Olympia

Schneepanik, Trump, ICE, SpaltungOlympische Spiele "zweiter Klasse"? In Italien steht die große Idee auf dem Spiel

06.02.2026, 07:16 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Mailand
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Der dunkle ICE-Schatten liegt auch über den Olympischen Spielen. (Foto: REUTERS)

Die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina setzen die angestoßene Reform des ehemaligen IOC-Bosses Thomas Bach um. Zumindest versuchen sie, die Spiele nachhaltig zu gestalten. Das bringt Probleme mit sich. Und da ist noch die Furcht vor US-Präsident Donald Trump.

Beim Fußball-Weltverband FIFA geht eine Angst um. Jeden Morgen. Hat US-Präsident Donald Trump wieder etwas gepostet, das die Welt auf den Kopf stellt, das neue, dunkle Wolken über die Weltmeisterschaft im Sommer schiebt? Hat er etwas gepostet, das sogar das gesamte Turnier gefährdet? Jeder Post, jedes Wort des Amerikaners kann eine neue, kaum zu kontrollierende Zündschnur auslegen. Die Furcht vor der Macht erreicht nun auch Italien. Mailand und Cortina d'Ampezzo haben als Ausrichter schon die ersten Auswüchse zu spüren bekommen. Es herrschte Vollalarm im Ausrichterland, als die US-Regierung einfach mal so ankündigte, Beamte der höchst umstrittenen, weil brutal vorgehenden Einwanderungsbehörde ICE zu den Spielen schicken zu wollen.

Die Empörung wurde schnell eingefangen. Die nur kleine Delegation der ICE kümmert sich in Italien um rein amerikanische Belange. Um die Unterstützung des Sicherheitsdienstes des Außenministeriums. Einwanderungspolitik wird in Italien nicht betrieben, heißt es. Verstörende, schockierende Bilder wie aus den USA, wie zuletzt aus Minneapolis, muss niemand fürchten. Aber dass allein die Ankündigung reicht, um ein Wutfeuer auszulösen, lässt nichts Gutes befürchten, wenn Trump mal wieder Lust auf Social Media hat. Anlässe werden sich ihm genug bieten, wenn die amerikanische Eishockey-Nationalmannschaft etwa in der Vorrunde gegen die aus Dänemark spielt. Seine latent befriedeten Grönland-Fantasien sind da das Stichwort. In internationalen Medien wurde das Thema durchaus intensiv diskutiert.

Die Russen sind (teilweise) zurück

Und auch die Kanadier hat der US-Präsident schon mit wilden Einverleibungsplänen (51. Bundesland der USA) massiv aufgebracht. Im komplizierten Modus des wegen des immensen Staraufgebots sehr beachteten olympischen Eishockeyturniers könnten die beiden Großmächte auf jeden Fall aufeinandertreffen. Dass die russische Sbornaja aber weiterhin nicht antreten darf, wegen des internationalen Banns infolge von Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine, entpolitisiert das Turnier immerhin erheblich.

Dafür haben andere Sportarten, etwa die Kufenpilot:innen, nun die Last zu stemmen, russische Sportler:innen als neutrale Athleten wieder in ihren Kreis zu integrieren. Dort haben jedoch auch ukrainische Athleten ihren festen Platz. Es sind zudem Zeiten, in denen Putin die Ukraine im kalten Winter immer heftiger angreift. Zwar gilt für die "neutralen Athleten" aus Russland als Voraussetzung, dass die Sportler den Krieg nicht unterstützen und auch nicht mit der Armee verbandelt sind. Das IOC führte extra eine Prüfung durch. Aber wer kann das ernsthaft kontrollieren? Ein BBC-Bericht zeigt, dass die Checks nicht wasserdicht sind.

Was passiert, wenn neutrale Russen in Mailand/Cortina Medaillen holen, wenn sie die Bühne doch für irgendeine Form der Propaganda nutzen? Oder in der Heimat als Propaganda-Protagonisten be- oder ausgenutzt werden? In Moskau werden bereits Vorbereitungen getroffen, die Bedeutung der Rückkehr als Erfolg zu heroisieren: "Wir kehren in den Weltsport zurück", sagte Sportminister Michail Degtjarjow. Der Kreis der Sportler aus Russland und dem ebenfalls verbannten Belarus ist indes sehr klein. Gerade mal 20 Athletinnen und Athleten kommen aus beiden Ländern nach Italien.

