Wirtschaft

Schadenersatz wegen Abgasbetrug? Martin Winterkorn droht der Ruin

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Wann wusste Martin Winterkorn vom Abgas-Betrug bei VW? Die Anwort könnte ihn seine Existenz kosten.

(Foto: picture alliance / Julian Strate)

In der Diesel-Affäre könnte Ex-VW-Chef Winterkorn alles verlieren: Der einst bestbezahlte deutsche Manager wusste womöglich früher vom Abgas-Betrug, als er zugibt. Zahlt seine Managerversicherung nicht, drohen ihm Milliardenforderungen.

Als Martin Winterkorn im vergangenen Jahr vor dem Bundestag erstmals Stellung zu seinem Rücktritt in der Diesel-Affäre bezog, hatte der Ex-Volkswagen-Chef eine klare Botschaft: Von den Details des Abgas-Betrugs habe er bis kurz vor seinem Abgang nichts gewusst. "Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die US-Probleme aufgeklärt worden bin", gab sich der ehemals mächtigste Manager der Republik vor den Abgeordneten ahnungslos. Den Begriff Abschalteinrichtung habe er "sicher nicht vor September 2015" gehört.

Die Justiz zeichnet mittlerweile ein anderes Bild von Winterkorn in einer der größten deutschen Wirtschaftsaffären. Ermittler in Detroit haben Anklage erhoben, das FBI jagt ihn wie einen Schwerverbrecher per internationalem Haftbefehl. In Deutschland ermitteln Staatsanwälte in Braunschweig gegen Winterkorn und dutzende andere VW-Manager wegen des Verdachts des Betrugs und der Marktmanipulation, darunter auch gegen VW-Chefkontrolleur Hans Dieter Pötsch. Auch dieses Verfahren befindet sich laut Staatsanwaltschaft auf der Zielgeraden.

Die US-Ermittler haben inzwischen konkrete Beweise dafür präsentiert, dass Winterkorn lange vor seinem Rücktritt von den Motor-Manipulationen im Konzern gewusst haben soll. Winterkorn schweigt bisher eisern dazu. Auch sein Anwalt Felix Dörr will zu den Vorwürfen auf Anfrage von n-tv.de nichts sagen. Angeblich will er sich "bei passender Gelegenheit" zu den Vorwürfen äußern, ließ Winterkorn am Montag über einen Vertrauten verlauten. Er sei "nicht im Büßergewand", sagt der Insider.

Winterkorn drohen nicht nur bis zu 25 Jahre Haft. Eine Verurteilung könnte für den einst bestbezahlten deutschen Manager auch den finanziellen Ruin bedeuten. Denn sollten die Gerichte ihm Fahrlässigkeit oder gar vorsätzlichen Betrug nachweisen, dürfte die Managerversicherung, die VW für den einstigen Chef abgeschlossen hat, kaum einspringen. Auch die zahllosen VW-Aktionäre, die den Autoriesen wegen dem Kurseinbruch in der Diesel-Affäre auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagt haben, hätten nach einer Verurteilung deutlich bessere Karten, ihre Ansprüche durchzuboxen. Und VW dürfte die Forderungen dann an Winterkorn durchreichen.

Wolfsburg will sich "nicht selbst ans Messer liefern"

Tatsächlich prüft Volkswagen schon sehr lange, seinen einstigen Chef und andere VW-Manager in Regress zu nehmen. Man orientiere sich dabei "einzig und allein am Unternehmenswohl", sagt ein Sprecher. Das ist Wahrheit und PR zugleich: Einerseits sind die VW-Aufseher gesetzlich verpflichtet, Winterkorn bei schuldhaften Pflichtverletzungen zu belangen, um das Vermögen von VW zu schützen. Andererseits wissen sie: Fällt der Ex-Chef, können die Aktionäre auch Volkswagen selbst in die Tasche greifen - der Konzern haftet nach außen für den etwaigen Betrug seines Managers.

Dieses gemeinsame Interesse schmiedet Wolfsburg und Winterkorn bislang zusammen. Und deshalb deckelt der Autoriese die Wahrheit über Winterkorn auch, obwohl er sie längst kennen dürfte: Den internen Untersuchungsbericht der Anwälte von Jones Day zur Diesel-Affäre hält Wolfsburg - anders als einst versprochen - streng unter Verschluss. Weil sich VW weigert, ihn herauszurücken, beschlagnahmten Staatsanwälte sogar Akten in den Münchner Büros der Kanzlei. VW hat gegen die Durchsuchung sogar das Bundesverfassungsgericht angerufen. Und musste trotzdem auf gerichtliche Anordnung einen Sonderprüfer einsetzen, der die Rolle der Chefetage in der Diesel-Affäre nun unabhängig untersucht.

