Wirtschaft

Carsten Maschmeyer im Interview "Draghi ist ein Zins-Killer"

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Carsten Maschmeyer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kann man bei niedrigen Zinsen und steigender Inflation das Geld sinnvoll anlegen? "Ja", sagt Carsten Maschmeyer im Interview - und warnt vor einer Immobilienblase. Mit n-tv.de spricht der Investor über Mini-Zinsen, Preisblasen, Sparsamkeit und Kaffeebohnen.

n-tv.de: Die Zinsen sind niedrig, die Inflation zieht an. Lohnt sich das Sparen überhaupt noch?

Carsten Maschmeyer: Viele Menschen sparen sich derzeit ärmer. Mehr noch: Sie unterliegen der Nominalwertillusion. Auf einem Zehn-Euro-Schein steht zwar auch noch in ein paar Jahren "zehn Euro". Einkaufen kann man damit aber dann nur noch für weniger als neun Euro. Die Kaufkraft sinkt, die Vermögen verlieren an Wert. EZB-Chef Mario Draghi ist deswegen ein Zins-Killer und Vermögensvernichter. Der größte Enteigner Europas. Ein Beispiel: Eine einjährige Bundesanleihe rentiert bei minus 0,6 Prozent. Die Inflation liegt bei 1,9 Prozent und damit so hoch wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Das heißt: 2,5 Prozent Vermögensverlust.

In Sachen Inflation liegt die EZB im Soll, sie sieht Preisstabilität bei knapp unter zwei Prozent erreicht.

Wir müssen realisieren, dass diese Inflationsrate kurioserweise gewollt ist. Als ich mein Buch "Die Millionärsformel" im Herbst aktualisierte, haben alle Lektoren gesagt: "Das mit der Inflation können Sie nicht schreiben. Es gibt derzeit keine Inflation. Hören Sie auf, den Sparern Angst mit Inflation zu machen." Ich habe entgegnet: "Ich stehe dazu, die Inflation wird Richtung zwei Prozent gehen." Jetzt, nur vier Monate später, hat die EZB ihr Ziel erreicht. Wir haben also einerseits Inflation und traurigerweise andererseits kaum Zinsen. Das bedeutet: Aus Sparkönigen werden Zinsbettler. Die Menschen bekommen bedauerlicherweise zu spüren, dass es kein Menschenrecht auf Zinsen gibt – auf hohe Zinsen schon gar nicht.

Und wie sollen Sparer damit umgehen?

Sie müssen von der Sparwelt in die Investitionswelt wechseln. Konkret: Man muss sehenden Auges investieren und darf nicht blind sparen. Früher war es so: Ich bringe mein Geld zur Bank und dann beginnt das berühmte Wunder, das Zinseszins heißt. Bei Null- oder Minuszinsen erlebt man eher sein blaues Wunder. Denn im Gegenteil, das Vermögen wird kleiner. Dagegen helfen nur Sachwerte, die Inflationsschutz bieten - also beispielsweise Aktien und Immobilien. Ich denke aber, dass es bei Immobilien bereits eine Preisblase gibt. Deswegen heißt mein Rat: Clever sein und in Aktien rein.

Damit stoßen Sie bei vielen Deutschen sicher nicht auf Gegenliebe. Ihnen sind Aktien viel zu riskant.

Das liegt daran, dass viele nicht gelernt haben, wie Aktiensparen geht. Natürlich hat jeder irgendwann einmal gehört, dass bestimmte Aktien besonders stark gestiegen sind. Einige sagen sich dann nach Gesprächen am Frühstückstisch oder im Freundeskreis: Jetzt kaufe ich auch Aktien. Und sobald Aktien dann fallen, heißt es: Jetzt schnell verkaufen, bevor die Kurse noch weiter sinken. Aktiensparen ist das nicht! Tatsächlich sollte man in einem Zeitraum von mindestens zehn, besser 15 Jahren denken. Wer so langfristig spart, hat als Aktien-Sparer in den letzten 50 Jahren hierzulande in einer beliebigen Zeitspanne von knapp 15 Jahren keine Verluste gemacht. Nicht nur das: Seit es den Dax gibt, erzielte dieser eine Jahresrendite von durchschnittlich über sieben Prozent. Deshalb ist es auch entscheidend, dass man in ein Bündel von verschiedenen Aktientiteln investiert.

Und wie mache ich das?

