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Nach Trennung von Huawei Honor 50 soll Comeback einläuten

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Die glänzende Oberfläche des Honor 50 schlieren- und staubfrei zu halten ist fast unmöglich.

(Foto: kwe)

Losgelöst vom ehemaligen Mutterkonzern Huawei möchte der chinesische Hersteller Honor an seine Erfolge vor dem US-Boykott anknüpfen. Der erste Versuch ist das Honor 50, ein 500-Euro-Gerät mit tollem 120-Hertz-Display, guter Kameraausstattung und allen Google-Diensten an Bord.

Das Honor 50 ist ein attraktives Mittelklasse-Smartphone, das unter anderem durch einen ausgezeichneten 120-Hertz-Bildschirm und eine 108-Megapixel-Kamera auf sich aufmerksam macht. Interessant ist es aber vor allem, weil es das erste Gerät des chinesischen Herstellers nach der erzwungenen Trennung vom chinesischen Mutterkonzern Huawei ist.

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass ntv.de zuletzt über ein Honor-Smartphone schrieb. Das hatte seinen Grund, denn das Honor 9X war durch den US-Boykott gegen den Mutterkonzern Huawei das letzte Gerät des Herstellers, das eine Lizenz für die Google-Dienste bekommen hatte.

Die im Frühjahr 2019 beschlossenen Sanktionen erlaubten es Google nicht mehr, dem chinesischen Konzern Lizenzen für die Nutzung seiner Dienste zu erteilen. Auch Chip-Designer ARM musste seine Zusammenarbeit mit Huawei beenden, was eine Weiterentwicklung der hauseigenen Kirin-Prozessoren unmöglich machte. Grundsätzlich muss der Konzern auf alles verzichten, was auf für die Sicherheit der USA relevanten Patenten basiert - egal ob Hard- oder Software.

Hamsterkäufe reichen nur für Strohfeuer

Huawei versuchte zwar den Niedergang unter anderem durch ein eigenes Betriebssystem und einem eigenem App-Store aufzuhalten. Doch nachdem der Konzern mit viel Unterstützung im heimischen Markt im zweiten Quartal 2020 mit 20 Prozent weltweitem Marktanteil sogar kurzfristig Samsung als Nummer 1 abgelöst hatte, ging es mit seiner Smartphone-Sparte steil bergab.

Huaweis kurzzeitiger Höhenflug war nur möglich, weil der Konzern vor Inkrafttreten des Boykotts massenhaft Prozessoren kaufte und hortete - dies gilt als einer der Auslöser der weltweiten Chip-Knappheit. Nachdem das Strohfeuer erloschen war, beschleunigte die Corona-Krise den Niedergang von Huaweis Smartphone-Geschäft.

Im vierten Quartal 2020 waren noch 8,4 Prozent Marktanteil übrig. Drei Monate später ermittelte Counterpoint noch 4 Prozent, im jüngsten Bericht der Analysten wird Huawei nicht mehr gesondert aufgeführt. Stattdessen haben andere chinesische Hersteller seinen Platz eingenommen, allen voran Xiaomi, das mit 16 Prozent weltweitem Marktanteil bereits Apple (15 Prozent) überholt hat und Samsung (18 Prozent) im Nacken sitzt.

Zulieferer bestanden auf Honor-Verkauf

Um nicht unterzugehen, bearbeiteten Zuliefer-Unternehmen Huawei so lange, bis es Honor im November 2020 an ein Konsortium verkaufte. So sollte es dem Hersteller wieder möglich werden, mit Google und anderen US-Unternehmen Geschäfte zu machen. Und es hat geklappt - vorerst zumindest. Denn laut "Reuters" haben zuletzt im Sommer vierzehn republikanische Abgeordnete das US-Handelsministerium aufgefordert, auch Honor auf die schwarze Liste zu setzen.

Das Honor 50 könnte den Verdacht der US-Politiker erhärten, dass es mit der Unabhängigkeit von Huawei noch nicht so weit her ist. Denn das Gerät ist weitgehend identisch mit dem Huawei Nova 9, das erst kürzlich vorgestellt wurde. Eigentlich fehlen lediglich die Google-Dienste und der Qualcomm-Chip hat wegen des US-Boykotts kein 5G-Modem.

Das mag in den USA für Stirnrunzeln sorgen, potenziellen Käufern des Honor 50 kann es egal sein. Wie zuvor bei Huawei würde es keine rückwirkenden Sanktionen geben. Google sollte also Updates liefern dürfen, auch wenn Honor ebenfalls auf die schwarze Liste gesetzt würde.

Ein interessantes Gerät ist das Honor 50 jedenfalls, auch wenn es für rund 500 Euro kein Oberklasse-Smartphone ist. Das soll der nächste Comeback-Schritt des Herstellers sein.

Standard-Design mit prächtigem Display

Das Design ist Standard, auffälligstes Merkmal ist die Kameraeinheit auf der Rückseite. Ansonsten hält man ein 175 Gramm leichtes Gerät in den Händen, dass sich hochwertig anfühlt, aber keinen zertifizierten Staub- und Wasserschutz hat. Ebenso fehlt im Rahmen eine Klinkenbuchse.

