Wirtschaft

Korruption in Griechenland "Die Institutionen wollen uns loswerden"

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Das griechische Parlament (im Hintegrund) hat bislang keinen Weg gefunden, die Korruption im Land zu stoppen.

(Foto: REUTERS)

Georgios Vasiliadis hat viel zu tun: Er hat die Aufgabe, die Korruption in Griechenland zu bekämpfen. Für diese sind nicht nur die alten Eliten verantwortlich, sagt er n-tv.de. Mitschuldig seien auch europäische Konzerne.

n-tv.de: Ihre Aufgabe ist es, in Griechenland die Korruption zu bekämpfen. Das klingt nach einer gewaltigen Herausforderung.

Georgios Vasiliadis: Ist das nur hier so? Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Korruption in Griechenland nur etwas stärker als der Durchschnitt. Korruption ist überall ein Problem. In Griechenland ist die Struktur allerdings anders – das ist der Unterschied zum Rest Europas.

Was ist anders an der Korruption in Griechenland?

In anderen Ländern gibt es Korruption in den Chefetagen großer Konzerne. Das ist wirtschaftlich und gesellschaftlich eine horizontale Linie. In Griechenland ist diese Linie vertikal. Das heißt: Die Korruption gibt es in allen Ebenen der Gesellschaft. Damit ist sie hier sichtbar, als Teil des Alltags zu spüren – beispielsweise wenn in einem Krankenhaus erwartet wird, dass ein Patient den Arzt schmiert. In anderen Ländern ist die Korruption auf einer höheren Ebene angesiedelt. Sie richtet dort zwar auch Schaden an, doch die Auswirkungen bekommen die Bürger nicht unmittelbar mit. Die von der Sparpolitik verstärkte Krise verschärft hier in Griechenland das Problem.

Inwiefern?

Die Menschen versuchen, über die Runden zu kommen. Wenn der Lebensstandard drastisch sinkt, wächst beispielsweise die Versuchung, Steuern zu hinterziehen. Es ein Teufelskreis entstanden: Der Staat verlangt von den Bürgern, mehr Steuern zu zahlen. Gleichzeitig wird es wegen der Krise immer schwerer, einen halbwegs normalen Lebensstandard aufrechtzuerhalten.

Aber hat nicht eher umgekehrt die Korruption zur Krise beigetragen, indem sie Ineffizienz förderte?

Natürlich hat die Korruption zur Krise beigetragen. Wir hatten ein korruptes politisches System, das im Zusammenspiel mit europäischen multinationalen Konzernen öffentliche Gelder verschwendet hat. Zugleich verhinderte das klientelistische System, das diese korrupte Klasse aufgebaut hat, dass ein effizienter Staatsapparat der Korruption entgegenwirken kann. Während es in Deutschland wenige Monate dauert, bis ein Verfahren abgeschlossen ist, dauert es hier mehrere Jahre. Wir haben nicht genügend Staatsanwälte, die Verwaltung ist nicht digitalisiert. Dazu kommen Kompetenzstreitigkeiten zwischen verschiedenen Institutionen, wer für welchen Fall verantwortlich ist. Wenn die Justiz auf diese Art und Weise gelähmt ist, ist das ein perfekter Nährboden für Korruption. Deshalb die neue Regierung dieses Generalsekretariat ins Leben gerufen.

Um was zu tun?

Wir kämpfen gegen einen bürokratischen Apparat. Wir versuchen herauszufinden, an welcher Stelle etwas blockiert wird. Und warum das passiert. Dann lösen wir die Blockade. Wir wollen dafür sorgen, dass der Apparat effizienter wird.

Viele Griechen – auch Unterstützer der Regierung – fürchten, dass Klientelismus und Korruption auch Syriza heimsuchen werden.

Die Menschen, die davor Sorge haben, sind die Garantie, dass wir nicht so werden wie die alten Eliten. Sie haben eine politische Klasse erlebt, die ihnen ins Gesicht gelogen hat. Sie vertrauen darauf, dass wir das nicht tun, weil wir eben nicht Teil des alten Systems sind. Wenn wir sie enttäuschen, werden sie uns das nicht verzeihen. Das dürfte auch der Grund für die Unnachgiebigkeit der Institutionen und der politischen europäischen Eliten sein. Sie wollen unsere Regierung so schnell wie möglich loswerden.

Mit Georgios Vasiliadis sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de