Der Normalsparer und Durchschnittsverdiener sollte sich nicht einen eigenen Aktienkorb zusammenstellen, so nach dem Motto: Ich nehme ein bisschen BASF, ein bisschen Daimler und dazu noch etwas Allianz. Selbst Finanzprofis liegen meistens falsch, und 80 Prozent aller Fonds entwickeln sich schlechter als die Vergleichs-Indizes. Es gibt deswegen nur zwei Möglichkeiten: Entweder nehme ich einen ETF, also einen börsengehandelten Indexfonds, der beispielsweise den Dax oder MDax abbildet. Oder ich wähle einen der besten Fondsmanager, die verschiedene Value-Aktien identifizieren und über Jahre bewiesen haben, dass sie höhere Renditen vorweisen.

Bevor man Geld in Aktien steckt, muss man es haben. Wieviel Geld sollte man dafür zurücklegen?

Die durchschnittliche Sparrate liegt in Deutschland etwas über zehn Prozent. Das ist jedoch sehr ungleich verteilt: Manche sparen gar nicht, bei einigen wächst sogar der Schuldenstand. Andere sparen 20 oder mehr Prozent. Wer zehn Prozent seines Einkommens 20 oder 30 Jahre zurücklegt und dann rund sieben Prozent Rendite erhält, kann eine beachtliche Summe zusammensparen. Da kommen leicht mehrere hunderttausend Euro zusammen.

Um eine solche Summe zu erreichen, braucht man Zeit. Doch was raten sie Menschen, die bereits in einigen Jahren viel Geld brauchen - beispielsweise weil sie eine Immobilie kaufen oder ihrem Kind ein Studium finanzieren wollen?

Eine solche Idee kommt ja nicht spontan. Dass meine Tochter oder mein Sohn später studieren wollen, das merke ich nicht kurz vor dem Abitur, sondern viel früher. Auch der Kauf einer Immobilie erfordert viel Planung und Überlegung. Jeder Mensch muss Prioritäten setzen. Ein Studium für die Tochter, ein schicker Neuwagen, Eigenkapital für ein Haus und nebenbei noch Aktiensparen für später – das geht nicht alles gleichzeitig. Da muss man einen Plan entwerfen, wie man das Geld aufteilt und welche Ziele realistisch sind.

Viele Deutsche träumen von den eigenen vier Wänden. Bei Immobilien gibt es ihrer Ansicht nach aber bereits eine Preisblase. Heißt das: Finger weg?

Zehn Jahre nach der Immobilienkrise haben wir tatsächlich eine neue Preisblase. Die Preise übertreffen die damaligen Rekordniveaus. Sobald die Zinsen steigen, wird die Blase platzen. Spätestens passiert das bei dem Wiederverkauf: Nehmen wir einmal an, jemand finanziert seine Wohnung mit einem Zins von einem Prozent. Will er die Wohnung in einigen Jahren verkaufen, liegen die Zinsen vielleicht bei drei Prozent. Dann wird der Käufer, der die Wohnung mit einem höheren Zins finanzieren muss, nicht den Preis bezahlen, der heute bezahlt wird. Dann merkt man, dass der Wert einer Immobilie nicht in Stein gemeißelt ist. Das Dreieck aus Immobilienpreis, Miete und Lohn ist aus den Fugen geraten. Die Preise sind sehr viel schneller gestiegen als die Löhne.

Angesichts niedriger Zinsen wollen sich dennoch viele Deutsche eine Immobilie kaufen. Was empfehlen Sie denen außer den drei wichtigsten Kriterien namens Lage, Lage und Lage?

Man sollte mindestens 20 Prozent Eigenkapital haben. Außerdem sollte man nach Möglichkeit mit dem Eintritt in das Rentenalter die Hypothek abbezahlt haben. Man sollte eher kaufen, wenn man sich vorstellen kann, dort auch lebenslang selber zu wohnen. Wenn mir jemand sagt, in drei oder vier Jahren ziehe er aus beruflichen Gründen vielleicht in eine andere Stadt, würde ich nicht empfehlen, die Wohnung zu kaufen. Außerdem rate ich davor ab, eine Immobilie zu erwerben, deren Preis die zwanzigfache Jahresmiete übersteigt.

Das gilt selbst in Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt?

Ja. Auch dort kann es zu bösen Überraschungen kommen.

Sie haben davon gesprochen, wie viel Geld man zurücklegen sollte. Doch was empfehlen Sie beispielsweise jemandem, der bereits 25.000 Euro angespart hat und sich fragt: Wohin damit?

Er muss zunächst einmal eine Bestandsaufnahme machen. Es kommt darauf an: Wie hoch ist das Einkommen? Wie hoch sind die Rentenansprüche? Wie alt ist man? Lebt man in einer Eigentumswohnung oder zur Miete? Das ist sehr individuell. Grundsätzlich gilt: Drei Monatsnettoeinkommen müssen zurückgelegt werden und jederzeit verfügbar sein, bevor man ans Investieren geht. Das ist dann ein Notfallkonto für den Fall, dass man plötzlich Geld braucht, beispielsweise für Reparaturen. Außerdem muss man gegen die Grundrisiken abgesichert sein. Jeder braucht – so langweilig das klingt – eine Haftpflicht- und eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Und dann?

