Wirtschaft

Hoffen auf die nächste Illusion Alitalias unendliche Geschichte

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Der designierte Konzernchef Luigi Gubitosi (r): Ist er der ersehnte starke Mann?

(Foto: REUTERS)

Etihad Airways versprach, aus Italiens seit Jahren dahinsiechender Fluggesellschaft die sexyste in Europa zu machen. Jetzt steht Alitalia wieder einmal vor dem Bankrott. Eine Agonie, die mit Nationalstolz und politischem Kalkül zu tun hat.

Die Fakten sind bekannt: Die italienische Fluglinie Alitalia steht wieder vor dem Aus. Die Verluste sollen sich allein pro Tag auf eine Million Euro belaufen. Der Gesamtverlust im vergangenen Jahr summierte sich auf 600 Millionen Euro. Etihad Airways zieht sich nach knapp zweieinhalb Jahren aus dem Geschäft zurück. Alitalia steht damit nicht nur wieder von dem Abgrund, sondern diesmal sogar unter kommissarischer Aufsicht. Regierungschef Paolo Gentiloni will so schnell wie möglich einen Käufer für die marode Fluggesellschaft finden. Schlimmstenfalls könnte sie auch stückweise verkauft werden. Aber Rom hofft immer noch auf eine Offerte der Deutschen Lufthansa.

Das Geschick von Alitalia ist mittlerweile eine unendliche Geschichte, die den Italienern nicht einmal mehr eine zynische Bemerkung entlockt. Die mehrfachen Rettungsaktionen haben die Steuerzahler schon acht Milliarden Euro gekostet. Ein Überbrückungskredit in Höhe von 600 Millionen Euro, der für die nächsten sechs Monate das reguläre Tagesgeschäft garantieren soll - also die Flüge - ist gerade erst aus den staatlichen Kassen geflossen.

Das Drama beginnt 1996

Dabei waren die Hoffnungen Ende 2014, als die dritte Rettungsaktion unter Dach und Fach war, so hoch. Diesmal war Etihad Airways, die Nationalfluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate, am Zug. Der Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan hatte 387,5 Millionen Euro in die italienische Fluggesellschaft investiert und sich so 49 Prozent der Anteile gesichert. Der Australier James Hogan, die damalige Nummer eins bei Etihad Airways, prophezeite, "2017 werden wir wieder Gewinne einfliegen" und versprach, "Alitalia zu sexysten Fluglinie in Europa" zu machen.

Hierzulande glaubt man gerne an Wunder oder zumindest an das Adagio "irgendwie geht's immer". Also warum sich nicht der Illusion hingeben, dass es Etihad Airways tatsächlich schaffen könnte, die seit Jahren dahinsiechende Alitalia wieder zum Leben zu erwecken?

Die Anfänge des Niedergangs gehen bis ins Jahr 1996 zurück. Damals verbuchte die Fluggesellschaft einen Verlust von umgerechnet 625 Millionen Euro. Es war der Anfang vom Ende. Zehn Jahre später erschien die Lage noch desolater. 2006 beklagte Giancarlo Cimoli, der vom damaligen Premier Silvio Berlusconi 2004 eingesetzte Vorstandsvorsitzende, je mehr die Airline fliege, desto mehr Geld verliere sie. Er selbst verdiente jährlich 2,8 Millionen Euro. Als ihn 2007 die Mitte-Links Regierung unter Romano Prodi des Amtes enthob und Alitalia am Rande des Bankrotts stand, bekam Cimoli als Abfindung weitere drei Millionen Euro.

Regierungsende vermasselt Rettung

Um die Staatskassen und die Steuerzahler nicht mit weiteren kostspieligen Rettungsaktionen zu belasten, sah sich Prodi nach möglichen privaten Käufern um. Ein Abkommen mit Air France-KLM, die schon eine Minderheitsbeteiligung an Alitalia hielt, schien nach einem etwas turbulenten Anfang dann auch in greifbarer Nähe. Die Airline war gewillt, 1,7 Milliarden Euro für die Übernahme zu bezahlen. Im Gegenzug aber sollten 2100 Arbeitsplätze gestrichen werden. Doch Prodis Regierung hatte ein vorzeitiges Ende und Berlusconi zog am 8. Mai 2008 wieder in den Palazzo Chigi, den Sitz der italienischen Regierung, ein.

Der Cavaliere wollte von einem Verkauf an Ausländer, noch dazu an die hochnäsigen Franzosen, nichts wissen. Also appellierte er an den Nationalstolz und trommelte eine Gruppe von Unternehmern ("capitani coraggiosi") und Banken zusammen - unter anderen die Bennetons, die Rivas (Stahlindustrie Ilva), Ligresti (Bauunternehmen) und die Kreditinstitute Unicredit, Banca Intesa und Monte di Paschi di Siena. Die mutigen Kapitäne boten den gleichen Kaufpreis wie die Franzosen, weigerten sich aber, die annähernd zwei Milliarden Euro schwere Schuldenlast zu übernehmen.

Zwar gelang es den "capitani coraggiosi" noch einen Haushaltsausgleich zu erwirtschaften, das Rennen mit den Low-Cost-Anbietern auf den europäischen und italienischen Kurzstrecken sowie mit den großen Fluggesellschaften auf den Langstrecken war aber längst verloren. Allein Ryanair deckt heute mit 300 Flügen von und nach Italien 30 Prozent des italienischen Marktes ab. 90 Prozent der Alitalia-Flüge konzentrieren sich auf italienische und europäische Ziele, während die rentableren Langstreckenflüge nur gut ein Zehntel betragen.

Die Regierung will also jetzt zügig verkaufen. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Denn wer immer der Käufer sein wird, er wird einen noch drastischeren Sanierungsplan fordern, als den, den die Alitalia-Mitarbeiter erst vor ein paar Wochen per Abstimmung durchfallen ließen. Dieser sah eine Lohnkürzung von acht Prozent vor und den Wegfall von 1300 Jobs. Und so könnte die Politik - etwa der gerade wiedergewählte Chef der Sozialdemokraten, Matteo Renzi - eingreifen. Denn in Italien stehen spätestens im Februar Parlamentswahlen an. Und eine neue Gruppe von "capitani coraggiosi" könnte ihm ein paar Wählerstimmen einbringen.

Quelle: ntv.de