IOC verbietet Schlörb den "Friedens"-Schuh

Das IOC bemüht sich indes weiter darum, die Spiele zu entpolitisieren. "Wir verstehen die politischen Zusammenhänge und wissen, dass wir nicht im luftleeren Raum agieren. Unser Spielfeld aber ist der Sport", sagte IOC-Chefin Kirsty Coventry zuletzt. "Wir können nicht alles für alle sein: Die Olympischen Spiele und die Werte, die sie verkörpern, sind unser wertvollstes Gut." Ein Wert ist Frieden, ihn kraftvoll zu verteidigen, scheint aber ein kaum möglicher Kraftakt zu sein. Und mit der Rückkehr der Russen ist das Vorhaben der Entpolitisierung wieder gescheitert. Zumal Wladimir Putin mit seinem Krieg ohnehin erneut auf den olympischen Frieden pfeift und die Spiele selbst in den vergangenen Tagen Cyberattacken aushalten mussten, die aus Russland kamen.

Wie strikt die Chefolympioniken sind, wenn es darum geht, kleine Botschaften gegen Hass und Hetze zu senden, hat Deutschlands Eisschnelläuferin Josephine Schlörb gerade erst erfahren. Ihre Friedensbekundungen, ihre Aufrufe zu Toleranz auf dem Schlittschuh haben zur Folge, dass sie ihr bewährtes Modell in Mailand nicht tragen darf. "Hass ist keine Meinung" und "Diskriminierung ist ein Verbrechen" stand dort. Man fragt sich, was das IOC umtreibt, so vehement gegen solche Grundverständnisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens vorzugehen.

Es fällt einfach kein Schnee mehr

Neben dem unberechenbaren Trump und der Unberechenbarkeit der russischen Propaganda gibt es noch eine dritte Unwägbarkeit, die die Spiele in ihrer ursprünglichen Romantik bei der sehnsüchtig erwarteten Rückkehr in die Alpen massiv gefährdet und eine eneut heikle Diskussion angestoßen hatte. Es schneit(e) kaum noch in Norditalien. Worüber das aktuelle "Winterwonderland" in Cortina einen falschen Schleier legt.

Die quer über den Norden des Landes verteilten Wettkampfstätten müssen nahezu alle vollständig beschneit werden. In den vergangenen zwei Monaten hatten sie in den südlichen Alpen fast keinen Naturschnee gesehen. Erst gerade fielen endlich mal wieder dicke Flocken. Schön für die TV-Bilder. Aber es kam viel zu spät und viel zu wenig, um auf die natürliche Ressource zum Pisten-, Schanzen- und Loipenbau zu setzen. Der umstrittene Ski-Weltverbandspräsident Johan Eliasch schlug zwischenzeitlich laut Alarm.

Gigantische Mengen an Kunstschnee wurden produziert. Mit einem immensen Einsatz von Energie griffen die Veranstalter auf aberwitzige Wasserressourcen zurück. Dabei sollen Vorgaben für Restwassermengen in Flüssen und Becken ignoriert worden sein. Mit Folgen für die Ökosysteme. Kritiker befürchten die am wenigsten nachhaltigen Spiele und damit noch einmal ein Übertrumpfen von Peking 2022. Auch, weil Kunstschnee ganz andere Folgen für die Umwelt hat als natürlicher Niederschlag.

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Chefolympioniken vor allem seit den Skandalspielen von Sotschi 2014, die im Nachgang vom russischen Staatsdoping überschattet wurden. 50 Milliarden Euro kosteten die Spiele, ein kaum zu fassender Irrsinn. Für die perfekte Inszenierung wurden unter anderem im Kaukasus sensible Lebensräume für den Bau von Pisten ausradiert.

Auch vier Jahre später, in Pyeongchang, griff der Wahnsinn um sich. Ein neues Skigebiet wurde gebaut. Die Organisatoren fällten nach offiziellen Angaben 50.000 bis zu 500 Jahre alte und von Mythen beschriebene Birken, Umweltschützer sprachen sogar von 120.000. Sie brandmarkten die Abholz-Wüterei als "Kettensägenmassaker". Dass Jeongseon ein Naturschutzgebiet war, spielte keine Rolle. Der Staat hob den Status auf. Ein moderner Wettkampfort entstand. Für gerade einmal sechs olympische Entscheidungen.

