Wirtschaft
Jorgen Randers (l) und Graeme Maxton (r) stellen in Berlin ihr Buch "Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen" vor.
Jorgen Randers (l) und Graeme Maxton (r) stellen in Berlin ihr Buch "Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen" vor.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 13. September 2016

Prämie für Kinderlosigkeit: Die reiche Welt muss Wirtschaft neu denken

Von Juliane Kipper

Arbeitslosigkeit und Ungleichheit sind die zwei drängendsten Probleme der reichen Welt. Auch ein anhaltendes Wirtschaftswachstum ändert daran nichts. Zeit für einen Paradigmenwechsel, fordern zwei Forscher.

Das weltweite Wirtschaftswachstum ist ungebremst. Trotzdem hat sich die Lebenssituation der meisten Menschen in wohlhabenden Ländern nicht verändert. In Deutschland und der EU etwa leben zwei Millionen Menschen in Armut. Jeder fünfte Pensionär kann von seiner Rente nicht leben, und unter der steigenden Arbeitslosigkeit leiden besonders die unter 25-Jährigen.

In ihrem Bericht an den Club of Rome "Ein Prozent ist genug. Mit wenig Wachstum soziale Gleichheit, Arbeitslosigkeit und Klimawandel bekämpfen" sind sich der norwegische Zukunftsforscher Jorgen Randers und der britische Ökonom Graeme Maxton einig: Ohne einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft wird sich die Lage in den nächsten 20 Jahren noch verschlimmern. Die zentralen Herausforderungen sind die Ungleichheit, die Arbeitslosigkeit und der Klimawandel. In 13 Forderungen wenden sich die Verfasser an die Politik und Wirtschaft der Industrieländer.

Investitionen, Steuern - und ein Bonus für kleine Familien

"Unsere Vorschläge dürften für die demokratische Mehrheit der Wähler sehr attraktiv sein, denn so gut wie alle Maßnahmen schaffen nicht nur langfristig eine bessere Welt, sondern auch kurzfristig unmittelbare Vorteile für die meisten Menschen", sind sich Randers und Maxton sicher. Für sie ist das derzeitige marktradikale Denken zum Scheitern verurteilt. Denn eine alternde Gesellschaft, knapper werdende Ressourcen und der Klimawandel verschärfen die Probleme nur. Um diese in den Griff zu bekommen, führt nach Ansicht der Autoren kein Weg an einer Umverteilung von Einkommen und Arbeit vorbei.

"Unsere 13 Vorschläge unterscheiden sich von allen anderen Klimalösungen, weil wir den Fokus darauf legen, dass sie in einer freien Marktwirtschaft politisch durchführbar sind", sagt Randers. Drei der Ideen halten die Autoren für besonders vielversprechend: Ein verstärkter Einsatz grüner Konjunkturpakete beispielsweise, soll durch zusätzliches "gedrucktes" Geld oder Steuererhöhungen finanziert werden. So sollen Staaten schneller auf den Klimawandel reagieren und Einkommen umverteilt werden. "Die Druckerpressen anzuwerfen hat den Vorteil, dass die Kosten als eine leicht erhöhte Inflation gleichmäßig auf die Gesellschaft verteilt werden."

Eine CO2-Steuer soll zudem mehr Anreiz für den Klimaschutz schaffen. Die daraus gewonnenen Einnahmen könnten direkt an die Bürger verteilt werden. Diejenigen, die für die Herstellung von Produkten überdurchschnittlich viele Rohstoffe verbrauchen, sollen dafür auch zur Kasse gebeten werden. "Es nimmt den Reichen etwas und gibt es den Armen weiter", sagen Randers und Maxton. Für Familien könnte die CO2-Steuer eine zusätzliche Einnahmequelle sein und Motivation, weniger fossile Energie zu verbrauchen.

Fehler nicht wiederholen

Den Punkt Familienförderung bezeichnet das Autorenduo selbst als eine "besonders unkonventionelle - und möglicherweise strittige - Maßnahme". Sie schlagen vor, dass in den Industrieländern Familien mit einem oder gar keinem Kind belohnt werden. So sollen Frauen, die bis zu ihrem 50. Lebensjahr höchstens ein Kind großgezogen haben, einen Bonus von 80.000 Dollar erhalten. Denn die Überbevölkerung ist in den Augen der Wissenschaftler eines der Hauptptobleme. Ferner plädieren sie für eine deutlich höhere Erbschaftssteuer, längeres Arbeiten und Steuern auf ungesunde Produkte.

Zugleich aber weisen die Autoren auf eine entscheidende Schwäche ihres Katalogs hin. Denn die Vorschläge sind für die Entwicklungsländer nicht umzusetzen. Für sie sei vielmehr ein robustes Wirtschaftswachstum erstrebenswert. Nur die Fehler der Industriestaaten, die sollten sie am besten vermeiden - mit Hilfe der reichen Länder.

Quelle: n-tv.de