Olympia

Ehre statt Edelmetall Pechsteins Triumph ist mehr wert als Gold

Claudia Pechstein wird die deutsche Olympiamannschaft in Peking ins Stadion führen, mit der Fahne in der Hand. Für die 49-Jährige ist das der Höhepunkt ihrer Karriere. Und das, obwohl sie gleich doppelt eine historische Sportpersönlichkeit ist. Und nicht von allen geliebt.

Claudia Pechstein ist Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, fünfmal gewann die Berlinerin olympisches Gold, zwei Silbermedaillen und zweimal Bronze komplettierenihre wertvolle Edelmetallsammlung. Sechsmal wurde die große Eisschnellläuferin Weltmeisterin. Die erste Olympiamedaille holte Pechstein 1992: Bronze in Albertville. Die Liste der großen sportlichen Erfolge ist lang, beinahe unüberschaubar. Ihren größten Erfolg kann Pechstein aber klar benennen. Sie erlief ihn erst im Winter 2021, tief im Spätherbst ihrer großen Laufbahn. Es war ein elfter Platz bei einem Weltcup.

"Das ist das absolute Highlight meiner sportlichen Karriere", sagte Pechstein nach dem Massenstart von Calgary. Überraschend ist das nur auf den ersten Blick, denn die Platzierung machte Historisches möglich: Mit einer Platzierung unter ferner liefen, einer mehrfachen Olympiasiegerin eigentlich unwürdig, erfüllte die 49-Jährige die Norm für ihre Rekordspiele. "Als feststand, dass ich zum achten Mal an Olympia teilnehmen darf, hätte ich die ganze Welt umarmen können." Acht Olympiateilnahmen: So oft durfte noch keine Sportlerin ihr Land beim wichtigsten Sportgroßereignis der Welt vertreten.

"Mehr wert als olympische Medaillen"

Nun wird sie die deutsche Mannschaft gemeinsam mit dem Bobpiloten Francesco Friedrich anführen: Athleten und Fans wählten die streitbare Sportlerin aus, bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne ins Stadion zu tragen. Dahinter werden sich zahlreiche Sportler versammeln, die ihre Kinder sein könnten. Die nicht mal geboren waren, als Pechstein zum ersten Mal bei Olympia startete. "Das ist ein I-Punkt auf meiner Karriere. Das ist für mich mehr wert als alle meine olympischen Medaillen", sagte Pechstein nach ihrer Ernennung zur Anführerin des deutschen Teams. "Ich habe in meiner Karriere alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, und jetzt als Olympia-Rekordteilnehmerin die Fahne für Team Deutschland tragen zu dürfen, macht mich sehr stolz."

Ihre Wahl ist nahezu alternativlos, sie gewann mit 37,43 Prozent der Stimmen vor Snowboarderin Ramona Hofmeister (34,52) und Rodlerin Natalie Geisenberger (28,06), immerhin auch vierfache Goldmedaillengewinnerin. Sie freue sich "umso mehr, dass ich hierbei einen Sieg geholt habe", sagte Pechstein, die große Wettkämpferin. Gewählt wurden die Fahnenträger je zur Hälfte von den Athleten des deutschen Teams und von Fans.

Pechstein ist zweifellos eine der größten olympische Persönlichkeiten im deutschen Team, ihre Leistungen sind historisch. Dass sie die Mannschaft anführen wird, stärkt ihren eigenen, ganz persönlichen Olympischen Frieden. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte seinen Athleten und den Wintersportfans sechs Athletinnen und Athleten zur Wahl gestellt, die "nicht nur mit ihren Erfolgen, sondern auch mit ihrer Persönlichkeit und Haltung einen fairen und manipulationsfreien Leistungssport verkörpern", wie es der Verband in seinen Nominierungskriterien festgelegt hat.

"Habe mir fast das Leben genommen"

Wer den Olympischen Sport nur alle vier Jahre verfolgt, könnte da stutzig werden. Denn Pechsteins Name ist nicht nur mit unzähligen Erfolgen und historischen Leistungen verbunden. Die Athletin kämpft seit vielen Jahren auch gegen Manipulationsvorwürfe. Oder genauer: Gegen die Auswirkungen einer Sperre wegen Dopings. Der Eisschnelllauf-Weltverband IBU sperrte sie 2009 für zwei Jahre, weil Pechstein aufgrund von Indizien des Blutdopings überführt wurde. Die 49-Jährige erklärte die kritischen Werte mit einer vererbten Blutanomalie. "Es macht mich wütend, aber es ist auch Motivation. Ich kann immer noch meine Leistung abrufen, obwohl mir zwei Jahre gestohlen worden sind. Ich habe finanziell alles verloren, habe mir fast das Leben genommen, war am Nullpunkt. Ich musste Anwälte bezahlen, um meine Unschuld zu beweisen", erklärt sie ihren Kampf der vergangenen 13 Jahre. Die Vorwürfe sind längst entkräftet, trotzdem gilt sie offiziell noch als Dopingsünderin.

