Wirtschaft
Siemens-Chef Joe Kaeser streicht tausende Stellen. Das sei "asozial", sagt SPD-Chef Martin Schulz.
Siemens-Chef Joe Kaeser streicht tausende Stellen. Das sei "asozial", sagt SPD-Chef Martin Schulz.(Foto: picture alliance / Tobias Hase/d)
Freitag, 24. November 2017

Siemens-Chef streicht 7000 Jobs: Joe Kaeser ist nicht "asozial"

Ein Kommentar von Hannes Vogel

SPD-Chef Martin Schulz wirft Siemens-Chef Joe Kaeser soziale Kälte vor, weil er trotz Rekordgewinn tausende Jobs streicht. Auch wenn an dem Vorwurf etwas dran ist: Schulz' Attacke ist polemisch. Siemens handelt nicht nur aus Profitgier.

"Es gibt keinen Grund, bei einem Unternehmen, das 6,3 Milliarden Euro Gewinn macht, Arbeitsplätze abzubauen": Mit seinem Frontalangriff auf Siemens bedient Martin Schulz alle Klischees. "Verantwortungslose Manager" betrieben bei Siemens "Manchester-Kapitalismus" ohne "soziale Kompetenz". "Kurz vor Weihnachten" müssten tausende Mitarbeiter "für krasse Managementfehler bluten". "Damit wir noch ein bisschen mehr Gewinn machen, schmeißen wir die Leute raus. Das ist asozial." Doch ganz so einfach ist die Sache nicht.

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Ein Weltkonzern opfert wieder einmal tausende Existenzen dem Börsenkurs, so sieht es der SPD-Chef. Auf den ersten Blick stimmt das auch: Obwohl das Geschäft mit Generatoren und Turbinen Gewinn macht, schwingt Siemens-Chef Joe Kaeser die Jobsense. In Leipzig und Görlitz sollen Werke mit 920 Menschen dichtmachen. Auch in Berlin, Offenbach und Erfurt verlieren hunderte ihre Arbeitsplätze. Insgesamt fallen in Deutschland rund 3400 Stellen weg.

Siemens schafft Jobs - nur nicht in Görlitz

Doch Schulz übersieht, dass Siemens nicht aus reiner Profitgier handelt. Durch die Energiewende herrscht im Geschäft mit klassischer Kraftwerkstechnik Flaute: In diesem Jahr sei keine einzige große Gasturbine in Deutschland bestellt worden, "ein 'Weiter so' geht nicht", sagt Personalchefin Janina Kugel. Nicht nur Siemens, auch der große US-Konkurrent General Electric spürt das längst. Die unternehmerische Logik diktiert leider, dass weniger Menschen im Turbinenbau arbeiten können wenn weltweit weniger Turbinen verkauft werden. Der Jobkahlschlag bei Siemens ist mindestens ebenso eine Folge des industriellen Strukturwandels.

Mag sein, dass die Flaute für Kaeser ein willkommener Vorwand ist, um Leute zu feuern und den Gewinn hochzuschrauben. "Unternehmen, die stark sind, müssen in diesem Land die Pflicht haben, Arbeitsplätze nicht abzubauen, sondern zu erhalten und neue zu schaffen", fordert Schulz zurecht. Doch genau das macht Siemens - bloß nicht in der Kraftwerksparte: 5200 Menschen hat der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr in Deutschland eingestellt, insgesamt ist die Zahl der Mitarbeiter um 2000 leicht gewachsen. Auch kommendes Jahr will Siemens Jobs in der gleichen Größenordnung schaffen.

Richtig ist aber auch: Siemens und andere Großunternehmen könnten viel mehr tun, um die sozialen Folgen ihrer Entscheidungen abzufedern. Seit über 100 Jahren bauen die Menschen in Görlitz schon Dampfturbinen, mehr als 25 Jahre davon für Siemens. Nun setzt der Konzern sie vor die Tür - selbstverständlich "sozialverträglich". Nach einem Jahrhundert Industriegeschichte gibt's zum Abschied ein paar Abfindungen. Zurück bleibt eine Region mit wenig Perspektive: Schon mit dem Siemens-Werk liegt die Arbeitslosenquote in Görlitz heute bei 8,4 Prozent. Und der Stimmenanteil der AfD bei 32,9 Prozent.

Zurückpoltern ist schlechter Stil

Zudem bleibt der fahle Beigeschmack, dass Kaeser den Rotstift gezielt dort ansetzt, wo er politisch am wenigsten zu verlieren hat: im Osten der Republik. Stellenstreichungen in dieser Größenordnung sind jedenfalls bei Siemens in Bayern kaum vorstellbar. "Es kann nicht sein, dass die Neuausrichtung des Konzerns vor allem auf dem Rücken Ostdeutschlands ausgetragen wird", sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

Und noch einen großen Fehler macht Kaeser in der Debatte: Er poltert zurück. "Vielleicht sollten Sie sich überlegen, wer wirklich verantwortungslos handelt: Diejenigen, die absehbare Strukturprobleme proaktiv angehen, oder diejenigen, die sich der Verantwortung und dem Dialog entziehen", greift er Schulz in einem offenen Brief direkt an. Das ist schlechter Stil. Der Siemens-Chef macht es nicht besser als der SPD-Chef. Wer tausende Menschen entlässt, sollte nicht noch auf die Pauke hauen.

Quelle: n-tv.de