Wirtschaft

Mehr Sake, mehr Miso Japan hofft auf deutsche Kunden

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Japanische Nahrungsmittelhersteller wollen ihren Absatz in Europa ausweiten.

(Foto: imago images/Westend61)

Unternehmen in Japan setzen große Hoffnungen in das Freihandelsabkommen Jefta mit der EU. Kaufkräftige deutsche Konsumenten sollen den Absatz von Alkohol und Lebensmitteln ankurbeln. Umgekehrt können sich deutsche Firmen einfacher an Ausschreibungen beteiligen.

Die Vielfalt japanischer Küche wird in Tokio mit großer Hingabe zelebriert. Nach der Arbeit strömen die Angestellten zu den Nudelshops, Sushibars, Spießchen-Grills oder den populären All-in-One Izakayas. Die Restaurantdichte im Zentrum der Hauptstadt ist so hoch, dass manchmal bis zu acht oder neun Stockwerke eines Gebäudes ausschließlich der Gastronomie vorbehalten sind.

In einer Bar im südöstlichen Bezirk Ota sitzen zwei Herren mittleren Alters im Anzug und haben die Krawatten gelöst. Sie paffen E-Zigaretten, trinken zügig und verspeisen eine Kleinigkeit nach der anderen. Mit ein paar Bier intus fragen sie einen Ausländer am Nachbartisch, ob man in Europa auch Sake trinken würde. "Sicher", lautet die Antwort, "wo es Sushi gibt, da wird auch Sake getrunken." Die Köpfe der beiden Männer strahlen in warmem Rot. Sie nicken zufrieden. Die Geselligkeit und das Essen entschädigen für einen langen Tag im Büro.

Japan sucht Absatzmärkte

Jefta

Japan ist nach den USA und China die drittgrößte Volkswirtschaft. Die gemeinsame Freihandelszone mit Europa umfasst regionale Märkte mit insgesamt 635 Millionen Einwohnern. Gemeinsam sind die EU und Japan für knapp ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung verantwortlich. Konkret sieht das Freihandelsabkommen zum Beispiel vor, dass europäische Nahrungsmittelproduzenten künftig verarbeitetes Schweinefleisch, aber auch bestimmte Käsesorten und Wein zollfrei nach Japan einführen können. Die japanische Seite ist hingegen vor allem an den Zollsenkungen für Industriegüter - insbesondere Autos - interessiert.

Japanische Esskultur ist in Deutschland zwar nichts Exotisches mehr. Ein richtiger Schub steht ihr in Zukunft aber erst noch bevor. Seit das Freihandelsabkommen zwischen Japan und der Europäischen Union im Februar in Kraft getreten ist, nehmen japanische Unternehmen verstärkt europäische Konsumenten ins Visier. Für die Lebensmittel- und Alkoholindustrie des Landes ist vor allem auch Deutschland ein hochinteressanter Markt.

"Die Konsumenten dort haben deutlich mehr Geld zur Verfügung als in anderen Regionen. Das macht Deutschland als Absatzmarkt sehr attraktiv. Durch das Freihandelsabkommen werden die japanischen Anbieter dort jetzt noch konkurrenzfähiger", sagt Sayuri Ito, die in einem kleinen Konferenzraum der privaten Denkfabrik der Nippon Life Insurance (NLI) grünen Tee in Pappbechern serviert. Ito forscht seit Jahren zu den Entwicklungen der Wirtschaftsbeziehungen ihres Heimatlandes mit der EU. Das Japanese-European-Free-Trade-Agreement (Jefta) sei ein wichtiger Durchbruch für den Ausbau des Handelsvolumens. Seit Anfang dieses Jahres ist die Vereinbarung in Kraft.

Genaue Zahlen liegen den Forschern noch nicht vor, aber Ito zieht bereits eine positive Zwischenbilanz. "Wir haben erst kürzlich klare Signale beispielsweise vom Arbeitgeberverband bekommen, dass dessen Mitglieder das Abkommen sehr gut aufnehmen", sagt sie. Das verwundert kaum, sucht das Land doch seit Jahren nach neuen Wegen, um die Wirtschaft auf Kurs zu halten. Wie groß der Bedarf ist, zeigten die jüngsten Konjunkturdaten. Das dritte Quartal war einmal mehr eine Enttäuschung. Die Wirtschaft wuchs lediglich um 0,2 Prozent, weniger noch, als die Prognosen es vorhersagten. Der Konsum gab wieder einmal nach, und ein schwacher US-Dollar machte japanische Exportprodukte im Ausland teurer.