Dann beantwortet man die Frage, auf welches Ziel man spart. Will ich Eigenkapital für eine Immobilie ansparen? Will ich eine zusätzliche Altersvorsorge aufbauen? Will ich mich selbständig machen und Geld für die Firmengründung sammeln? Steht der Zweck des Sparens fest, entscheidet man sich zielorientiert für entsprechende Finanzprodukte.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Die Millionärsformel" auch davon, dass es eine bestimmte Mentalität erfordert, um die eigenen Sparziele zu erreichen. Was bedeutet das konkret?

Wer seine Finanzen verändern will, muss sein Verhalten verändern. Man braucht Mut, Disziplin und Konsequenz…

Das klingt schon sehr nach preußischen Tugenden.

Das ist ja auch so! Normalverdiener  sollen doch nicht zocken. Klar könnte jeder sich 1000 Euro leihen und auf Preise von Kaffeebohnen spekulieren. Das Geld kann sich vielleicht auf 10.000 Euro vermehren – oder ist für immer weg. Deshalb beschreibe ich einen Weg, wie sich jeder finanziell verbessern kann. Und das gelingt dann, wenn man die Einnahmen erhöht und die Ausgaben senkt. Heutzutage ist es leicht, Kosten zu senken, ohne weniger einzukaufen. Man kann beispielsweise online günstig shoppen. Niemand muss sich einen Neuwagen kaufen. Ein Auto, das man für 60.000 Euro kauft ist in dem Moment nur noch 45.000 Euro wert, wenn es vom Parkplatz des Autohändlers rollt. Diese 15.000 Euro kann man sich sparen. Man kann auch darauf verzichten, seinen Kaffee bei Starbucks zu trinken. Zuhause schmeckt der Kaffee doch auch. Da kommt schnell viel zusammen.

Und wie erhöht man seine Einnahmen?

Statt auf höhere Zinsen zu warten, sollte man mit Nebentätigkeiten oder Überstunden starten. Mit anderen Worten: Mit dem Vorgesetzten kann man leichter über eine Gehaltserhöhung reden als mit EZB-Chef Draghi über eine Zinserhöhung. Und es gab noch nie so viele Möglichkeiten, sich einen Nebenverdienst zu suchen. Es gibt – das sehe ich auch durch die "Höhle der Löwen" – so viele Geschäftschancen. Das können nicht nur junge Tekkies zwischen 20 und 25 Jahren. Es machen sich Mütter von drei Kindern selbständig, es gründen 60-Jährige, Studierte und Nichtstudierte. Es gibt so viele Chancen, eine Nebentätigkeit zu finden oder sich völlig selbständig zu machen.

Was nichts daran ändert: Man muss an sich arbeiten, da sind wir wieder bei den preußischen Tugenden. Man kann sich heute so leicht fortbilden und seine Qualifikation verbessern – und dadurch die Voraussetzung schaffen, ein paar hundert Euro mehr zu verdienen. Die Differenz von Einnahmen und Ausgaben ist das "Reichwerde-Potential". Dieses Geld muss man intelligent anlegen, möglichst auch noch so, dass man Zuschüsse vom Arbeitgeber und vom Staat bekommt. Dann können im Laufe der Jahre mehrere Hunderttausend Euro zusammenkommen. Denn man kann auch ohne Zinsen reich werden.

Ist es so, dass sich tatsächlich jeder viel Geld zusammensparen kann? Es gibt ja auch Menschen, für die es kaum für das Nötigste reicht.

Selbstverständlich gibt es Menschen, die benachteiligt sind. Wer keine Möglichkeit hat, Geld anzusparen, weil monatlich viel zu wenig Geld auf das Konto kommt, wer älter ist, dem kann man nicht sagen: Mach' mal eine Fortbildung und dann Karriere. Das geht nicht, hier ist dann die Unterstützung der Solidargemeinschaft gefordert. Doch wer im Gegensatz dazu noch die Möglichkeiten hat und mehr aus sich machen kann, wer mehr arbeiten kann, wer sich fortbilden kann, wer seine Ausgaben senken kann, wer Geld richtig anlegen kann, der sollte das auch tun. Und so seine persönliche finanzielle Situation verbessern.

Mit Carsten Maschmeyer sprach Jan Gänger

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Quelle: n-tv.de

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