Wirtschaft

Kehrt Praxair zurück zum Ursprung? Linde-Aktie gibt nach Fusionsgerücht Gas

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Die Fusion mit Praxair könnte Linde zurück an die Weltspitze bringen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Anleger sind elektrisiert: Bereits vor mehr als 100 Jahren als US-Ableger von Linde gegründet, könnte Praxair sich wieder mit dem deutsche Gaseriesen zum Branchen-Primus vereinigen. Verhandelt wird bereits, die Aktienkurse schießen nach oben.

In der weltweiten Industriegasebranche bahnt sich eine weitere Konsolidierung an, was an der Börse positiv aufgenommen wird. Der Gasekonzern Linde bestätigt offiziell Verhandlungen mit dem US-Wettbewerber Praxair über einen Zusammenschluss. "Die Gespräche laufen und haben noch zu keinen konkreten Ergebnissen oder Vereinbarungen geführt. Entsprechend ist derzeit noch nicht abzusehen, ob es eine Transaktion geben wird", teilten die Münchner mit. Sollten die Gespräche fortgesetzt werden, wolle das Unternehmen die Öffentlichkeit entsprechend informieren. Wenn eine Fusion der beiden zustande kommen sollte, würde der fusionierte Konzern zum Branchenprimus aufsteigen. Die französische Air Liquide wäre dann wieder entthront.

Linde und Praxair sind derzeit an der Börse jeweils rund 30 Milliarden US-Dollar wert. Ein Zusammenschluss wäre in diesem Jahr dann mit einem Wert von rund 60 Milliarden Dollar eine der größten Transaktionen.

Bei Investoren kommt der potentielle Megadeal gut an: Die Praxair-Aktie legte im nachbörslichen US-Handel 4,2 Prozent zu. Linde gewinnen im frühen Handel mehr als 7 Prozent. Im laufenden Jahr hat Linde bisher mehr als 4 Prozent an der Börse zugelegt und damit besser abgeschnitten als der Gesamtmarkt. Allerdings kurz hatte das Papier im Dezember nach einer Gewinnwarnung auch den größten Kurssturz seit 14 Jahren verzeichnet und 2015 bereits zwei deutliche Einbrüche hinter sich. War die Aktie im März vergangenen Jahres noch mehr als 190 Euro wert, sind es jetzt noch rund 150 Euro.

Übernahme oder Fusion unter Gleichen?

Das deutliche Kursplus führen Börsenhändler auch auf einen Pressebericht in der "Financial Times" zurück. Die britische Zeitung macht damit auf, dass Praxair über einen Kauf von Linde verhandele. "Wenn die FT mit einer Überschrift wie 'Praxair makes a move for german rival Linde' ('Praxair macht sich an deutschen Konkurrenten Linde ran', Anm. d. Red.), liest sich das für die Engländer natürlich wie eine bevorstehende Übernahme", sagte ein Marktteilnehmer. Daher sei die Aktie schon vorbörslich nach oben geschossen.

Ein anderer Händler bestätigt die Folgen dieser Interpretation: "Unsere Kunden haben aktiv Linde gekauft, es waren fast nur Angelsachsen". Allgemein setze sich allerdings auch die Ansicht durch, dass die Verbindung beider Unternehmen positiv sei.

Ob Praxair nun Linde übernehmen will, die Münchener die US-Amerikaner, oder ob es sich um einen "Merger of Equals", also ein Zusammenschluss unter Gleichen, handelt, ist ungewiss. Eine mit der Sache vertraute Person sagte, Einzelheiten zu den Gesprächen seien nicht bekanntgeworden. Die Verhandlungen könnten auch noch scheitern, so der Informant. Aber die Tatsache, dass Linde und Praxair in etwa die gleiche Größe nach Börsenwert haben, spreche eigentlich für eine Fusion unter Gleichen. Damit würden sich beide Konzerne zusammenschließen und ein neues Unternehmen bilden.

