"Verliert nicht den Kopf"

Bilderserie

Zweimal Elfmeterschießen bedeutete auch zweimal Verlängerung. Und das war den Kroaten zu Beginn der Partie gegen England anzumerken. Die hatten es zum bis dahin letzten Mal 1990 beim Turnier in Italien in ein WM-Halbfinale geschafft, über ein Jahr bevor der Staat Kroatien gegründet wurde. Seit 1992 gehören Kroatiens Fußballer dem Weltverband Fifa an, ihren größten sportlichen Erfolg feierten sie bei der WM 1998 in Frankreich, als sie am Ende den dritten Platz belegten. Diese Kroaten also starteten denkbar schlecht in die Partie, kassierten nicht nur fix das Tor, sondern schienen von der Rolle, nahezu platt. Sie ließen dem Gegner den Raum, munter zu kombinieren und liefen selbst nur hinterher. Gareth Southgate, der Trainer des Verlierers, lag schon richtig, wenn er hinterher sagte, seine Mannschaft hätte dringend ein zweites Tor erzielen müssen.

So aber erging es ihm und den Seinen wie einem Jäger, der das wilde Tier nicht erlegt, sondern nur fängt, einsperrt und dann anfängt zu überlegen, was er nun machen soll. Denn nach einer ersten Halbzeit, die nur ihr Trainer nicht als schlecht bezeichnen mochte, befreiten sich die Kroaten. Er habe seinen Spielern in der Pause gesagt: "Verliert nicht den Kopf, wir sind besser. Ich habe gesagt, sie sollen den Fußball genießen. Und das haben sie getan." Nun mögen Hedonisten unter Genuss etwas anderes verstehen. Für die kroatische Mannschaft bedeutet das in dieser WM-K.-o.-Phase offenbar, sich zurückzukämpfen, den Schmerz zu verdrängen und fest daran zu glauben, dass es erst vorbei ist, wenn es vorbei ist.

Kaum zu trösten: Coach Gareth Southgate in mitten seiner niedergeschlagenen Spieler.
Kaum zu trösten: Coach Gareth Southgate in mitten seiner niedergeschlagenen Spieler.(Foto: picture alliance/dpa)

Und doch dauerte es fast eine Stunde, bis die Kroaten dem englischen Tor gefährlich nahe kamen. In der 65. Minute unternahm der ehemalige Wolfsburger Perisic einen ersten Versuch, doch sein Schuss aus 15 Metern traf nur den Engländer Kyle Walker so hart, dass der sich danach behandeln lassen musste, um den Schmerz im Unterleib zu lindern. Danach konnte Walker zwar laufen, aber offenbar nicht mehr so gut springen. Sime Vrsaljko hatte geflankt, Perisic flog heran und beförderte mit der Sohle, die Walkers Kopf sehr nahe kam, den Ball spektakulär ins Tor (68.). Das sah nach gefährlichem Spiel aus, doch der türkische Schiedsrichter Cüneyt Cakir sah keinen Grund, den Treffer nicht gelten zu lassen. Vier Minuten später wäre Perisic beinahe noch einmal erfolgreich gewesen, doch er traf nur den Pfosten. Auch am 2:1 war Perisic beteiligt: Er spielte nach vier Minuten in der zweiten Hälfte der Verlängerung den Kollegen Mandzukic so schön frei, dass der entschlossen und reaktionsschnell den Siegtreffer erzielte, während Englands Abwehrspieler dabei zusahen. Der Coup war perfekt.

"Kann den Spielern keinen Fußball beibringen"

Diese Willenskraft war es dann auch, die Dalic, der während der Pressekonferenz im Luschniki das Trikot des Frankfurter Profis Ante Rebic mit der Nummer 18 trug, ausgiebig lobte. Und das sei es auch, was er als Trainer fordere und fördere - "ein Team mit Charakter". Schließlich sei es so: "Ich kann den Spielern keinen Fußball mehr beibringen. Das können sie alle fantastisch." Dann setzte er zu einer pathetischen Hymne auf seine Schützlinge an, die Schmerzen und Verletzungen getrotzt hätten. "Keiner wollte sagen, ich kann nicht. Auch in der Verlängerung wollte keiner ausgewechselt werden." Das sei bezeichnend für sein Team: "Wir haben Geschichte geschrieben."

Nur dem Gegner seinen Respekt zu zollen, dass gelang dem Trainer in der Stunde des Triumphes nicht. Denn Dalic wurmte offensichtlich, dass nicht alle immer an die Stärke Kroatiens geglaubt hatten. Jedenfalls sagte er: "Die Experten, die gesagt haben, England spaziere ins Finale, sind keine Experten." Doch nicht nur der Trainer, auch die Männer in den Trikots mit dem Schachbrettmuster gaben sich nach dem größten Erfolg in der Geschichte ihres Verbandes doch ein wenig kleinkariert. Regisseur Luka Modric, der zugleich kämpfen und zaubern kann und gute Chancen hat, zum besten Spieler des Turniers gekürt zu werden, sagte dem britischen Senderverbund ITV, einige englische Journalisten und Fernsehexperten hätten "Kroatien unterschätzt. Und das war ein großer Fehler".

Ihn und seine Kollegen, führte Modric aus, hätte das zusätzlich motiviert, nach dem Motto: "Okay, heute werden wir sehen, wer müde sein wird." Und auch er sagte: "Wir haben wieder gezeigt, dass wir nicht müde sind - wir haben das Spiel mental und physisch dominiert." Perisic räumte immerhin ein, dass es ein schweres Spiel war. "Wir haben langsam angefangen, aber wir haben unseren Charakter gezeigt und haben wie in den vorherigen K.-o.-Runden wieder einen Rückstand gedreht." In der Tat war ihnen das zum dritten Mal hintereinander gelungen.

Aber was bedeutet das für das Finale? Vor dem kommenden Gegner hat Dalic dann schon Respekt. Das Spiel gegen Frankreich habe durchaus "eine historische Bedeutung". Keiner habe das Halbfinale der WM 1998 vergessen, als Kroatien dem späteren Weltmeister knapp mit 1:2 unterlag. Davor Suker, inzwischen Verbandspräsident, hatte Kroatien nach der Pause in Führung gebracht, doch dann traf Lilian Thuram zweimal für die Franzosen. "Aber wir sind nicht auf Revanche aus", sagte Dalic. "Das ist Fußball, das ist Sport." Das ist doch ein Wort.

Quelle: n-tv.de