Wirtschaft

Flucht aus 80-Milliarden-Falle"In zwei Jahren ist Strom günstiger als im alten fossilen System"

25.07.2026, 08:28 Uhr DSC8670-Edit-3-7Interview: Christian Herrmann und Clara Pfeffer
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"Ein Wind- oder Solarpark muss ans Netz angeschlossen werden, ein großer Batteriespeicher auch. Das dauert derzeit je nach Region fünf bis sieben Jahre", sagt Jan Loezk. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Deutschland gibt jedes Jahr 80 Milliarden Euro für Erdöl und Erdgas aus. Für Jan Lozek nichts anderes als eine unsichtbare Steuer, denn das Geld fließt in die USA, den Nahen Osten, aber auch Norwegen. "Diese Summe ist weg. Für immer. Die kann man nicht reinvestieren", sagt der Chef des Risikokapitalgebers Future Energy Ventures. "Das ist ein Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland und Europa." Die Lösung ist Lozek zufolge die Energiewende. Der Staat sollte kein Geld für fossile Brennstoffe ausgeben, sondern Unternehmen und jeden Haushalt bei der Anschaffung von Batteriespeicher, Wärmepumpe und E-Auto unterstützen. "Erneuerbarer Strom und erneuerbare Wärme sind wesentlich preiswerter als fossile Energie oder fossile Wärme", sagt der Investor. "Aber viele Menschen haben das Geld dafür nicht." Diese Anschubfinanzierung muss ihm zufolge keine Subvention und auch kein zinsloser Kredit sein. Gelingt das, sei der Pfad klar abgesteckt: Bereits in zwei Jahren wird Strom günstiger als im alten System sein - und Deutschland wettbewerbsfähiger.

ntv.de: Sie sagen, fossile Importe enthalten eine versteckte Steuer. Warum?

Jan Lozek: In 92 Ländern mit 40 Prozent der Weltbevölkerung werden jedes Jahr ungefähr drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für fossile Energien ausgegeben. Das sind 1,9 Billionen Euro. Diese Summe verlässt diese Volkswirtschaften. Für immer. Die können sie nicht reinvestieren. Das ist eine Steuer, die wir an Staaten zahlen, die uns fossile Energien verkaufen.

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Jan Lozek ist Gründer und seit 2016 Geschäftsführer des Risikokapitalgebers Future Energy Ventures. Zuvor hatte er leitende Positionen bei RWE, der RWE-Tochter Innogy und Eon inne. (Foto: Future Energy Ventures, Moritz Leisen)

Wir importieren und exportieren aber auch andere Dinge.

In Deutschland ist Energie aber ein wesentlicher Kostenfaktor der Industrieproduktion. Wenn wir anderen Ländern Geld dafür geben, sind wir immer teurer als die Wettbewerber. In 14 der 27 EU-Länder ist gut die Hälfte des Stroms inzwischen erneuerbar. Aber wir benötigen immer noch 57 Prozent an fossilen Energien, um Auto zu fahren und zu produzieren. Dafür geben wir jedes Jahr 80 Milliarden Euro aus. Das entspricht dem deutschen Verteidigungsetat. Das ist ein Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland und Europa.

Eurostat zufolge haben die EU-Staaten im vergangenen Jahr 336,7 Milliarden Euro für Erdgas, Flüssigerdgas (LNG) und Öl ausgegeben. Das ist nur noch die Hälfte dessen, was 2022 auf dem Höhepunkt der Energiekrise gezahlt wurde: 693,4 Milliarden Euro. Wir bewegen uns also in die richtige Richtung.

Aber schnell genug? Schaffen wir, was wir schaffen müssen? Es könnte sein, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit an die Amerikaner und die Asiaten abgeben, bevor der Umstieg geschafft ist. Die USA, der Nahe Osten, aber auch Norwegen leben davon, dass sie uns Öl und Gas verkaufen. Wir sind komplett abhängig. Die Industrie, der Maschinenbau, die Chemie, die Metallindustrie - alle wandern ab. Wir müssen uns rechtzeitig von fossilen Energien lösen, die Wärmewende fördern, in Erneuerbare investieren und Industrien elektrifizieren, um Europa als Standort zu erhalten.

Für die Wettbewerbsprobleme machen Chemie-Unternehmen wie Evonik aber nicht fossile Importe verantwortlich. Der schwarze Peter wird den Erneuerbaren, der CO2-Abgabe und dem europäischen Emissionshandel zugeschoben.

Das ist ein faires Argument. Die Anschubkosten der Energiewende sind enorm hoch. Inzwischen sind erneuerbare Energien und erneuerbare Wärme aber wesentlich preiswerter als fossile Energie oder fossile Wärme. Jetzt müssen wir konsequent investieren, wenn wir uns im Wettbewerb mit anderen Ländern und Unternehmen langfristig kostengünstiger aufstellen wollen.

Es wird immer gesagt, dass die Erneuerbaren günstiger sind, aber wann kommt das tatsächlich bei den Unternehmen und den Menschen an? Wer profitieren will, muss erst einmal das E-Auto und die Wärmepumpe oder auch die gewerbliche Solaranlage und den Batteriespeicher bezahlen können.