"Ich habe schon damals gesagt: Wenn Ihr eine positive Dopingprobe von mir findet, höre ich sofort auf. Aber das ist nie passiert, weil ich nicht gedopt habe", erklärte sie im Februar 2021 im Gespräch mit RTL/ntv. "Ich kämpfe seit 2009 gegen meine Unrechtssperre. Das ist ein Skandal." Der DOSB war Pechstein schon Anfang 2015 zur Seite gesprungen: "Alle Gutachter kommen zum Schluss, dass anhand der Blutbildverläufe und Erythrozyten-Merkmale von Claudia Pechstein ein Doping-Nachweis nicht geführt werden kann", teilte Wolfgang Jelkmann, der Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität zu Lübeck, dem damaligen DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann mit.

"Die von uns um Rat gebetenen Experten kommen zu einem klaren Ergebnis. Danach gibt es die vielen Fragezeichen in der Causa Pechstein zu Recht", erklärte Hörmann dementsprechend der Öffentlichkeit. Pechstein jubelte: "Herr Hörmann hat sich im Namen des Deutschen Olympischen Sportbundes entschuldigt. Die medizinische Kommission hat festgestellt, dass ich Opfer bin - ich wusste es schon immer. Ich denke, dass ich jetzt auch vor dem deutschen Sport rehabilitiert bin."

Vor zwei Jahren scheiterte sie dennoch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS, der ihre Rechtsmittel gegen das Urteil zurückwies. Mit ihrem Weltverband ist die deutsche Fahnenträgerin aber weiter im Kriegszustand: Vor dem Bundesverfassungsgericht sei eine Schadensersatzklage anhängig. "Ich werde bis zum Ende kämpfen, und wenn ich bis zum Europäischen Gerichtshof gehen muss, gehe ich auch dahin", sagte die Sportlerin jüngst. Die Nominierung und später die Wahl zur Fahnenträgerin, ist nicht nur ein Zeichen großen Respekts für die sportliche Lebensleistung, sondern ein weiterer Schritt zur nachhaltigen Rehabilitierung im Bewusstsein der deutschen Sportöffentlichkeit. Einer, dessen Strahlkraft kaum größer sein kann.

"Nicht wichtig, was andere von mir denken"

Dass sie nun wirklich dabei ist, hat sie - da macht sich Pechstein in gewohnter, jenseits jeder Diplomatie angesiedelter Offenheit - überhaupt nichts vor. "Ich bin ganz zufrieden, obwohl ich einen kleinen Hänger in meinem Lauf hatte. Wer zu Olympia will, muss auch bei den deutschen Meisterschaften gut laufen und die jungen Hühner im Griff haben. Und das habe ich ganz gut gepackt", sagte Pechstein nach im Oktober nach ihrem 40. deutschen Meistertitel. Der Abstand zur Konkurrenz stimme sie aber schon etwas bedenklich. "Aber das war schon seit mindestens zehn Jahren so. In Holland wäre ich bestimmt schon seit 15 Jahren Rentner, aber die Jungen müssen hart trainieren und versuchen, Pechstein zu schlagen", sagte die älteste deutsche Spitzenathletin.

Im heimischen Verband hat ihr Lebensgefährte Matthias Große als Präsident das Sagen. Seit Sommer 2020 bringt er die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft "wieder in die richtige Spur" - so sieht es zumindest Pechstein. Sie ist überzeugt: "Wäre er nicht Präsident geworden, hätte der Verband dichtmachen müssen. Wir haben wieder mehr Sponsoren und die Abstimmung mit den Bundesmittelgebern funktioniert wieder." Nach der Wahl Großes mussten der Sportdirektor gehen und auch Bundestrainer Erik Bouwman verlor seinen Job. Die Bewerbung von Große als Verbandspräsident hatte Bouwman in einer Generalabrechnung zuvor als "Witz" bezeichnet und festgestellt, dass die meisten Läufer im Team "Pechstein zum Kotzen finden". Seine Aussagen verdienten "keinen Schönheitspreis, aber mussten gesagt werden", räumte Bouwman später ein. Die Folge war die Entlassung des Bundestrainers. Aus der Riege der Sportlerinnen und Sportler äußerte sich niemand öffentlich zu Pechstein.