Solange die Wahrheit über Winterkorn unter Verschluss ist, dürfte der VW-Aufsichtsrat noch wenig Interesse haben, Schadenersatz gegen ihn geltend zu machen: "Er würde sich damit selbst ans Messer liefern", sagt Michael Hendricks, Experte für Manager-Haftungsfragen beim Versicherungsmakler Howden. Doch sobald Winterkorns etwaige Schuld vor Gericht ans Licht kommen sollte, beginnt das Schwarze-Peter-Spiel: VW hätte dann allen Grund, Winterkorn fallen zu lassen - und den Schaden bei ihm einzutreiben.

Winterkorns Vermögen wäre futsch

Selbst im besten Fall - falls seine Managerhaftpflicht zahlt - wird VW aber wohl nur einen Bruchteil des Geldes zurückholen können. "Die Deckungssumme bei VW dürfte kaum reichen", sagt Hendricks. Bei VW dürfte sie etwa bei 500 Millionen Euro liegen. "Es ist nicht auszuschließen, dass Winterkorn mit Teilen seines Privatvermögens wird haften müssen".

Sein finanzielles Polster ist zwar enorm: Allein im Jahr vor seinem Abgang kassierte Winterkorn als VW-Chef 15 Millionen Euro und war damit der bestbezahlte deutsche Manager. Trotzdem dürfte sein Geld kaum reichen, alle Schadenersatzansprüche gegen VW zu decken. Laut Berechnungen der "FAS" hat Winterkorn im Laufe seiner Karriere mehr als 100 Millionen Euro verdient. Allein seine Pensionsansprüche belaufen sich auf knapp 30 Millionen Euro. "Dieses Geld wäre im Extremfall komplett weg", sagte der Berliner Rechtsprofessor Gregor Bachmann der Zeitung.

Selbst fahrlässige Pflichtverletzung könne Winterkorns Vermögen vernichten. Dafür müsse noch nicht einmal nachgewiesen werden, dass Winterkorn bei der Kontrolle versagt habe. Die sogenannte "Organhaftung" drehe die Beweislast um: Winterkorn müsse selbst beweisen, alles getan zu haben, um den Abgas-Betrug zu erkennen und zu ahnden.

Der "Feuerwehrmann" und der "Schadenstisch"

Ob Winterkorn dem Ruin entkommt, hängt allein von einer Frage ab: Wann erfuhr er vom Abgas-Betrug? Die US-Ermittler belasten den Ex-VW-Chef schwer: Als der Umweltverband ICCT bei Straßentests von VW-Dieseln in den USA erstmals astronomisch überhöhte Stickoxidwerte feststellte, soll laut US-Anklageschrift Bernd Gottweis, einer von Winterkorns engsten Vertrauten, den Chef über die Unregelmäßigkeiten informiert haben. Am 22. Mai 2014 habe Gottweis ein einseitiges Memo verfasst, das dann zusammen mit dem Schreiben eines VW-Top-Managers an Winterkorn gegangen sei.

Schon im letzten Jahr konfrontierten ihn die Abgeordneten im Bundestag damit. "Es ist zu vermuten, dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorsteuergeräte-Software implementiert hat", zitierte Ausschuss-Chef Herbert Behrens (Linke) aus Medienberichten über das Memo. Winterkorn verweigerte wegen der Ermittlungen gegen ihn jede Aussage dazu. Die Staatsanwälte in Braunschweig werden ihn bestimmt daran erinnern, wenn sie ihn vernehmen: Sie haben sich vom Untersuchungsausschuss das Wortprotokoll seiner Aussage schicken lassen.

Die US-Justiz legt Winterkorn zudem einen noch brisanteren Vorgang zur Last: Als die US-Behörden drohten, VW wegen der Abgas-Unregelmäßigkeiten die Zulassung für seine Diesel zu verweigern, gab es laut US-Ermittlern am 27. Juli 2015 im VW-Hauptquartier in Wolfsburg ein Krisentreffen, das Winterkorn geleitet haben soll. Bei dem sogenannten "Schadenstisch" sei dem VW-Chef und anwesenden Top-Managern mit einer Powerpoint-Präsentation detailliert erklärt worden, wie die Betrugssoftware funktionierte und welche Konsequenzen ein Auffliegen des Betrugs haben könnte. Mit Winterkorns Zustimmung sei vereinbart worden, die Schummelsoftware nicht offenzulegen. Laut "Süddeutscher Zeitung" soll Winterkorns Vertrauter Gottweis, der intern "als eine Art Feuerwehrmann Probleme aller Art zu lösen" hatte, ihn zudem schon am Vorabend telefonisch informiert haben, dass VW in den USA "beschissen" habe - fast zwei Monate bevor VW den Abgas-Betrug im September öffentlich zugab.

Am Schadenstisch saß damals auch der heutige VW-Chef Herbert Diess. Auch gegen ihn wird deshalb in Deutschland wegen Marktmanipulation ermittelt. Doch Diess hat womöglich ebenso wie andere VW-Manager einen Deal mit der US-Justiz gemacht: Laut einem VW-Insider hat er bei den Ermittlern in den USA ausgesagt. Für die Reise soll er von der US-Justiz freies Geleit zugesagt bekommen haben. Es dürfte also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Wahrheit über Winterkorn ans Licht kommt.

Quelle: ntv.de

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