Wirtschaft

KI zieht in Fabriken ein "Müssen Arbeiter Angst um Jobs haben?"

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Roboter verschiedener Hersteller mit Greifern des Unternehmens Schunk am Stand des Unternehmens auf der Hannover Messe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Digitalisierung bahnt sich ihren Weg in die industrielle Produktion. Schon heute ist jede vierte Maschine mit dem Internet verbunden. Wieso sich gerade der Mittelstand mit der Entwicklung zur smarten Fabrik schwertut, erzählt Forcam-Chef Franz Gruber im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Können Sie nachvollziehen, wenn Fabrikarbeiter Angst vor Robotern und Automatisierung haben?

Franz Gruber: Natürlich. Versetzen Sie sich in die Lage eines Mitarbeiters. Wenn der hört, dass die Künstliche Intelligenz zur weiteren Automatisierung beiträgt, liegt die Vermutung nahe: Die Digitalisierung bedroht meinen Arbeitsplatz.

Stimmt das denn?

Die Zahlen sprechen dagegen. Der Digitalisierungsbeauftragte des Maschinenbauers Kuka hat statistisch belegt, dass in den Industrienationen, in denen der Einsatz von Robotern zunimmt, die Wertschöpfung wächst, weil mehr Produkte gefertigt werden können. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote immer dort signifikant niedrig, wo die Anzahl der Roboter je Arbeitnehmer groß ist. Schließlich entstehen rund um neue Produkte und Technologien auch Arbeitsplätze. Mitarbeiter werden durch den Einsatz von Robotern in Zukunft entlastet. Es wird für sie noch einfacher sein, sich wiederholende Tätigkeiten auszuführen.

Was verspricht sich die Industrie von einer vernetzten Fabrik der Zukunft?

Höhere Produktivität führt zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und damit zu mehr Standort- und Arbeitsplatzsicherheit. Der Herstellungsprozess für gewisse Produkte wird sich in Zukunft sogar gewissermaßen demokratisieren und individualisieren. Stichwort New Work: So können immer mehr Tätigkeiten auch flexibel dezentral erledigt werden - bis hin zum 3D-Drucker im Homeoffice. Gleichzeitig können Produkte für Kunden immer individueller gefertigt werden. So wie ich mir heute persönliche Profile und Internetseiten auf vorgefertigten Plattformen konfigurieren kann, so werden Hersteller ihre Produkte immer weiter auf individuelle Kundenwünsche anpassen können.

FORCAM-Chef Franz Gruber_01.1.jpg

Franz Gruber ist Geschäftsführer der Forcam GmbH. Ihre Sofware ermöglicht es Betrieben, ihre Produktion zu digitalisieren. In Echtzeit können Daten an eine App übertragen werden.

Wieso tut sich der deutsche Mittelstand oft schwer, in neue Technologie zu investieren?

Über die Industrie 4.0 wird sehr akademisch diskutiert. Der Mittelstand ist aber eher pragmatisch und wertorientiert. Mittelständische Unternehmen fragen immer zuerst nach dem Nutzen einer neuen Technologie. Viele haben deswegen große Einstiegsängste.

Profitiert der Mittelstand denn schon von der Digitalisierung?

Die Bereitschaft, in moderne Anlagen und Technologien zu investieren, wächst. Immer mehr Unternehmen wird klar: Wer seine Fertigung heute nicht datengestützt digital organisiert, um produktiver und wettbewerbsfähiger zu werden, den wird es morgen vom Markt fegen. Die Krones AG konnte mit ihrer Digitalisierungsstrategie über einen Zeitraum von nur vier Monaten ihre Produktivität zum Beispiel um elf Prozent steigern.

Wann sind die Lösungen der Industrie 4.0 einsatzbereit?

Die Lösungen sind bereits am Markt vorhanden. Unternehmen benötigen Technologien, die den digitalen Zwilling der Produktion am Computer erzeugen - ob Touch, Tablet oder Smartphone. Dann können sie virtuell analysieren und real optimieren. Voraussetzungen dafür ist eine Echtzeit-Überwachung mit Alarmierungen, aktuellen und historischen Reports sowie eine Rückverfolgbarkeit aller Teile und Produkte. Hinzu kommen ganz neue Anwendungen für vorhersagende Wartung oder für selbstlernende Systeme der Künstlichen Intelligenz. Die dafür nötigen Hochleistungs-IT-Lösungen gibt es bereits in Form von flexiblen IT-Plattformen mit Cloud-Infrastruktur.

Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen bei der digitalen Transformation?

Die Digitalisierung der Produktion setzt neue Technologien voraus, mit denen sich Führungskräfte und Mitarbeiter erst einmal vertraut machen müssen. Momentan herrscht ein enormer Bedarf an IT-Experten, die solche Projekte umsetzen können. Aber klar ist: Neue Technologien entscheiden über die Zukunftsfähigkeit. Jedes fertigende Unternehmen ist künftig auch ein Software-Unternehmen. In der smarten Fabrik ist die Technologie der Zukunft das Rückgrat der Produktion und die Voraussetzung für mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Welche Risiken bringt die Digitalisierung?

Manche Anbieter kommen mit Großlösungen, die dem Mittelstand regelrecht übergestülpt werden. In diesen Fällen stimmt manchmal die Verhältnismäßigkeit nicht. Solche Projekte werden oft sehr theoretisch aufgesetzt und das Management nicht genügend mit einbezogen. Wichtig ist es, mit überschaubaren Pilotprojekten zu starten. Die Führungsetagen müssen deswegen klare Ziele und Produktivitätserwartungen formulieren, an denen sich die Projekte dann messen müssen. Und ganz wichtig: Die Belegschaft in der Fabrik sollte von Anfang an und dauerhaft bei der Reise der digitalen Transformation einbezogen werden.

Kann die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich mithalten?

Bei der digitalen Transformation stehen weltweit alle Unternehmen vor den gleichen Herausforderungen. Wir benötigen technologischen Fortschritt, um unseren Wohlstand zu sichern. Die deutsche Wirtschaft kann mit der Konkurrenz aus den USA und China sehr wohl mithalten. Deutsche und europäische Unternehmen haben in der Masse heute begriffen, dass eine Produktivitätssteigerung nur durch einen forcierten und zweckorientierten Einsatz von Digitalisierungsprojekten erreicht werden kann.

Mit Franz Gruber sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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