Wirtschaft

Quoten sagten "Remain" voraus Finanzelite verzerrte Brexit-Wettquoten

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Auch wenn es um die Farbe des königlichen Hutes geht, ist auf die sogenannte Schwarmintelligenz wenig Verlass.

(Foto: REUTERS)

Selten liegen die berühmten britischen Buchmacher mit ihren Quoten vor einer politischen Abstimmung so daneben wie vor dem Brexit-Referendum. Sie werden zwar überrascht, bereuen allerdings nichts.

Auf der einen Seite hat das Brexit-Referendum den britischen Buchmachern einen Rekord beschert: 120 Millionen Pfund wetteten ihre Kunden auf das Abstimmungsergebnis – so viel wie noch nie auf ein politisches Ereignis. Auf der anderen Seite stehen die Wettbüros nach dem Referendum so blamiert da wie selten. Noch entschiedener als viele Akteure an den Finanzmärkten und die Umfrageinstitute hatten sie einen Sieg der EU-Befürworter vorausgesagt. Während die letzten Umfragen vor der Abstimmung ein knappes Ergebnis zu Gunsten des Verbleibs Großbritanniens prophezeiten, räumten die Buchmacher dem "Leave"-Lager am Wahlabend sogar nur noch etwa eine 10-prozentige Chance ein.

Die Quoten der britischen Buchmacher, bei denen man von Pferderennen bis zur Farbe des Huts von Queen Elizabeth bei ihrem nächsten öffentlichen Auftritt auf nahezu alles wetten kann, deuteten seit Monaten auf einen Sieg der Brexit-Gegner. Laut den Büros sanken die Chancen für einen EU-Austritt mit dem Näherrücken des Referendums von zunächst rund 40 Prozent auf etwa 25 Prozent zu Beginn vergangener Woche. Als die Wahllokale schlossen, war sich der Anbieter Betfair zu 94 Prozent sicher, dass die Briten den Brexit zurückgewiesen hatten.

In Großbritannien finden diese Quoten nicht nur bei Glückspielern Beachtung. Mit ihren Tausenden Kunden gelten die Buchmacher als recht zuverlässiges Stimmungsbarometer. Bei der vergangenen Unterhauswahl etwa, als alle großen Umfrageinstitute ein politisches Patt zwischen den beiden großen Parteien Labor und Tories vorausgesagt hatten, lagen die Buchmacher mit ihren Quoten deutlich besser. Sie hatten den Sieg der Konservativen korrekt prognostiziert.

Brexit-Gegner setzten mehr ein

Die Schwarmintelligenz deutete auch diesmal vor dem Referendum in die richtige Richtung: Die Mehrzahl der Wetten, inbesondere der, die außerhalb Londons platziert wurden, wurden auf den Brexit gesetzt. Doch worauf es ankommt, ist nicht die Zahl der Wetten, sondern die Menge des Geldes. Und in Summe setzten diejenigen, die mit einem EU-Verbleib rechneten erheblich mehr ein. "Eine 10.000-Pfund-Wette zählt soviel wie 10.000 Ein-Pfund Wettern", erklärte der für politische Wetten zuständige Chef des Wettbüros Ladbrokes, Matthew Shaddick, in einem Blogeintrag.

Wie der Konkurrent "William Hill" - nach Ende des Referendums - bekannt gab, wurden bei dem Buchmacher rund 69 Prozent der Wetten auf "Leave", aber 68 Prozent des Geldes auf "Remain" gesetzt. Entscheidend für diese Verzerrung ist offenbar, dass wohlhabende Briten und allen voran die gutverdienende Finanzelite in London vehement für einen Verbleib Großbritanniens in der EU eintritt - und offenbar viel Geld darauf wettete. Der höchste bekannte Einsatz im Zusammenhang mit dem Referendum waren 100.000 Pfund, die eine unbekannte Frau in London auf "Remain" setzte. Der größte Betrag, der auf "Leave" gesetzt wurde, waren 10.000 Pfund.

Das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den Lagern rief bereits Verschwörungstheoretiker auf den Plan, die vermuten, dass reiche Banker aus der Londoner City mit ihrem Geld die Wettquoten und damit die Stimmung vor dem Referendum zu beinflussen versuchten. Dafür gebe es jedoch keinerlei Anzeichen, so Matthew Shaddick von Ladbrokes. Dass Beobachter bei politischen Ereignissen Wettquoten für Voraussagen heranziehen, sei ohnehin nicht mehr als ein "nützlicher Nebeneffekt", verteidigt er seine Brexit-Quoten.

"Die Wahrheit ist, dass die Buchmacher keine Wetten auf politische Ereignisse anbieten, um Leuten bei Vorhersagen zu helfen. Wir machen das, um Gewinn zu erzielen, und in diesem Sinne hat sich die Abstimmung für uns voll ausgezahlt", schreibt Shaddick. Deshalb müssten die Buchmacher dem Geld folgen. Am Firmensitz von Ladebrokes kritisiere im Übrigen nach dem Referendum niemand die fehlende Vorhersagekraft der Quoten, so Shaddick weiter, "die schauen auf das Geld, dass wir verdient haben."

Quelle: n-tv.de, mbo

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