Fußball-WM 2018

Mehr Farce als Spektakel Ronaldo köpft Marokko ins Tal der Tränen

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(Foto: imago/Golovanov + Kivrin)

Der königliche Funke von Cristiano Ronaldo entfacht gegen Marokko kein portugiesisches Feuer. Dennoch duseln sich die Iberer zum Sieg. Das Geschehen abseits des Platzes wird zur Farce - bis auf eine Metapher von Trainer Santos.

Es hätte Charme gehabt und Cristiano Ronaldos Karma-Konto weit ins Plus befördert. Erst schießt der Sturmstar ein Tor im zweiten WM-Vorrundenspiel seiner Portugiesen gegen Marokko. Dann setzt er zum dahingestaksten Pantomimen-Jubel an - direkt vor der VIP-Tribüne, mit schönem Gruß an Wladimir Putins ganz speziellen WM-Ehrengast, Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter. Dessen höchstpräsidiale Einladung ins Luschniki-Stadion muss nicht nur der Fußball-Weltverband als Affront aufgefasst haben. Auch Ronaldos Portugiesen dürften eher weniger amüsiert gewesen sein, schließlich hatte dieser Blatter ja 2013 als Fifa-Präsident öffentlich seine Vorliebe für Ronaldos großen Rivalen Lionel Messi eingestanden. Und nicht nur das, pantomimisch verulkt hatte er den Portugiesen auch noch!

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Ein Bärtchen als Statement - die neue Kinnbehaarung von CR7.

(Foto: imago/ActionPictures)

Und nun war er trotz Fifa-Verbot im Stadion - und Ronaldo traf tatsächlich. Schon in der 4. Minute rammte der Portugiese den Ball per ansehnlichem Flugkopfball ins Tor. Es war sein vierter WM-Treffer, es war das Siegtor, es verhalf Portugal zum ersten Erfolg in Gruppe B und stürzte Marokko mit dem vorzeitigen WM-Aus ins Tal der Tränen. Es war wichtig, aber anders als bei seiner Drei-Tore-Auftaktgala gegen Spanien sparte sich Ronaldo jubeltechnische Extravaganzen. Trotz Kinnbärtchens kein erneuter Ziegenjubel als hämischer Gruß an Rivale Messi, der von seinem Sponsor vor WM-Beginn mit einer Ziege abgelichtet und damit als "GOAT" beworben war, als "Greatest of all Time" (Größter aller Zeiten) - was ein Ronaldo natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Und auch keine Pantomime als gejubelter Mittelfinger Richtung Messi-Fan Blatter. Einfach nur ein Schlag aufs Wappen, ein Sprint zur Eckfahne und sein Torero-Jubelsprung, das musste reichen.

Keine Punkte fürs Karmakonto

Charme- und karmatechnisch war das natürlich ein großes Versäumnis. Aber das Charmante an diesem Vorrundenduell vor 78.011 Zuschauern war: Es war trotzdem viel mehr drin in diesem Spiel, als das Ergebnis von 1:0 (1:0) für die favorisierten, aber spielerisch enttäuschenden Portugiesen gegen aufopferungsvoll spielende und kämpfende Marokkaner vermuten lassen könnte. Es war phasenweise eine atemlose Partie mit zwei spektakulären Torwartparaden auf beiden Seite, als in der ersten Hälfte erst Marokkos Monir El Kajoui mit seinem Faustreflex gegen Goncaolo Guedes um die coolste Parade des Turniers bewarb und Portugals Rui Patricio in der 57. Minute nach marokkanischer Ecke per Flugeinlage nachzog.

Es war eine Partie, in der Marokko sofort stürmte und Portugal sofort traf, weil Ronaldo nach einer Ecke wundersam frei war und auch seinen vierten Torschuss des Turniers per Kopf cool verwandelte. "Wunderschön für mich", schwärmte der später auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, die gar keine Pressekonferenz war, sondern eine Farce - weil der Stürmerstar wie gegen Spanien nur zwei vom eigenen Verband gestellte Fragen mit nichtssagenden Phrasen beantwortete, denn natürlich seien "das Wichtigste die drei Punkte gewesen".

Renard wittert eine Verschwörung

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Trainer Herve Renard dirigiert von außen - und sah sein Team von den Schiedsrichtern benachteiligt.

(Foto: imago/Xinhua)

Als mindestens vom Hauch einer Farce umweht empfand Marokkos Trainer Herve Renard allerdings auch die Schiedsrichterleistung. In mehreren engen Situationen, auch im portugiesischen Strafraum, entschied der US-amerikanische Referee Mark Geiger für Ronaldo & Co., der deutsche Videoschiedsrichter Felix Zwayer griff nicht ein. Konkrete Kritik verkniff sich der Franzose, sonst werde ich "bestraft". Er empfahl aber insbesondere mit Blick auf den umstrittenen Zweikampf, mit dem Portugals Pepe seinem Kapitän Ronaldo vor dem 1:0 freie Bahn im marokkanischen Strafraum verschafft hatte: "Machen Sie ihre eigenen Analysen und schreiben sie die Wahrheit."

