Wirtschaft

Diesel-Gipfel in Berlin "Es muss mehr passieren"

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Das Verwaltungsgericht Stuttgart hatte vergangene Woche Fahrverbote auch mit Nachrüstung als kaum vermeidbar bezeichnet.

(Foto: REUTERS)

Software-Update statt technische Umrüstung: Die Autokonzerne kommen auf dem Diesel-Gipfel wohl um eine milliardenteure Umrüstung der Motoren herum. Das sei ein Minimalkompromiss, sagt ADAC-Verkehrsexperte Stefan Gerwens - und fordert weitere Schritte.

n-tv.de: Der ADAC hat im Vorfeld des Treffens "klare Maßnahmen" gefordert. Ist ein Software-Update auf Kosten der Autohersteller eine solche Maßnahme?

Stefan Gerwens: Das ist der bisherige Minimalkompromiss. Sie wird nicht ausreichen, um die Stickoxid-Emissionen in den Städten deutlich zu mindern. Es muss darüber hinaus mehr passieren. Denn es geht darum, die Gesundheit der Menschen in den Städten zu schützen und zugleich Fahrverbote zu vermeiden.

Sie fordern also eine technische Hardware-Lösung?

Wir sprechen uns für eine solche Lösung aus, wo sie wirtschaftlich möglich und technisch machbar ist. Das gilt nicht für alle Fahrzeuge - aber für einen Großteil der Euro-5- und Euro-6-Fahrzeuge.

Reicht das Update aus Ihrer Sicht aus, um Diesel-Fahrverbote zu verhindern?

Es trägt dazu bei, dass die Emissionsbelastung in den Städten sinkt. Wir haben auf Basis des bisherigen Vorschlags der Autoindustrie ausgerechnet: Wenn bei der Hälfte der Euro-5-Fahrzeuge nachgerüstet wird, würde die Belastung um zehn Prozent sinken. Nicht nur in Städten wie Stuttgart, wo es hohe Überschreitungen gibt, sind jedoch viele begleitende Maßnahmen erforderlich.

Was heißt das konkret?

Wir brauchen ein Gesamtpaket. Dazu gehören die Verflüssigung des Verkehrs, die Elektromobilität, die Umrüstung der Flotten in den Städten - vor allem bei Taxen und Bussen - hin zu emissionsarmen Fahrzeugen. Außerdem muss der Radverkehr ausgebaut werden, indem man die entsprechende Infrastruktur verbessert. Zudem muss das Nahverkehrsangebot ausgeweitet werden, um Alternativen zur PKW-Nutzung zu schaffen.

Bundesländer, in denen sich Autoindustrie befindet, schlagen vor, die Krise auch mit öffentlichen Geldern zu entschärfen. Sie wünschen sich etwa steuerliche Anreize oder eine "Klimaprämie" für den Umstieg auf neuere Diesel-Modelle oder E-Autos. Was halten Sie davon?

Derzeit sieht es danach aus, als wolle die Politik die Autohersteller dazu bewegen, Angebote auf eigene Kosten zu machen. Und das scheint uns ein sinnvoller Weg zu sein. Was das Verwenden von Steuergeldern angeht, da sind wir eher zurückhaltend.

Sind die Diesel-Fahrzeuge nach einem Software-Update noch so leistungsfähig und werthaltig wie vorher?

Wir haben Software im Rahmen der VW-Updates getestet, und hierbei konnten wir keine Minderung feststellen. Es fehlen allerdings noch Langzeit-Tests. Deswegen fordern wir eine Garantie der Hersteller sowohl für die Bauteile als auch für die Funktionsfähigkeit des Fahrzeugs.

Seit Beginn der Fahrverbot-Diskussionen macht sich eine Verunsicherung unter den Käufern bemerkbar. Die Verkaufszahlen gehen zurück ...

Die Diesel-Modelle, die ab Herbst nach der Norm Euro-6d-temp zugelassen werden, halten die Grenzwerte ein und leisten damit das, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Zum jetzigen Zeitpunkt ist allerdings die individuelle Situation entscheidend. Wer regelmäßig mit seinem Diesel - mit Euro-5-Norm oder schlechter - in die Städte fährt, wäre von einem Fahrverbot möglicherweise betroffen. Deshalb empfehlen wir im Augenblick eher Zurückhaltung.

Mit Stefan Gerwens sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

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