Nein, Pechstein ist kein Funktionärsliebling. Sie ist streitbar und scheut auch keine Kämpfe abseits des Eises. Bei der Bundestagswahl im September kandidierte die Sportlerin in Berlin für den Einzug in den Bundestag. Im Wahlkreis von Publikumsliebling Gregor Gysi. Auch auch wenn der Linken-Politiker Stimmen verlor, gewann er das Direktmandat in Treptow-Köpenick deutlich. Auf der Landesliste ihrer Partei war die Rekordolympionikin nicht prominent platziert. Also doch weiter Eisschnelllauf statt politischer Eiertanz. "Mir ist nicht wichtig, was andere von mir denken. Ich weiß, dass ich einen Ruf habe, nicht die Sympathischste zu sein, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ein fröhlicher Mensch bin", sagte Pechstein jüngst in einem langen Portrait des RBB. "Ich freue mich, wenn bei Autogrammstunden die Leute zu mir sagen, dass ich locker sei und man mit mir Pferde stehlen könne."

"Wenn man sein Bestes gibt, ist alles gut"

Ihre Olympiaqualifikation hing bis zur letzten Kurve des letzten für die Erbringung der Norm relevanten Weltcups am seidenen Faden. Einmal musste sie noch unter die besten 15 laufen. Im Massenstart stand Pechstein, die Große, schon vor dem Aus, eine Konkurrentin hatte sie abgedrängt und so aus dem Rennen genommen. Hätten die Kampfrichter den Vorfall nicht beobachtet, der Traum von Olympia wäre geplatzt gewesen. Doch Pechstein durfte im Finale starten und fuhr ein überlegtes Rennen, fernab vom Gedränge an der Spitze.

Wichtige Punkte sammelte sie bei den Zwischensprints, aus dem Rest hielt sie sich raus. Wer fünfmal Olympisches Gold gesammelt hat, weiß, wann es sich lohnt, vorne reinzuhalten - und wann nicht. "Das spielt schon eine Rolle im Kopf, aber ich wollte das unbedingt schaffen. Die Platzierung war mir dabei völlig egal", analysierte Pechstein ihre Punktlandung auf Platz elf für den Olympia-Flieger. Und schob durchaus angriffslustig hinterher: "Schade, dass danach einige behauptet haben, ich hätte nicht mehr mitlaufen können. Die haben wohl die Taktik im Eisschnelllauf nicht verstanden."

Das den meisten Leistungssportlern lebensfremde Olympische Motto, wonach das Dabeisein alles sei, hat Pechstein für sich selbst weitgehend übernommen. Mit der Teilnahme hat sie schon gewonnen, auf dem Eis wären einstellige Platzierungen angesichts der geballt versammelten internationalen Klasse eine große Überraschung.

Vorfreude auf den "Gänsehautmoment"

Auch wenn beim Massenstart am Ende der Spiele viel passieren kann. "Das stimmt zwar, aber trotzdem bin ich Realist und sage, dass ich keine Olympia-Medaille mehr holen kann", betonte die Berlinerin, die vor 30 Jahren in französischen Alpenort Albertville ihr Olympia-Debüt gefeiert hatte. "Dass ich jetzt nicht mehr um Medaillen mitlaufen kann", sagte sie schon im vergangenen Winter RTL/ntv, sei "überhaupt nicht schlimm, und das war es noch nie. Wenn man sein Bestes gibt, ist alles gut, und wenn andere besser sind, dann ist das so. Du kannst keine Siege abonnieren, und es ist gut, dass das im Sport nicht funktioniert."

Nun wird Pechstein erst zum zweiten Mal mit der deutschen Mannschaft ins Stadion einmarschieren. Zuletzt war sie 1992 bei der Eröffnungsfeier dabei, als erstmals eine gesamtdeutsche Mannschaft bei Olympischen Spielen gemeinsam um Medaillen kämpfte. "Ich werde es total genießen, mit der Mannschaft an den Start zu gehen", sagte sie. Meistens musste sie auf diesen "Gänsehautmoment" verzichten, weil immer am anderen Tag die Wettkämpfe begannen.

So auch diesmal, aber diesmal ist es egal. Bereits am Samstag bestreitet die Langtrecken-Spezialistin ihren ersten Wettkampf. Sie werde den Einmarsch trotzdem genießen. "Das ist Emotion pur, das ist Motivation pur. Die Beine sind vielleicht nicht frisch, aber der Kopf ist frisch", sagte sie mit Blick auf die anstehenden 3000 Meter. Erst am vorletzten Olympia-Tag startet Pechstein dann noch im Massenstart-Rennen. Drei Tage nach ihrem dann wohl wirklich letzten Olympischen Rennen feiert Claudia Pechstein ihren 50. Geburtstag.

Die achten Spiele müssen derweil nicht die letzten sein. "Als wir für Peking eingekleidet wurden, haben einige Kollegen auch schon gesagt: Auf Wiedersehen in vier Jahren! War aber vielleicht auch nur positiv gemeinter Galgenhumor", sagte Pechstein jüngst der Wochenzeitung "Die Zeit". "Jetzt fahren wir erst mal nach Peking, danach feiere ich meinen 50. Geburtstag, und über alles andere reden wir dann, okay?"

Quelle: ntv.de

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