Fußball-WM 2018

Kein Iniesta, kein Trainer, nix Spanien steht wieder vor WM-Trümmern

imago35339216h.jpg

Gerard Pique hält einen der "großartigsten Spieler unserer Geschichte" in seinen Armen: Andes Iniesta.

(Foto: imago/VI Images)

Gegen Gastgeber Russland endet die Fußball-WM für Spanien erneut in sportlichen Trümmern. Legende Iniesta erlebt einen bitteren Abschied, statistische Absurditäten verschütten die frühere Dominanz. Die Aufarbeitung dürfte schmerzen.

Als es vorbei war, flossen Tränen. Bei den Russen, die im Moskauer Luschniki-Stadion ihr dreifaches WM-Wunder feierten und doch nicht richtig fassen konnten. Und bei den Spaniern, die sich gegen den größten im Turnier verbliebenen und verbleibenden Außenseiter sensationell schon im Achtelfinale von einem Turnier verabschiedeten, das sie doch gewinnen sollten und wollten - und das stattdessen als nächste WM der Leiden in die spanischen Fußball-Annalen eingehen dürfte.

Natürlich auch wegen dieses 3:4 im Elfmeterschießen gegen Russlands Torwarthelden Igor Akinfejew, der die spanische WM-Tragödie mit zwei starken Paraden zur Realität machte. Aber nach dem Trainerbeben vorm Turnierstart und der verkrampften Gruppenphase wird Russland 2018 eben auch als jene Weltmeisterschaft in Erinnerung bleiben, bei der Spanien erneut zu früh bei einem Großturnier scheiterte, wie schon 2014 (WM-Vorrunde) und 2016 (EM-Achtelfinale) - und damit auch den unvergleichlichen Andres Iniesta früher als erhofft von der ganz großen Fußballbühne schubste, und das bitterer als gedacht.

*Datenschutz

"Es ist Tatsache, dass das mein letztes Spiel heute war. Eine wundervolle Etappe ist zu Ende gegangen", bestätigte der 34-Jährige nach Spaniens K.o. und 131 Länderspielen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, der nach seinem Abschied vom FC Barcelona erwartet worden war. Es tropfte Wehmut aus seinen Worten, als er anfügte, das Ende sei manchmal "nicht so, wie man es sich erträumt hat".

Pfiffe der Ehrfurcht

Iniestas Abgang als Nationalspieler kam unspektakulär, als Einwechselspieler in einem WM-Achtelfinale. Nicht wie von Spanien erträumt im Halbfinale oder Endspiel, vielleicht sogar noch einmal als Siegtorschütze. So wie beim spanischen WM-Triumph 2010 in Südafrika, mit dem sich der Mittelfeldtaktgeber vom FC Barcelona in die Herzen seiner Landsleute geschossen hatte, obwohl er sich dort doch viel lieber hineinpasste.

Dass Iniesta gegen Russland nicht in der spanischen Startelf stand, hatte unter den spanischen Journalisten und in seiner Heimat vorab mittelschwere Irritationen ausgelöst. Trainer Fernando Hierro musste sich nach dem Spiel fragen lassen, ob er damit nicht die Ideale der Nationalmannschaft verraten hatte. "Ich habe ihn draußen gelassen, weil ich wusste was in diesem Spiel gefordert ist", verteidigte der Trainer den Verzicht auf den schmächtigen Techniker mit taktischen Erwägungen angesichts des personell und physisch äußerst robusten eisernen Vorhangs der Russen. Aber der Interims-Coach, der sehr wahrscheinlich nicht spanischer Nationaltrainer bleiben wird, vergaß nicht die tiefe verbale Verbeugung vor dem 34-jährigen Iniesta, "einen der großartigsten Spieler unserer Geschichte".

Als Iniesta unlängst im spanischen Pokalfinale kurz vor Schluss ausgewechselt worden war, hatten sogar die Fans des FC Sevilla dem "Kaiser" aus Barcelona mit stehenden Ovationen gehuldigt - obwohl ihr Team zu diesem Zeitpunkt, auch durch einen Iniesta-Treffer, mit 0:5 zurückgelegen hatte. Es war ein magischer Abend im April, der sich im Moskauer Juli nicht wiederholte. Gegen Russland kam Iniesta in der 67. Minute für David Silva auf den Platz, beim Stand von 1:1. Die spanischen Fans im Luschniki-Stadion jubelten, sie waren so laut wie nie zuvor in diesem Spiel, und die russischen Fans versuchten den Jubel, die aufkeimende Hoffnung zu überpfeifen, es waren Pfiffe der Ehrfurcht.