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Das Display ist das beste Stück des Honor 50.

(Foto: kwe)

Prächtiger Hingucker auf der Vorderseite ist ein rund 6,6 Zoll großes OLED-Display mit leicht gebogenen Seiten. Es hat mit 2340 × 1080 Pixeln eine scharfe Auflösung und bietet eine dynamische Bildwiederholrate von bis zu 120 Hertz (Hz). Das heißt, das Gerät passt die Frequenz automatisch den Anforderungen an, um keinen Strom zu verschwenden.

Die Kontraste des Displays sind knackig, seine Farben kräftig, aber natürlich. Der Bildschirm kann bei Bedarf auch ziemlich hell leuchten und der integrierte Fingerabdruck arbeitet schnell und präzise.

Mittelklasse-Innenleben

Angetrieben wird das Smartphone von Qualcomms Chip der gehobenen Mittelklasse Snapdragon 778G, der im Gegensatz zum Nova 9 beim Honor 50 5G-fähig ist. Er reicht aus, um alle Alltagsaufgaben flüssig zu erledigen und ist zusammen mit 6 oder 8 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher auch kein Spielverderber.

Der Akku hat mit 4300 Milliamperestunden keine allzu große Kapazität, das Honor 50 kommt damit aber normalerweise gut über den Tag. Falls nicht, gehört zum Lieferumfang ein 66-Watt-Netzteil, mit dem eine leere Batterie in 20 Minuten wieder zu 70 Prozent gefüllt sein soll. Induktiv kann das Honor 50 nicht geladen werden.

Auf der Rückseite hat das Honor 50 eine Hauptkamera mit 108 Megapixeln (MP) und Blende f/9. Die hohe Auflösung muss man aktivieren, im Normalfall werden 9 Pixel zusammengefasst, um die Lichtempfindlichkeit zu erhöhen. Das hat seinen Grund. Den 108-MP-Modus sollte man nur bei hellem Tageslicht einsetzen, wo er dann auch Bilder mit vielen Details liefern kann.

Gute Hauptkamera

Ansonsten macht die Automatik der Hauptkamera gute Fotos mit realistischen Farben und kräftigen Kontrasten. Bei schwachem Licht "vermatschen" dunklere Bereiche recht schnell und im Nachtmodus nimmt sich das Honor 50 für die Belichtung etwas viel Zeit. Die Resultate sind aber insgesamt nicht schlecht.

Im unteren Ring sitzen eine 8-MP-Ultraweitwinkel-Kamera und eine 2MP-Makro-Kamera. Außerdem gibt's noch einen Sensor zur Tiefenmessung. Die Ultraweitwinkel-Kamera ist bei Tageslicht recht gut zu gebrauchen, mit Blende f/2.2 mag sie es aber nicht schummerig. Auch mit der Makro-Knipse kann man trotz der niedrigen Auflösung einiges anfangen, man sollte die Bilder aber nicht auf großen Bildschirmen betrachten.

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Bei Videos können jeweils zwei Kameras kombiniert werden.

(Foto: Honor)

Die Videos des Honor 50 können sich durchaus sehen lassen. Der Chip erlaubt allerdings nur 4K-Aufnahmen mit 30 Bildern pro Sekunde (fps), bei Full-HD sind 60 fps möglich. Wer möchte, kann Videos mit geteiltem Bildschirm aufnehmen, wofür die Haupt- mit der 32-MP-Front- oder Ultraweitwinkel-Kamera zusammenarbeitet. Ebenso ist ein Bild-im Bild-Clip möglich.

Kein Preis-Leistungs-Hammer

Das Honor 50 wird mit Android 11 und der Hersteller-Oberfläche Magic UI 4.2 ausgeliefert. Mehr als zwei Updates des Betriebssystems darf man nicht erwarten, der Hersteller geht mit seiner Garantie auch nicht über die gesetzlich vorgeschriebene Gewährleistung von zwei Jahren hinaus.

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Mit 6 GB Arbeitsspeicher und 128 GB Flash-Speicher kostet das Honor 50 rund 530 Euro, die Variante mit 8 und 256 GB gibt's für 600 Euro. Das ist fair, ein Preis-Leistungs-Hammer ist das Smartphone allerdings nicht. Von den Vorgängern weiß man aber, dass Honor die unverbindliche Preisempfehlung nicht allzu ernst nimmt und sich selbst regelmäßig in Aktionen unterbietet. So erhalten Vorbesteller das Gerät für 500 Euro inklusive den Ohrhörern Honor Earbuds 2 Lite für 500 Euro. Auch am Black Friday (26. November) ist mit Extras oder einem Preisnachlass zu rechnen.

Comeback wird nicht leicht

Ob das Comeback so gelingen wird, ist allerdings fraglich. Die Situation ist heute eine andere als Honor vor sechs Jahren auf den deutschen Markt kam. Xiaomi, Oppo, Vivo oder Oneplus sind gekommen, um zu bleiben und werden sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lassen. Und weil es kein Zweitverwerter von Huawei-Komponenten mehr ist, wird es Honor schwer haben, seine chinesischen Konkurrenten zu unterbieten.

Quelle: ntv.de

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