Das ist das große Problem: Viele Haushalte haben das Geld für Wärmepumpe und E-Auto nicht. Viele Industrien sind so stark im Wettbewerb eingebunden, dass sie ebenfalls nicht in der Lage sind, das zu finanzieren. Deshalb müssen wir die Anschubfinanzierung klären. Dann ermöglichen wir uns selbst Kosteneinsparungen. Der entscheidende Hebel ist die stärkere Förderung unternehmerischer, aber auch privater Investitionen, die wirtschaftlich sind und sich langfristig auszahlen.

Meinen Sie damit Förderung und Subventionen? Die werden derzeit an allen Ecken und Enden gekürzt, weil die schwarz-rote Bundesregierung unbedingt Geld braucht.

Das ist kein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen. Pläne und Ideen sind divers und vielschichtig. Eine Regierung versucht den großen Wurf. Die nächste kassiert ihn wieder ein. Ich spreche aber nicht von Subventionen, sondern einer Anschubfinanzierung, die man zurückzahlen kann.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

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Ein zinsloses Darlehen für eine Wärmepumpe?

Das muss nicht zinslos sein. Wichtig ist, dass man die Rückzahlung mit den Einsparungen verbindet.

Aber wenn sich die Erneuerbaren lohnen, müsste der Umstieg doch von selbst passieren, weil die unternehmerische Sicht wäre: Das leisten wir uns, weil es Geld spart.

Für diese Investitionen fehlen allerdings die Rahmenbedingungen, etwa bei den Genehmigungen. Ein Wind- oder Solarpark muss ans Netz angeschlossen werden, ein großer Batteriespeicher auch. Das dauert derzeit je nach Region fünf bis sieben Jahre. Wenn man die Energie von Haushalten vermarkten möchte, benötigt man ein Marktsystem, mit dem man das auch tun kann. Ich möchte in Miethäusern erneuerbare Wärme verbauen und kostengünstig teilen? Auch das muss organisiert werden. Bei der Umsetzung der Energie- und Wärmewende müssen verschiedenste Probleme gelöst werden. Und wenn wir noch einmal auf die unsichtbare Steuer schauen: Was passiert, wenn wir das Geld nicht für fossile Importe ausgeben? Haushalte oder Unternehmen erhalten keine Auszahlung. Deshalb benötigen wir politische Unterstützung. Es muss im Interesse des Staates oder der EU sein, für die Investitionen einen attraktiven Rahmen zu setzen.

Man muss spüren, dass die Energiewende hilft? Wie bei den Kommunen, bei denen unglaublich viel Geld durch die Windkraft in die Haushaltskasse fließt?

Ja. Wir haben eine Wärmepumpe, ein Elektroauto und managen unsere Wärme und unsere Energie. Meine Frau ist superglücklich, dass sie nicht mehr zur Tankstelle fahren muss und noch viel mehr darüber, dass wir nur noch ein Viertel der Summe ausgeben, die wir früher gezahlt haben, um zur Arbeit zu kommen. Unsere Haushaltskasse wird extrem entlastet.

Weil Sie die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten hatten ...

Wir haben die Wirtschaftlichkeit des neuen Systems erkannt und konnten es uns leisten. Ich weiß, dazu ist nicht jeder in der Lage. Deshalb muss es die entscheidende Frage sein: Wie schaffen wir es, dass jeder Haushalt profitiert? Stattdessen drehen wir das Heizungsgesetz zurück. Ich verstehe nicht, warum die deutsche Regierung so schwankt. Es sieht so aus, als wollte sie fossiles Importmanagement betreiben. Jetzt kaufen wir Gas von Norwegen, Katar und Kanada anstatt von Russland, obwohl wir das Problem auf ganz andere Weise lösen könnten.

Nämlich?

Am meisten brennt es beim Stromnetz. Wir müssen lernen, es mit intelligenten Technologien besser zu steuern, es aber auch mit Geld und Batterien weiter ertüchtigen, damit es besser mit den erneuerbaren Energien umgehen kann. Je mehr Speicher wir haben, desto mehr Energie steht für die Produktion, aber auch den privaten Verbrauch zur Verfügung. Die Preisspitzen gehen ebenfalls zurück. In zwei Jahren wird der Strompreis niedriger sein als im alten fossilen System. Der zweite große Hebel ist die Wärmewende, denn es ist vergleichsweise einfach, Wärme zu elektrifizieren. Bei hohen Temperaturen kann die Wärmepumpe im Sommer übrigens als Klimaanlage fungieren.

In Deutschland passiert doch sehr viel beim Netzausbau.

Uns fehlt aber der Wille oder die Ambition, ihn wirklich voranzutreiben. Wir verlieren uns in europäischer Diversität. Das fällt uns immer wieder auf die Füße, wenn wir große neue Lösungen angehen wollen.

Die Ampel und speziell Robert Habeck als Wirtschaftsminister waren sehr ambitioniert bei solchen Themen. Die wurden als Dankeschön nach nur drei Jahren Regierungszeit wieder aus dem Amt befördert.

