Wirtschaft

"5500 Firmen hängen am EU-Pass" Finanzplatz London stochert im Brexit-Nebel

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Dicke Wolken über dem Finanzdistrikt Canary Wharf.

(Foto: REUTERS)

Rund 100 Tage nach dem Brexit-Votum ist die Zukunft der Finanzfirmen in London weiterhin ungewiss. Jetzt gibt es erstmals Zahlen: Demnach droht Tausenden Unternehmen der Brexit-Tod, wenn sie den sogenannten EU-Pass verlieren.

Fast 100 Tage nach dem Brexit-Votum und noch immer ist nicht viel geschehen. Ein einflussreicher britischer Finanzpolitiker warnt vor "erheblichen" Risiken für die Finanzbranche - und legt erstmals konkrete Zahlen vor. Demnach droht rund 5500 Finanzfirmen in London der Verfall der Passportrechte und damit möglicherweise der Brexit-Tod.

Der konservative Abgeordnete Andrew Tyrie beruft sich auf Statistiken der britischen Finanzaufsicht FCA. Der sogenannte EU-Pass ist die Existenzgrundlage für die Firmen, er garantiert den Finanzinstituten bei ihren Geschäften ungehinderten Zugang zu den anderen europäischen Kapitalmärkten.

Zu einem anderen Ergebnis als Tyre kommt fast zeitgleich die Ratingagentur Moody's in einer Studie. Demnach können die meisten Firmen mit dem Verlust der EU-Rechte sehr wohl leben. Moody's verweist dabei auf die sogenannten Mifid-II-Regeln, die den britischen Banken ähnliche Vorteile bieten sollen wie der EU-Pass.

Das Regelwerk tritt 2018 in Kraft. Es soll Nicht-EU-Ländern zu einem gewissen Grad Zugang zum europäischen Binnenmarkt sichern. Tyrie sieht darin allerdings keine Alternative zur bisherigen EU-Regelung. Der Finanzpolitiker gilt als harscher Kritiker der Finanzbranche. Als Vorsitzender des wichtigen Finanzausschusses im britischen Parlament hat er sich zuletzt vor allem für einen Kulturwandel im Sektor eingesetzt. Der Niedergang der Finanzbranche ist nicht in seinem Interesse, vielmehr ist ihm daran gelegen, dass Großbritannien die Kontrolle über die Regulierung der Finanzbranche behält.

London droht Banken-Exodus

Vor allem ausländische Banken hatten bereits unmittelbar nach dem Votum im Juni darauf gepocht, dass sich London seine Passport-Rechte in den Verhandlungen mit der EU sichern müsse. Da ein weiterer Zugang zum Binnenmarkt der EU offen ist, prüfen einige Geldhäuser bereits, Teile ihres Geschäfts und Mitarbeiter in andere EU-Länder zu verlegen.

Im schlimmsten Fall wäre ein Fünftel der Umsätze im Investmentgeschäft durch den Brexit gefährdet, schätzt die Wirtschaftszeitung "Financial Times". Das entspräche umgerechnet 10,4 Milliarden Euro.

Die Frist zur Umstellung der Geschäftsmodelle auf den "Brexit" sei zu knapp bemessen, warnten Branchenvertreter erst kürzlich wieder. Die für die Ausstiegsverhandlungen mit der EU vorgesehenen zwei Jahre seien nicht ausreichend.

"Es handelt sich um einen mehrjährigen Prozess, wenn er sicher abgeschlossen und die Finanzstabilität nicht in Gefahr geraten soll", sagte Top-Manager Alex Wilmot-Sitwell von der Bank of America Merrill Lynch. Er veranschlage dafür bis zu drei Jahre. Douglas Flint von der Großbank HSBC stieß ins gleiche Horn: Ein Londoner Geldhaus brauche mehrere Jahre für die riesige Aufgabe, einen Ableger in der EU aus dem Boden zu stampfen.

Die Banken brauchen schnelle Entscheidungen. Aber die Regierung in London will nichts übereilen. Premierministerin Theresa May hat klar gemacht, dass sie das Austrittsgesuch nach Artikel 50 nicht vor Ende des Jahres übermitteln will.

Quelle: ntv.de, ddi

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