2022 in Peking war's kaum besser. Zwar wurde vorwiegend auf erneuerbare Energie gebaut und die Organisatoren versprachen, CO2 durch Wiederaufforstung zu kompensieren, aber der massive Einsatz von Kunstschnee in fast niederschlagsfreien Regionen hatte abermals einen immensen Wasserverbrauch zur Folge, zudem wurden Neubauten in Naturschutzgebiete gebaut, beziehungsweise deren Grenzen einfach umgelegt. Den Spielen hängt auch wegen Sponsoren wie Petrochina das Label des Greenwashing an.

Ärger um die Neubauten

Um solch wilde Horrorszenarien zu vermeiden, die Italien selbst noch als schandhafte Erinnerung an die Spiele 2006 in Turin kennt, wurde nun weitgehend auf bestehende Wettkampfstätten zurückgegriffen. Ein paar Neubauten gab's indes auch: Im Südosten Mailands wurde für die NHL-Stars eine stattliche 14.000 Zuschauer fassende Halle errichtet - mit erheblichen Verzögerungen und einer zu klein geratenen Eisfläche und Zweifeln an der Qualität und Haltbarkeit der Fläche.

Auch der Neubau der Bobbahn in Cortina wurde von der italienischen Regierung und den Organisatoren durchgedrückt, gegen den Willen des IOC. Umweltschützer fürchten ein ähnliches Desaster wie in Turin. Dort rottet die Bahn ungenutzt vor sich hin. Andere Stätten wurden derweil aufwendig modernisiert, wie das legendäre Biathlon-Stadion in Antholz oder die Sprungschanzen in Predazzo. Auch um die gab es aber reichlich Ärger. Sie sind als umgebaute "Plumpsschanzen" offenbar bisweilen zu krass. Bei den Testwettkämpfen der Frauen gab es mehrere schwere Knieverletzungen. Es gab Nachjustierungen. Haben diese geholfen?

Der Wunsch nach Bestand statt Neubau-Gigantismus führt indes dazu, dass sich die Wettkampfflächen auf eine absurde Größe von 22.000 Quadratkilometern von den Dolomiten bis zur Poebene verteilen. Wegen des übergeordneten Ziels der Nachhaltigkeit wird so neben dem olympischen Geist des Miteinanders auch die Logistik einem massiven Stresstest unterzogen. Ob das wirklich in der Emissionsrechnung der Spiele aufgeht?

"Für mich sind es Olympische Spiele zweiter Klasse"

Anders als in Paris im vorletzten Sommer, wo alles so dicht, so emotional war (mit Ausnahme der Surfer, die in Tahiti unterwegs waren), ist dieses Mal also alles zersprengt. Einer, den das richtig in Rage bringt, ist DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier: "Für mich sind es Olympische Spiele zweiter Klasse." Während die Alpin-Frauen in Cortina um Medaillen fahren, gehen die Männer im gut 300 Autokilometer entfernten Bormio an den Start. Es sei "ein Unding", dass man einen Sport so zerreiße. "Das gab es noch nie."

Doch es gibt Fürsprecher des nachhaltigen IOC-Gedankens, den Ex-Boss Thomas Bach noch angestoßen hatte. Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder sieht's pragmatisch: "Irgendeinen Tod muss man sterben. Wir wollen nachhaltige Spiele, dann muss man logischerweise auch in Kauf nehmen, dass die Wege ein bisschen weiter sind."

Es ist ein gigantischer Zwiespalt: zwischen dem olympischen Gedanken, alle Nationen zusammenbringen zu wollen, und der immer stärker leidenden Umwelt Rechnung zu tragen. Eine große olympische Idee steht wahrscheinlich vor dem Aus, wenn man den Klimaschutz groß denken will. So groß, wie das bei Olympischen Winterspielen in Zeiten des Klimawandels überhaupt möglich ist.

Am Ende dieser Spiele wird dann eben die ganz große Frage stehen: Geht das Konzept der Dezentralisierung auf oder verliert sich das, was Olympia als internationales Fest immer ausgemacht hat? Verkommen die Spiele zu einem besser inszenierten Wettkampf-Wochenende, offiziell gestreckt auf 17 Tage? Oder gar zu einer Trump-Show? Jeder Tag in Italien wird Antworten liefern.

Quelle: ntv.de

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