Ich weiß nicht, ob das den Menschen wirklich zu ambitioniert war. Es gab selbst innerhalb der Koalition verschiedenste Meinungen zu diesen Themen. Die hat sich gegenseitig blockiert. Niemand hat überlegt, wie man diese Pläne öffentlich kommunizieren könnte und ob dies ein Thema sein könnte, bei dem alle an einem Strang ziehen sollten. Der Politik fehlt manchmal die Empathie für Realitäten. Genau deshalb verlieren wir Wettbewerbsfähigkeit. Chinesische E-Autos sind halb so teuer und doppelt so gut wie die europäischen Produkte, weil wir das Thema nicht mit Vollgas angehen. Die Energiekosten sind zu hoch, weil wir die Energiewende halbherzig umsetzen. Wir verlieren Industrie, weil wir keine Industriepolitik haben, die die Weichen für die Zukunft stellt. Das hat nichts mit Klimawandel und CO2-Emissionen zu tun. Ich spreche von Rendite und nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit.

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Sie glauben wirklich, Europa kann mit einer rein erneuerbaren Strategie bestehen?

Ich bin Risikokapitalgeber, investiere also mit großem finanziellem Risiko in sehr junge Unternehmen, die schnell stark wachsen können. Wir sind in der Regel Optimisten, sonst würden wir das nicht machen. Ich sage, das geht. Deutschland selbst hat das Experiment vor 40 Jahren mit den ersten Windrädern begonnen. Damals haben auch viele gefragt, ob das wirklich funktioniert. Heute ist Windenergie ein Produkt, mit dem wir Geld verdienen. Insofern bin ich optimistisch, dass wir alle Probleme, die wir lösen müssen, auch lösen können. Wir haben gute Hardware und gute Leute. Wir müssen einfach anfangen.

Die Hardware kommt hauptsächlich aus China. Machen wir uns nicht erneut abhängig?

Die Solaranlage oder den Batteriespeicher muss man einmal kaufen, dann hat man 30 Jahre Ruhe. Wenn ich fossile Energien importiere, bin ich jedes Jahr aufs Neue abhängig. Was ist das kleinere Übel? Diese Diskussion ist eine Nebelkerze. Jeder versucht ein Argument zu finden, warum etwas doch nicht geht und wir lieber bei der Gasheizung bleiben sollten. Brauchen wir eine Brücke? Ja. Es muss einen Übergang geben. Aber die Brücke sollte nicht so aussehen, wie sie die Bundesregierung gestaltet. Die will sich einfach nur alle Türen offenhalten, weil sie niemanden verprellen möchte.

Können Sie das nicht nachvollziehen? Es ist politisch einfacher, sich nicht mit der fossilen Lobby anzulegen, die außerdem zu Recht sagt: Hey, wir haben auch ein Wirtschaftsmodell!

Doch. Ich bin Europa-Fan. Unsere Diversität ist das Schönste und Beste, was wir haben. Menschen aus der ganzen Welt kommen gerne hierher, um Urlaub zu machen. Das sollten wir erhalten. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie wir gemeinsam langfristige strategische Entscheidungen treffen möchten.

Haben Sie eine Idee? Wie bringt man 27 nationale Interessen unter einen Hut und zusätzlich alle innerhalb der Nationalstaaten?

Es ist eine kühne These, aber wenn ich sehe, wie extrem viele Menschen derzeit wählen, drückt das in meinen Augen den Wunsch aus, dass politisch stärker durchgegriffen wird. Man hofft, dass irgendeine politische Kraft die großen Fragen löst, damit es vorangeht - auch wenn das natürlich nicht alle Parteien möchten, wie man in den einzelnen Programmen sieht. Aber die Menschen möchten wissen, wie es für sie und ihre Kinder weitergeht. Das sollte sich die Politik zu Herzen nehmen, denn wenn sie keine Lösung findet, ist ihr Modell ebenfalls vorbei.

Würden Sie als Risikokapitalgeber derzeit auf Deutschland setzen?

Energieinfrastruktur ist als Vermögensklasse genauso groß wie Rüstung und Verteidigung. Im vergangenen Jahr wurden weltweit 2,5 Billionen Euro in Technologien investiert, die bei der Energiewende helfen oder sie befördern. Wir investieren seit 2016 in solche Technologien. In Deutschland und Europa. Darunter sind Wärmepumpen, Photovoltaik, Ansätze für die Elektrifizierung des Transports, aber auch Unternehmen, die Netzbetreibern dabei helfen, die Erneuerbaren intelligent zu integrieren, mehr Kapazität für Stromtransporte zu finden oder das Netz besser zu managen. Wir versprechen uns gute Renditen - fürs Klima und für unsere Investoren.

Mit Jan Lozek sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören. 

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD - und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?



Das Klima-Labor von ntv: Jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert, Spaß macht und aufräumt - ohne Streit, in ausführlichen Gesprächen mit führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.



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Quelle: ntv.de

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