Wirtschaft

Trotz Coronavirus Lasst uns den Globalisierungs-Turbo zünden

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In dieser Fabrik im brasilianischen Sao Paulo werden Schutzmasken produziert.

(Foto: REUTERS)

Aus Angst vor dem Coronavirus wird die Forderung nach weniger Vernetzung lauter. Doch wir brauchen stattdessen mehr Globalisierung. Denn so werden wir unabhängiger.

Leer gekaufte Regale in Supermärkten und Drogeriemärkten, die Welt ist in heller Aufregung und auch Deutschland macht kräftig bei der Hysterie mit. Covid-19 sollte uns eine Lehre sein, die zu mehr und nicht zu weniger Globalisierung führen muss. Denn mit nationaler Abschottung bekämpft man keine Seuchen mehr im Jahr 2020.

Durch die Technologie verschwinden Grenzen und Abstände. Mit Auswirkungen auf Information, Kapital, Bildung, Energie und Ökologie. Vermittler, Kommunikatoren und Lobbyisten werden unwichtig. Die Technologie ermöglicht eine direkte Eins-zu-Eins-Beziehung ähnlich der alten Handelsstrukturen auf den Märkten vor 5000 Jahren. Wie ein Quantensystem mit unzähligen kleinen Relationen entsteht ein Lebewesen, das holistisch und gesamtheitlich gepflegt werden muss, unser Welt-Dorf.

Was bedeutet das? Wir müssen die Globalisierung beschleunigen. Regionen, die heute abgeschirmt sind, müssen an den technologischen und wissenschaftlichen Standard angeschlossen werden. Märkte, die geschlossen sind, müssen über Dialog und multilateralen Austausch in Richtung mehr Offenheit getrieben werden. Das ist unser einziger Weg.

Die Welt ist ein Dorf

Anders Indset

Anders Indset zählt zu den weltweit führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale Konzernchefs und führende Politiker.

(Foto: Foto KURIER Jeff Mangione)

In den 80er-Jahren fingen wir Europäer damit an, die Welt in großen Dimensionen zu erkunden. Wir können also nicht China die Schuld geben, denn wir wollten diese Weltgesellschaft. Wir wollten reisen, wir wollten Niedriglohn-Produktion, Nearshore und Offshore, wir wollten Wohlstand und Reichtum. Doch wenn es auf den Pfarrer regnet, tropft es auch auf den Glöckner. Wir haben die Mittelklasse in Afrika und Asien gefördert und aufgebaut - und dies ist auch gut so und fair, denn nur weil wir zur Glücksspermien-Gesellschaft gehören, haben wir kein Anrecht, unter uns zu bleiben.

Wir haben vielen aus der Armut geholfen. Jetzt kommen die Reaktionen. Viele Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihre Herstellung zurückzuholen und es ist wichtig, eine Balance zu finden. Durch die aktuellen Ereignisse wird das "Backshoring" und "Inshoring" beschleunigt, um Abhängigkeiten für Lieferungen - im aktuellen Fall für Stoffe für Medikamente aus dem asiatischen Raum - zu reduzieren. Das "Welt-Dorf" muss auch lokal funktionieren. Für uns bedeutet das in der Europäischen Union, selbstversorgungsfähig zu sein. Doch Brexit und Covid-19 sind kein Grund, die globale Entwicklung zu bremsen. Das Werk ist nicht vollendet, eher müssen wir die Geschwindigkeit erhöhen.

Die neue Wirtschaft

Europa und Deutschland müssen dabei Antreiber sein. Das ist nicht nur für die deutsche Industrie und Wirtschaft wesentlich, es ist auch bei der Risiko-minimierung für zukünftige größere Reaktionen auf globaler Ebene unsere einzige Chance. Denn der digitale Tsunami steht uns noch bevor. Höre ich morgen die Musik von einer jungen Künstlerin aus der chinesischen Stadt Wuhan, dem Geburtsort des neuen Corona-Virus, kriegt die Künstlerin wie vor 5000 Jahren in der neuen digitalen Welt sofort eine kleine Vergütung, und der Profit landet nicht mehr in den Taschen von "Zwischenmännern". Das schwedische Unternehmen Spotify beispielsweise hat sich zum Ziel gesetzt, eine Million jungen Künstlern zu ihrem Lebensunterhalt zu verhelfen. Statt Vermittler und Plattenfirmen finden wir Blockchains und das, was wir Künstliche Intelligenz (KI) nennen.