Speisen und Luxusartikel beliebt

Der Freihandel soll Japan neue Luft verschaffen. Kernpunkte der Vereinbarung mit den Europäern sind der gegenseitige Verzicht auf Importzölle. Allein für deutsche Unternehmen werden sich die Einsparungen durch den Wegfall der Zölle auf jährlich eine Milliarde Euro belaufen. Hinzu kommen der schrankenlose Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und die Standardisierung von Qualitätsmanagement, Umweltauflagen, Datenschutz oder Produktkennzeichnungen. Die EU tat sich anfangs jedoch schwer, die Zölle preiszugeben. Dennoch kam es zu einer Einigung, weil Japan in sensiblen Bereichen den Europäern entgegenkam, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen für Infrastrukturprojekte. Deutsche Konzerne wie Siemens dürfen sich berechtigte Hoffnung machen, in Japan künftig besser zum Zuge zu kommen.

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Die Schweinefleisch-Produzenten dürfte sich auf eine höhere Nachfrage aus Japan einstellen.

(Foto: imago/Westend61)

Auch beim Fleisch. Eine der beliebtesten japanischen Mittagsmahlzeiten ist die Eiernudelsuppe Ramen. Ihre etlichen Varianten gibt es vielfach auch mit butterzarten Scheibchen Schweinefleisch, die bestenfalls auf der Zunge schmelzen. Dieses Fleisch kann jetzt auch zunehmend aus Schlachtbetrieben deutscher Unternehmen stammen. Zuvor waren diese Importe mit hohen Zöllen belegt und dämpften das Japan-Geschäft der deutschen Schlachter. In Frankreich indes hofft man auf steigende Absätze von Käse und Wein bei den Japanern.

Ökonomin Ito ist sicher, dass Japans Konsumenten die europäischen Hoffnungen nicht enttäuschen werden. "Delikate Speisen aus Europa, aber auch hochwertige Taschen oder Schuhe sind hier sowieso schon sehr beliebt. Wenn die Waren noch günstiger werden, dürfen sich die Hersteller sicher auf höher Absatzzahlen einstellen."

Made in Europe? - Es könnte auch Rumänien drinstecken

Welche Hoffnungen die japanische Regierung um Ministerpräsident Shinzo Abe in Jefta setzt, zeigt das Engagement der staatlichen Außenhandelsorganisation Jeto, das dem Ministerium für Industrie und Technologie angeschlossen ist. Jeto unterstützt vor allem kleine und mittelständische Unternehmen dabei, ihnen den rechtlichen Rahmen zu schaffen, die eine optimale Nutzung des Freihandelsabkommens ermöglichen. Die mittelständischen Unternehmen bilden das Rückgrat der japanischen Wirtschaft. Ihnen fehlt es aber oft an Know-how, Personal und Geld, um die komplizierten Anforderungen des Freihandels zu erfüllen.

Deshalb waren es eher die großen Firmen des Landes, die ihre Regierung auf eine schnelle Einigung mit den Europäern gedrängt hatten. Beispiel: die Automobilindustrie. Nachdem sich die EU bereits 2011 auf ein Freihandelsabkommen mit Südkorea geeinigt hatte, gerieten japanische Hersteller in Europa zunehmend unter Preisdruck. Toyota produziert heute zwar 80 Prozent seiner in Europa verkauften Einheiten ohnehin auf dem Kontinent, doch jedes fünfte Auto wird importiert. Das läppert sich angesichts der Masse an Fahrzeugen, die Toyota in Europa absetzt. Mazda dagegen unterhält keinerlei Fertigungen in Europa. Jedes verkaufte Auto war mit Zöllen belegt. Nissan hat zwei Fertigungen in Europa, eine davon in England. Durch den Brexit würden dann wieder zehn Prozent Importzölle anfallen. Der Hersteller hat angekündigt, für diesen Fall seine Produktion in Europa einzustellen.

Die deutsche Autoindustrie wird umgekehrt von Jefta eher weniger profitieren. Die heimischen Hersteller diktieren den Markt der Mittelklasse- und Hybridfahrzeuge in Japan. Es würde wenig Sinn ergeben, die Platzhirsche dort anzugreifen. Deutsche Luxusautos indes verkauften sich auch mit Zöllen in Japan traditionell sehr ordentlich.

So sehr die EU sich als einheitlicher Wirtschaftsraum präsentieren möchte, so sehr bleibt die unterschiedliche Wahrnehmung in Japan über die einzelnen Mitgliedstaaten bislang noch erhalten. Ökonomin Ito, die regelmäßig in Frankfurt ist, um sich über die Vorgänge der Europäischen Zentralbank auf dem Laufende zu halten, betont die Bedeutung deutscher Fertigung für japanische Kunden. "Das Label 'Made in Germany' ist deutlicher angesiedelt als ein Label 'Made in Europe'. Da könnte dann ja auch Griechenland und Rumänien drinstecken."

Quelle: ntv.de