"Wenn wir uns anschauen, wie wir gespielt haben, als er auf dem Platz stand, dann war er ein Beispiel für uns", lobte Hierro den Taktgeber später, dessen Präsenz das spanische Spiel straffte und den russischen Abwehrriegel um 15 Meter Richtung Akinfejew-Tor verschob: "Ich würde ihm 10/10 als Note geben, die Bestnote. Er hat gespielt, als wäre es sein erstes Länderspiel."

Statistischer Irrsinn

Aber auch Iniesta konnte dem wie zu oft bei dieser WM zu statischen und behäbigen spanischen Ballbesitzspiel nicht die entscheidende Tiefe, die Präzision, das Tempo verleihen, die es gegen das russische Abwehrbollwerk gebraucht hätte. Eine gute Chance hatte er in der 85. Minute, als er nach Brustvorlage von Iago Aspas volley von der Strafraumgrenze abschloss, aber der Ball anders als bei seinem Last-Minute-Wundertor 2009 im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Chelsea nicht im Torwinkel einschlug, sondern von Akinfejew pariert werden konnte.

Das Tiki-Taki, mit dem Spanien den Weltfußball zwischen 2008 und 2012 mit Iniesta und Xavi Hernandez als Spielschrittmacher dominiert und revolutioniert hatte, es klickte bei dieser WM nicht mehr. "Tiki-Taxi für Spanien", kommentierte der britische "Guardian" das Aus im Elfmeterschießen, bei dem Iniesta als erster Schütze angetreten war – und mit seinem letzten Ballkontakt als spanischer Nationalspieler sicher verwandelt hatte.

"Wir verlassen das Turnier, ohne ein einziges Spiel verloren zu haben. Das ist eine Tatsache", sagte Hierro nach der verlorenen "Elfmeterlotterie" und statistisch gesehen war es tatsächlich das 24. spanische Spiel in Folge ohne eine Niederlage. Statistisch dürfte es auch, mutmaßte der "Guardian", das dominanteste "verlorene" Spiel aller Zeiten gewesen sein. Noch absurder als der für ein WM-Achtelfinale irrwitzige Ballbesitzanteil von 74 Prozent für Spanien war die Zahl der spanischen Pässe, 1114 waren es am Ende.

Vorboten weiterer Tränen

"Die 15 Spieler, die letztlich gespielt haben, haben alles gegeben. Ich kann ihnen nichts vorwerfen. Sie haben trainiert, wie ich sie nie trainieren sehen habe. Aber das ist Fußball", sagte Hierro und es blieb unklar, ob es mehr Aussage oder Ausrede sein sollte.

Zu den statistischen WM-Absonderlichkeiten aus spanischer Sicht gehörte ja auch, dass die Mannschaft in vier WM-Spielen nur acht Schüsse auf das Tor von David de Gea zuließ, ein herausragender Wert. Das Problem: Aus diesen acht Schüssen resultierten sechs Gegentore, nur einmal konnte de Gea parieren, einmal rettete das Alumium. Drei, also die Hälfte der spanischen Gegentore, fielen nach einem krassen individuellen Fehler, wie ihn gegen Russland Abwehrmann Gerard Pique mit seinem im eigenen Strafraum hoch über den Kopf gestreckten Arm fabrizierte. Sein im Handball-Stil verschuldeter Elfmeter führte zu Russlands einzigem Schuss aufs Tor – bis zur "Lotterie" Elfmeterschießen, in der Spanien durch Koke und Iago Aspas zwei Nieten zog und nun vor den Trümmern seiner WM steht.

Bei den schmerzhaften spanischen Aufräumarbeiten, zu denen auch ein personeller Umbruch mit weiteren Spielerrücktritten und sogar eine Modernisierung des zähflüssigen Ballbesitzfußballs gehören könnten, dürfte neben Iniesta auch Hierro nicht mehr dabei sein. In der kommenden Woche will der Verband seine Zukunft klären. Dann steht auch bei Noch-Weltmeister Deutschland die Entscheidung in der Personalie Joachim Löw an. Weitere Tränen sind nicht ausgeschlossen.

Quelle: ntv.de