Das ist Wirtschaft im 21. Jahrhundert. Neue Plattformen werden einen kleinen (3 bis 5 Prozent) Teil vom Profit nehmen, doch es entsteht eine direkte Verbindung. So können Hersteller und Künstler durch Einsicht in eigene Daten erkennen, wer sie wo hört. Sie können dann dort Events veranstalten und von ihren Künsten leben. Ob Wuhan, Wolfsburg oder Worpswede: In der Welt-Wirtschaft gibt es in Zukunft keine Grenzen. Alles hängt mit allem zusammen. Die Gestaltung neuer Mikro-Ökonomien, die auf großer Bühne skaliert werden, ist bereits in vollem Gang. Plattform-Ökonomie, Share-Economy, Kreislaufwirtschaft, Aufmerksamkeitsökonomie: Es muss und wird weitergehen, denn nur so können wir Risiken minimieren.

"Haben wir es mit der Globalisierung übertrieben?", fragen viele derzeit. "Sollen wir versuchen, einen Schritt zurückzutreten, zu 'alten Strukturen'?" Die Antwort ist eindeutig: "Nein!" Denn Corona ist ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn wir die Agenden nationalistischer Rollback-Versuche, Protektionismus und "Zurück zur alten Stärke" nicht beenden.

Seit der Errichtung der Seidenstraße und den Anfängen des Handels zwischen Menschen ist die Entwicklung eindeutig: Was als Eins-zu-Eins-Beziehung zum Austausch von materiellen und immateriellen Gütern zwischen Herstellern, Künstlern und Konsumenten begann - heute würden wir es "Freelancer" oder "Micropreneurship" nennen - hat uns durch Krisen und Kriege geführt: unter Dörfern, Städten und über Nationalstaaten mit Industrialisierung und einem verwobenen komplexen wirtschaftlichen System, in dem häufig Profit in der Vermittlung und nicht in der Wertschöpfung oder in der Transaktion entsteht - bis hin zur heutigen Weltgesellschaft.

Um die "Commons" - also die Güter im Besitz der Allgemeinheit - wurde hart gekämpft. Es wurden Grenzen gezogen und Mauern gebaut. Die Isolierung war die Antwort auf die Pest - oder "Cocoliztli" - die 1545 in Mexiko ausgebrochen ist und in fünf Jahren 15 Millionen Menschen oder 80 Prozent der Bevölkerung ausgelöscht hat. Das gleiche galt für eine der tödlichsten Epidemien in der Geschichte der Menschheit: den Schwarzen Tod, bei dem im 14. Jahrhundert 25 Millionen Menschen in Westeuropa ums Leben kamen - das entspricht etwa der Hälfte der Bevölkerung. In "Globalia 2020" setzen wir die gleichen Mittel ein: Angst auf nationaler Ebene, Protektionismus und primär Sorgen um die "eigene" Bevölkerung, Wirtschaft und Börse.

Dabei ist die Welt nicht wie vor 500 Jahren. Heute leben wir in einer globalen interdependenten Weltgesellschaft, auch wenn manche Führer meinen, sie müssten mit uns zurück zum Nationalismus und zur Aristokratie. 2002/2003 brach die SARS-Pandemie aus, und man rechnete mit mehreren Hunderttausend Toten. Am Ende waren es 774.

Vielleicht war die Übertreibung - und dies mag auch bei Corona der Fall sein - die bessere Lösung, als die Gefahr zu leicht zu nehmen. Denn bei einem wirklich ernsthaften Ausbruch stehen wir heute vor einer ganz anderen Herausforderung: In den vergangenen 15 bis 20 Jahren hat sich China von 4 auf 20 Prozent des Weltwirtschaft-Volumens entwickelt, und die Volksrepublik zählt zum wichtigsten Exportmarkt der deutschen und europäischen Wirtschaft. In China werden Autos gekauft, in den Bergdörfern füllen Chinesen heute Geldbeutel und Hotels, Waren und Produktion sind für die europäische Industrie wesentlich.

Doch vielleicht muss es erst schlimmer kommen, bevor es besser wird? Die Frage ist nur, wie viel schlimmer wir es uns erlauben können, und ob wir es darauf ankommen lassen wollen. Die Strukturen und die Entwicklung im 21. Jahrhundert müssen wir im Kern verstehen, es sind die Wirkkräfte des Wandels.

Die Welt ist nicht mehr, wie sie einmal war. Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes: mit Respekt und Mitgefühl für alle Leidenden. Covid-19 werden wir meistern. Auf eine globale Lungenentzündung sind wir allerdings nicht vorbereitet. Lasst uns den Turbo bei der Globalisierung einschalten: gerade wegen Corona.

Quelle: ntv.de