Wortkarg reagierte Renard bei der Personalie Noureddine Amrabat. Der Rechtsaußen war bester marokkanischer Akteur, obwohl er nur fünf Tage zuvor beim per Eigentor in der Nachspielzeit verlorenen Horror-Auftakt gegen den Iran eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte. Sein Verband hatte danach erklärt, dass Amrabat gegen Portugal nicht spielen könne. Nun spielte er durch und BVB-Profi Raphael Guerreiro Knoten in die Beine, es war ein hitziges Duell. Guerreiros rechte Nierengegend zierte ab Mitte der ersten Halbzeit eine blutige Kratzspur, Amrabat schmiss nach 30 Minuten seinen Kopfschutz Richtung Seitenlinie und spielte ohne weiter. Nachfragen, wie verantwortlich Amrabats Einsatz gewesen war, bügelte Renard wiederholt ab. Er sei "kein Doktor", das müssten andere entscheiden. Amrabat habe aber "herausragend" gespielt.

"Der Geist der Spieler war unglaublich"

Das galt in der Gesamtschau auch für sein Team, es belohnte sich nur nicht. Es wird angesichts der Chancenfülle und Kombinationssicherheit eines der größeren Rätsel dieser WM bleiben, dass weder gegen den Iran noch Portugal ein marokkanischer Spieler ins richtige Tor traf. Trotzdem betonte Renard: "Der Geist der Spieler war unglaublich. Wir haben gezeigt, dass wir Fußball spielen können, auch wenn uns die Effektivität am Ende gefehlt hat." Denn es war ein Spiel, in dem der Außenseiter kombinierte und dominierte - und das Ronaldo-Team gewann. "Man wird bestraft vom besten Fußballer der Welt", sagte Aziz Bouhaddouz, gegen den Iran der unglückliche Eigentorschütze: "Aber der Sieg der Portugiesen war nicht verdient." Selbst Portugals Coach Fernando Santos fand ja: "Für Marokko ist es vielleicht ein unfaires Ergebnis." Aber: "Das ist Fußball."

Renard und lobte neben seinem Team auch die Fans: "In diesem Moskauer Stadion hat es sich angefühlt wie in Casablanca zu spielen." Tatsächlich sorgten die marokkanischen Fans für Gänsehautstimmung im Luschniki-Stadion. Auch ohne amtlich beglaubigte Dezibelmessungen: So inbrünstig, so laut wie die Marokkaner hatten nicht einmal die Russen beim Eröffnungsspiel ihre Hymne geschmettert. Nachdem vor Spielbeginn marokkanische Fans mit "Messi, Messi"-Sprechchören zum Luschniki-Stadion gezogen waren, pfiffen sie den Portugiesen auch im Stadion beherzt aus. Vor dem Spiel, als er sich noch im Stadiontunnel das Ziegenbärtchen kraulte. Nach dem Spiel, als er überlebensgroß im Stadion als "Man of the Match" ausgerufen wurde. Im Spiel sparten sie sich die Pfiffe und trieben lieber ihr Team an.

Im Wein liegt die Wahrheit

Aber als Portugals unverwüstlicher Pepe in der 90. Minute einen marokkanischen Schuss per Kopf ins Aus gewuchtet hatte, stand fest: All die Leidenschaft konnte Marokkos Leiden nicht lindern. Das glücklichere Team waren die Portugiesen von Coach Fernando Santos, die in Gruppe B mit vier Punkten nun gute Chancen aufs Achtelfinale haben. Die Frage, wie Portugal diese vier Punkte holen konnte, ohne besser als die Gegner gewesen zu sein, überging Santos galant. Den Kontrollverlust seines Teams trotz früher Führung hatte er zuvor schon selbst kritisiert, nun forderte er: "Wir haben gut gespielt, aber wir müssen noch besser spielen." Mit vier Punkten sei vor dem Gruppenendspiel gegen den Iran "nichts entschieden", warnte er.

Ambitionen auf den Gruppensieg vor Spanien formulierte Santos anders als seine Lebensversicherung Ronaldo nicht, der bislang alle portugiesischen WM-Tore in Russland erzielt hat. Aber er beantwortete die Frage, warum Ronaldo nach zuvor drei WM-Toren bei drei Turnieren schon viermal in zwei Spielen getroffen hatte. "Nun, er hat einen großartigen Coach", witzelte er zunächst, um dann anzufügen: "Mit Cristiano ist das wie mit Portwein. Er wird mit dem Alter immer besser." Die Antwort hatte Charme.

Quelle: ntv.de