Konkurrent Air Liquide stieß Linde jüngst vom Thron

Die französische Air Liquide hat Linde mit der Übernahme des US-Wettbewerbers Airgas im Frühjahr an der Branchenspitze verdrängt. Airgas ist einer der größten Lieferanten von Industrie-, Medizin- und Spezialgasen in den USA und einer der größten Hersteller atmosphärischer Gase wie Sauerstoff, Stickstoff und Argon. Die Franzosen hatten für Airgas tief in die Tasche gegriffen und rund 10 Milliarden Dollar bezahlt. Mit der Übernahme haben die Franzosen nicht nur ihr US-Geschäft deutlich ausgebaut, sondern sind gemessen am Jahresumsatz von mehr als 23 Milliarden Dollar Umsatz wieder zum größten Industriegase-Hersteller der Welt geworden.

Die deutsche Linde, die Industriegase und Gase für den medizinischen Gebrauch herstellt, war durch die Übernahme des britischen Rivalen BOC im Jahr 2006 für 14 Milliarden Dollar Branchenprimus geworden. Sollte sich Linde nun mit Praxair zusammenschließen, dann würde das kombinierte Unternehmen auf einen Jahresumsatz von mehr als 30 Milliarden Dollar, vor Devestitionen, kommen.

Aber angesichts der Airgas-Übernahme durch die Franzosen fragen sich einige Beobachter, ob die Kartellbehörden mit Linde und Praxair einen weiteren Großdeal erlauben würden. Schon jetzt gibt es neben Air Liquide und Linde nur noch wenige Gaseunternehmen.

Nach Einschätzung der DZ Bank dürfte es kein Störfeuer der US-Wettbewerbsbehörde geben, weil die beiden Gase-Unternehmen unterschiedliche Bereiche in den USA abdeckten. Fraglich sei für sie dagegen ein "Ja" aus Brüssel, da es nach einem Zusammenschluss der beiden Unternehmen nur noch drei Industriegase-Anbieter geben würde.

Kehrt Praxair zurück zu seinem Ursprung?

Praxair war einst Teil des Linde-Konzerns. Gegründet wurde das Unternehmen als US-Geschäft von Linde im Jahr 1907 unter dem Namen Linde Air Products. Das Geschäft hat sich so rasend entwickelt, dass bis zum Ersten Weltkrieg das Unternehmen größer als die deutsche Muttergesellschaft war. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde die Linde Air Products von dem Konzern Union Carbide Corp gekauft. Das Unternehmen wurde abgespalten und in Praxair umbenannt. Union Carbide gehört nun zum Branchenriesen Dow Chemical.

Praxair ist seit 1992 ein unabhängiges börsennotiertes Unternehmen. Als das erste Unternehmen in den Vereinigten Staaten hat Praxair mit Hilfe des kryogenen Prozesses den Sauerstoff aus der Luft separiert und sieht sich selbst als ein Wegbereiter auf dem Gebiet der technischen Gase. Praxair ist nach eigenen Angaben der größte Industriegase Anbieter in Nord- und Südamerika. Das Unternehmen produziert und verkauft atmosphärische Gase, Prozess- und Spezialgase sowie Hochtechnologie-Beschichtungen. In der ersten Jahreshälfte sank der Umsatz von Praxair mit Sitz in Danbury im US-Bundesstaat Conneticut um 6 Prozent auf 5,17 Milliarden Dollar.

Der niedrige Ölpreis, Überkapazitäten und als Folge davon die Investitionszurückhaltung der Kunden im Anlagenbau machen auch Linde derzeit zu schaffen. Im ersten Halbjahr sind Umsatz und operatives Ergebnis zurückgegangen. Weil die wirtschaftliche Entwicklung herausfordernd bleibt, treibt Linde seine Sparmaßnahmen voran. Das operative Ergebnis gab um gut 4 Prozent nach auf gut 2 Milliarden Euro. Unter dem Strich verdiente Linde mit 632 Millionen Euro gut 9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Quelle: ntv.de, kst/DJ

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