Wirtschaft

Zwei Jahre Lehman-Pleite Es lebe der Kapitalismus!

5495091.jpg

Herkules in Fesseln: So richtig lässt sich die Bankenwelt nicht bändigen

(Foto: picture-alliance / dpa)

Am 15. September 2008 geht die US-Investmentbank Lehman Bros unter und eine weltweite Finanzkrise nimmt ihren Lauf. Das soll nie wieder passieren, schwört die Staatengemeinschaft und sucht nach geeigneten Fesseln für die Finanzwelt. Zwei Jahre später sitzen diese immer noch nicht straff.

Als das Undenkbare passiert und am 15. September 2008 die US-Investmentbank Lehman Bros zusammenbricht, scheint das Ende der bisherigen Definition des freien Kapitalismus gekommen zu sein. Der totale Zusammenbruch des globalen Finanzsystems kann nur durch Staatsmilliarden verhindert werden und die Banker müssen sich von ihren Landesregierungen fest an die Hand nehmen lassen.

2t7h0022.jpg1459256481414482026.jpg

Jahrestag einer Pleite

(Foto: dpa)

Zwei Jahre nach der Bank-Pleite, die der Vorläufer der globalen Finanzkrise, der Fast-Pleite eines Staates und dem Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen war, sieht die Welt aber wieder ganz freundlich aus. In den Industriestaaten liegen die Wachstumsraten auf dem Vorkrisenniveau, die Schwellenländer können das Tempo sogar noch etwas anziehen. Die Orderbücher der Unternehmer füllen sich, der Export läuft und der Dax hat das tiefe Tal hinter sich gelassen. Und etliche Bankriesen verbuchen wieder Milliardengewinne. Also alles gut? Mitnichten. Die Krise ist noch nicht vorüber, warnen Konjunkturforscher, Politiker und Spitzenbanker unisono.

Neues Chaos nicht finanzierbar

Was sich nicht erholt hat, ist das Vertrauen in die Finanzwelt. Auf dem Börsenparkett sind die Anleger misstrauisch geblieben und mit einem Bein immer auf dem Sprung. Der Konjunkturmotor der weltgrößten Volkswirtschaft, den USA, ist zuletzt erneut bedenklich ins Stocken geraten und die Probleme Griechenlands und Irlands nähren die Zweifel an der Standfestigkeit des Bankensystems.

Neue Krisen könne sich die Staatengemeinde aber nicht mehr leisten, mahnte unlängst der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, und erinnert an die Milliarden, die die Notenbanken und Staaten bereits in den Finanzkreislauf gepumpt haben, um einen Kollaps zu verhindern. Nicht zu vergessen die etlichen Banken, die noch an dem Staatstropf hängen sowie die gigantischen Schuldenberge vieler Euro-Länder.

Schneller als die Regulierer

Die vielbeschworene Kontrolle der Banken kommt dagegen noch nicht an. Oder anders gesagt: Die Institute sind den Regulierern zu oft noch einen Schritt voraus. "Beim Zähmen der Finanzmärkte sind wir einige Schritte vorangekommen, aber längst nicht so weit, dass eine Wiederholung ausgeschlossen wäre", stellte Ex-Finanzminister Peer Steinbrück kürzlich fest.

140910HAM301_140910HAM301.jpg134910170296282320.jpg

Demonstration am Jahrestag: Die Wut der Anleger ist noch nicht verraucht.

(Foto: dapd)

Der Leidtragende ist der Steuerzahler und der Bankkunde. Verbraucherschützer monieren, dass Anleger noch immer nicht ausreichend geschützt sind. "Verkaufsdruck bei Bankmitarbeitern, zu wenig Informationen und Aufsichtslücken kosten die Bankkunden jährlich Geld", hieß es anlässlich des Jahrestages der Lehman-Pleite in einer gemeinsamen Erklärung des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Verbraucherzentralen. "Ein Großteil der Finanzinstitute lebt in einer Parallelwelt und glaubt, er müsse sich nicht an die geltende Gesetze halten", sagte der Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen. So würden beispielsweise die gesetzlich vorgeschriebenen Beratungsprotokolle bei vielen Instituten nicht ausgehändigt.

Auch die umstrittenen Banker-Boni wurden vielerorts noch nicht angefasst. Von befragten Bankinstituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben laut einer Studie der Unternehmensberatung Towers Watson erst 40 Prozent die Boni stärker an langfristige Erfolge geknüpft. Weitere 40 Prozent seien noch dabei und etwa jede fünfte Bank habe noch gar nicht begonnen, hieß es.

Insellösungen stehen

Sicher wurden in den vergangenen zwei Jahren auch viele Fortschritte gemacht – doch bleibt die Frage, ob die Regelwerke auch weltweit umgesetzt werden können. So steht Deutschland mit seiner Bankenabgabe bislang alleine da. Und das neue internationale Regelwerk für die Finanzwelt, Basel III, wird erst ab 2013 schrittweise eingesetzt. Aber wie bei den Vorgängern, Basel I und Basel II, bangen die Europäer, dass die USA zwar zunächst freundlich zustimmen, die Eigenkapitalregeln dann aber nicht einführen werden. Während "Basel II" in Deutschland und anderen europäischen Ländern seit 2007 in Kraft ist, gilt es in den USA bis heute nicht vollständig. Hinzu kommt als Fußnote: Auch Basel II konnte die Banken nicht vor der Finanzkrise schützen. 

Dabei ist es nicht so, dass in den USA nichts gegen die Krise getan wird: Der Kongress hat erst vor kurzem die umfassendste Finanzmarktreform seit mehr als 80 Jahren verabschiedet. Und der US-Börsenaufsicht SEC gelang es, die Großbank Goldman Sachs wegen Irreführung von Anlegern zu einer Rekordstrafe von 550 Mio. Dollar zu verdonnern. Die Crux an der Sache: Angesichts eines Quartalsgewinns von 3,3 Mrd. Dollar zahlt Goldman Sachs das Knöllchen quasi aus der Portokasse. Und ist damit wieder einen Schritt voraus.

Aber vielleicht wurde doch die eine oder andere Lehre aus der Finanzkrise gezogen: Ausgerechnet in London, der Finanzmetropole, die nach New York wohl am meisten für die Gier der Banker steht, versucht die erste neue Privatkundenbank seit mehr als 150 Jahren einen neuen Weg einzuschlagen. Die Metrobank will mit einem neuen Konzept enttäuschte Anleger und Sparer gewinnen. Die Banker erhalten ihren Bonus nach Kundenzufriedenheit statt nach Verkaufszahlen, Kunden werden von Menschen statt von Computern beraten. Und wer mit seinem Hund in eine Filiale geht, darf auch einen Hundekeks erwarten. Hier ist dann nicht mehr der Banker der König. Dafür muss er dann vielleicht auch nicht mehr an die Leine.

Quelle: n-tv.de, mit dpa/rts/AFP

Mehr zum Thema