Wirtschaft

Protestkolonnen auf der Autobahn Frankreichs Bauern ziehen nach Paris

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Bauern fordern ein Comeback der Milchquote: Nicht nur in Deutschland und Frankreich kommt mehr Milch auf den Markt als dem Preis gut tut.

(Foto: picture alliance / dpa)

Globalisierungseffekte treffen die europäische Landwirtschaft mit voller Wucht: Weil die Nachfrage in China sinkt, und Russland Agrarerzeugnisse aus Europa boykottiert, sehen sich Landwirte in ihrer Existenz bedroht. Frankreich stehen wilde Proteste bevor.

Französische Bauern fordern mehr Unterstützung gegen die Krise in der Landwirtschaft. Mehrere Traktor-Kolonnen machten sich am Morgen auf den Weg in die Hauptstadt. Die Sternfahrt mit hunderten Landmaschinen sorgte auf den Autobahnen im Umland von Paris im einsetzenden Berufsverkehr für kilometerlange Staus.

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Tausende Arbeitsplätze in der Landwirtschaft: Auch ohne Blockade könnte die Pariser Politik die Entwicklung am Agrarmarkt nicht ignorieren.

(Foto: REUTERS)

Am Morgen zählte die Polizeipräfektur der französischen Hauptstadt insgesamt 1038 Traktoren, 49 Busse und 50 andere Fahrzeuge. Die Bauern blockierten in der Regel nur eine Fahrbahn, so dass die Verkehrsbehinderungen geringer ausfielen als im Vorfeld befürchtet. Auf der A10 kam der Verkehr in Richtung Paris zeitweise zum Erliegen.

Da der französische Bauernverband FNSEA mehrere Tausend Landwirte mit insgesamt rund 1500 Traktoren erwartete, rief die Pariser Polizei Autofahrer und Berufspendler aus den Vororten der Hauptstadt vorsorglich dazu auf, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Empfang bei Premier Valls

Die Landwirte hissten Flaggen des Bauernverbandes und Transparente mit Aufschriften wie "Frankreich - lass deine Bauern nicht im Stich". Eine Delegation der protestierenden Bauern wollte sich in die Nationalversammlung begeben. Premierminister Manuel Valls wollte Sprecher der Bauernverbände empfangen.

Französische Landwirte fürchten wegen niedriger Preise für Milch und Fleisch um ihre Existenz. Die französische Regierung legte deswegen im Juli einen 600 Millionen Euro schweren Hilfsplan auf. Die Bauern fordern aber weitergehende Maßnahmen - unter anderem weniger Regulierungen.

Sympathien in Deutschland

Gegen den Preisverfall auf dem Milchmarkt waren zuletzt auch deutsche Bauern auf die Straße gegangen. Die Entwicklung bei den Milch- und Fleischpreisen steht bei einem eigens einberufenen Krisentreffen der EU-Landwirtschaftsminister kommende Woche ganz oben auf der Agenda.

Vor den Beratungen der Minister flammt europaweit der Streit um eine Regulierung der Milchpreise neu auf. Während der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) zuletzt bei einer Demonstration in München eine befristete staatliche Deckelung der Milcherzeugung forderte, lehnte der europäische Milchindustrieverband EDA dies strikt ab. Die EU-Kommission kündigte für den Sonderrat eine "umfassende Antwort" an.

"Verschiedene Ideen und Vorschläge gehen herum", sagte der Sprecher von EU-Agrarkommissar Phil Hogan in Brüssel. Die Behörde werde am kommenden Montag darlegen, wie "mit kurz- und langfristigen Herausforderungen, denen sich unsere Bauern gegenübersehen", umzugehen sei. Das Treffen war anberaumt worden, um über Hilfen für Bauern zu beraten.

Lebensmittel-Boykott in Russland

Als Ursachen der Krise gelten die russischen Einfuhrbeschränkungen für landwirtschaftliche Güter sowie eine gesunkene Nachfrage aus China. Daneben ist Ende März in Europa die Milchquotenregelung ausgelaufen, die seit den 1980er Jahren die Produktion begrenzte. Seither können Bauern so viel Milch produzieren, wie sie wollen. Der BDM hält dies für die Hauptursache der niedrigen Erzeugerpreise.

BDM-Vorsitzender Romuald Schaber fordert deshalb zwar keine Rückkehr zur Quote, aber dennoch staatliche Eingriffe: "Wir fordern, zeitlich befristet in den Milchmarkt einzugreifen, indem für alle Bauern die Milchproduktion gedeckelt wird", sagte Schaber. Dies gelte für Krisenzeiten. Zugleich müsse ein "Anreizsystem" geschaffen werden, um Bauern, die freiwillig weniger Milch produzieren, finanziell zu belohnen.

Belohnung für weniger Milch

Am Dienstag hatten Milchviehhalter in München für diese Forderungen demonstriert. Nach Verbandsangaben kamen über 3000 Teilnehmer mit mehr als 500 Traktoren zur Kundgebung in die Innenstadt. Strikt gegen eine Quote ist dagegen der europäische Milchindustrie-Dachverband EDA (European Dairy Association). "Das ist genau das, was wir nicht brauchen", sagte EDA-Generalsekretär Alexander Anton.

Das System würde großen bürokratischen Aufwand erfordern, heißt es beim EDA. Außerdem lasse es sich höchstens in Europa durchsetzen - die hohe Milchproduktion sei aber ein weltweites Phänomen, mit Produzenten auch in Neuseeland oder Argentinien.

Dem Ruf nach einer Deckelung schloss sich dagegen die Grünen-Europaabgeordnete Maria Heubuch an. "Nur so haben die Bauern die Chance, einen kostenbringenden Preis zu erreichen", sagte sie. Anpassungen der Menge seien zum Beispiel über die Fütterung machbar, sagte die Politikerin und Milchbäuerin.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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