Wirtschaft

"Prestige-Deal des Jahrzehnts" Ganz Nordamerika will Amazon haben

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Für fünf Milliarden will Amazon eine neue Firmenzentrale in Nordamerika bauen.

(Foto: REUTERS)

Amazon plant eine zweite Firmenzentrale in Nordamerika. Dafür will das Unternehmen fünf Milliarden Dollar in den neuen Standort stecken. Das Angebot hat aber einen Haken.

Mindestens eine Million Einwohner, ein internationaler Flughafen, "stabile und unternehmerfreundliche Umgebung". So lauten einige der Voraussetzungen des Internet-Giganten Amazon für den Standort seines zweiten Hauptquartiers. Bisher hat das Unternehmen aus Seattle im US-Bundestaat Washington agiert, Anfang September gab es aber bekannt, eine zusätzliche Firmenzentrale in Nordamerika bauen zu wollen.

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"Wir hoffen, dass HQ2 unserer Zentrale in Seattle in nichts nachsteht", sagt Firmenchef Jeff Bezos. Dafür ist Amazon bereit, fünf Milliarden Dollar auszugeben. "HQ2" soll mit 50.000 neuen Mitarbeitern besetzt werden können. "Das ist der Prestige-Deal des Jahrzehnts", sagt Greg LeRoy von Good Jobs First der "New York Times". Wer würde nicht mit Jeff Bezos auf einer Bühne stehen und den abgeschlossenen Handel ankündigen wollen, ergänzt er.

Das stimmt wohl. Denn die Ankündigung von Amazon hat einen regelrechten Bieterkrieg in den USA und Kanada losgetreten, den der kanadische Sender CBC als "Olympiade der Unternehmenswelt" bezeichnet. Laut dem "Business Insider" haben sich rund 50 Städte darum beworben, zweite Heimat von Amazon zu werden. Neben den Metropolen New York, Chicago und Boston melden viele kleinere Städte wie Memphis, Saint Paul oder Milwaukee Interesse an. Auf kanadischer Seite stehen Vancouver, Ottawa und Calgary bereit, Amazon bei sich aufzunehmen. "Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, der die Kriterien erfüllt", sagt Calgarys Bürgermeister Naheed Nenshi dem "Calgary Herald" wenig überraschend. So oder so ähnlich klingen auch die Repräsentanten der Mitbieter. Bis zum 19. Oktober haben die Städte und Kommunen Zeit, Amazon ihr Angebot zu unterbreiten.

Ein Kaktus aus Tucson

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In Seattle belegt Amazon etwa 30 Gebäude.

(Foto: Amazon)

Inzwischen versuchen Bieter laut der "New York Times", Amazon mit unterschiedlichen Methoden für sich zu gewinnen. So sollten hunderte Studenten einer Handelsschule aus Philadelphia einen Werbeplan ausarbeiten, wie man Philadelphia für Amazon attraktiv machen könnte. Aus Tucson erreichte sogar ein 6,5-Meter-Kaktus die Zentrale in Seattle. Und das texanische Frisco verspricht, die Stadt um die neue Amazon-Zentrale herum zu bauen. In anderen Städten sollen hingegen Besprechungsräume eigens für das Amazon-Problem eingerichtet worden sein, während Bürgermeister auf Youtube ihre Stadt bewerben.

Auch in den Lokalzeitungen der beteiligten Städte gehört der Amazon-Deal zu den Top-Themen - und alle sprechen sich selbstverständlich für ihre jeweilige Stadt aus. Im Ostküstenstaat Virginia analysiert die Zeitung "The Virginia Pilot" ausführlich, weshalb die Küstenstadt Virginia Beach von Amazon profitieren könnte. Auch die "Detroit Free Press" zeigt sich zuversichtlich, dass die ehemalige Autostadt der neue Standort werden könnte. Ein Leser des "Arizona Daily Star" befand allerdings, dass Tucson nicht in einer Liga mit dem Unternehmen spiele, "ob mit Kaktus oder nicht".

Übrigens hat Amazon das stachelige Gewächs nach Arizona zurückgeschickt, da das Unternehmen keine Geschenke annehmen dürfe. "Auch keine richtig coolen", heißt es in einem offiziellen Tweet. Stattdessen soll der Kaktus nun im Arizona-Sonora Desert Museum untergebracht werden.

Einige Vorteile und viele Forderungen

Welche Vorteile es hätte, ein Unternehmen wie Amazon in die eigene Stadt zu holen, lässt sich an Seattle sehen: Dort hat sich der Internet-Riese mit 40.000 Mitarbeitern zum größten Arbeitnehmer aufgeschwungen und besetzt 19 Prozent der städtischen Büroräume. Daneben fördert Amazon auch sein Umfeld. Eigenen Angaben zufolge wurden zwischen 2010 und 2016 rund 38 Milliarden Dollar in die städtische Wirtschaft investiert, was Tausende an neuen Arbeitsplätzen außerhalb Amazons zur Folge gehabt haben soll. Mitarbeitern im "HQ2" stellt Amazon ein durchschnittliches Jahresgehalt von 100.000 Dollar in Aussicht.

Allerdings zeichnet sich in der Bevölkerung von Seattle eine gewisse Amazon-Müdigkeit ab. Einwohner und Behörden geben dem Unternehmen die Schuld  an den hohen Mieten. Noch dazu sorge die Präsenz des Internet-Riesen für ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, das immer wieder zu Staus führt. Manche beklagen auch, dass Amazon Seattle enorm gentrifiziert habe. Das soll der größten Metropole im Staat Washington seine Identität genommen haben.

Gleichzeitig stellt Amazon eine Menge Anforderungen an den möglichen neuen Standort. Er müsse direkten Zugang zum öffentlichen Verkehrsnetz haben und bis zu 740.000 Quadratmeter Büroraum bieten. Außerdem setze man eine facettenreiche Bevölkerung, Erholungs- und Bildungsangebote und eine "insgesamt hohe Lebensqualität" voraus. Zusätzlich fordert das Unternehmen Incentives, also zusätzliche Anreize wie Steuervorteile oder günstiger Baugrund. Es gibt also einiges, das die Interessenten bieten müssen, um Amazon für sich zu gewinnen. Ökonomen befürchten, dass die Kosten für die siegreiche Stadt am Ende die Vorteile überwiegen könnten.

Quelle: ntv.de