Wirtschaft

Üble Wette So wollte der BVB-Attentäter reich werden

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Die Staatsanwaltschaft wirft Sergej W. mehrfachen versuchten Mord vor.

(Foto: picture alliance/dpa)

Durch einen Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus wollte Sergej W. den Aktienkurs von Borussia Dortmund abstürzen lassen. Wäre die zynische Wette aufgegangen, hätte der Attentäter viel Geld verdient.

Als die Fußballer von Borussia Dortmund im April vergangenen Jahres in ihrem Bus auf dem Weg zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco waren, explodierten in der Nähe drei Sprengsätze. Im Inneren des Busses wurde der damals noch für den BVB aktive Innenverteidiger Marc Bartra schwer am Unterarm verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Heute wird das Urteil gegen den mutmaßlichen Attentäter Sergej W. verkündet. Sein Motiv: Er wollte einen Kurssturz der Aktien des Fußballvereins verursachen und dadurch viel Geld verdienen.

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Und wie sollte diese zynische Wette funktionieren? An den Finanzmärkten gibt es Möglichkeiten, von sinkenden Kursen zu profitieren. W. hat der Staatsanwaltschaft zufolge entsprechende Finanzprodukte gekauft - und dafür einen Kredit aufgenommen. Unter anderem erwarb W. demnach sogenannte Put-Optionsscheine. So sperrig dieser Begriff auch ist, an ihnen lässt lässt sich gut erklären, wie mit fallenden Kursen Geld verdient werden kann.

Optionsscheine sind im Prinzip ein Recht auf einen Deal. Sie erlauben beispielweise, eine bestimmte Menge von Aktien innerhalb einer festgelegten Zeitspanne zu einem vorher vereinbarten Preis zu kaufen oder eben zu verkaufen - unabhängig vom aktuellen Kurs. Durch sogenannte Call-Optionsscheine verdient man mit Kurssteigerungen der zugrundeliegenden Aktie Geld, mit Put-Optionsscheinen profitiert man von deren Kursverlusten.

Der mutmaßliche Attentäter hatte Put-Optionsscheine gekauft. Er wettete also auf eine fallende BVB-Aktie. Optionsscheine werden an der Börse gehandelt, man kann sie innerhalb ihrer Laufzeit jederzeit kaufen oder verkaufen - in der Regel schwankt ihr Preis stark. Ihr Wert hängt vom aktuellen Kurs der zugrundeliegenden Aktie ab. Hinzu kommt die Rest-Laufzeit des Optionsscheins.

Kaum Profit

Ein Beispiel: Ein Put-Optionsschein erlaubt, eine Aktie bis zu einem bestimmten Termin für 100 Euro zu verkaufen - unabhängig davon, wie hoch der Aktienkurs tatsächlich ist. Für dieses Recht bezahlt der Käufer des Optionsscheins zehn Euro. Dieses Recht wird der Inhaber des Optionsscheins nur dann ausüben, wenn die Aktie unter einem Kurs von 100 Euro tendiert. Das heißt aber auch: Je niedriger der Kurs ist, umso wertvoller ist das vereinbarte Verkaufsrecht. Ob man einen guten Deal macht, hängt also von dem Preis ab, den man für den Optionsschein bezahlt hat - in diesem Beispiel zehn Euro. Der Kurs der Aktie muss also von 100 auf 90 Euro sinken, damit zumindest kein Verlustgeschäft gemacht wird. Stürzt die Aktie dagegen auf 80 Euro ab, verdient man zehn Euro. Mit anderen Worten: Ein Kursverlust der Aktie um 20 Prozent bedeutet ein Profit von 100 Prozent mit dem Optionsschein.

Mit Optionsscheinen sind also durch relativ wenig Einsatz hohe Gewinne möglich. Allerdings können durch diese Hebelwirkung auch überproportional hohe Verluste entstehen - sogar ein Totalverlust ist je nach Art des Optionsscheins möglich. Daher ist es besonders riskant, diese Wetten mit einem Kredit zu finanzieren. Und genau das hat Sergej W. gemacht. Er lieh sich Geld bei einer Bank, belastete zudem seine Kreditkarte und steckte mehrere Zehntausend Euro in Finanzprodukte.

Die Wette ging nicht auf. Da niemand lebensgefährlich verletzt wurde oder gar starb, blieb der große Kurssturz der BVB-Aktie aus. Der Staatsanwaltschaft zufolge erzielte W. durch den Verkauf seiner Optionsscheine und Kontrakte einen Profit von rund 5900 Euro. Im Höchstfall hätte der Gewinn allerdings bei mehreren Hunderttausend Euro liegen können.

Hinweis aus Österreich

Optionsscheine sind kein Teufelszeug. Sie können beispielsweise dazu verwendet werden, sich gegen Kursverluste abzusichern. Und dass die Ermittler W. schnell auf die Spur kommen, liegt an einem Österreicher, der genau das gemacht hat. Der Börsenhändler und BVB-Fan hatte einige Zeit vor dem Anschlag BVB-Aktien gekauft, die mittlerweile stark gestiegen waren. Zur Absicherung kaufte er Put-Optionsscheine - deren Wert steigt, wenn die Aktien fallen. Als sich Rudolf S. die aktuellen Kurse anschaut, fällt ihm etwas auf. "Ich habe die Umsätze mit den Wertpapieren gesehen und war mir sicher, dass sie etwas mit dem Anschlag zu tun haben müssen", sagte er dem "Kurier" aus Österreich.

Die Bank, bei der er die Kurse kontrollierte, ist zufälligerweise die gleiche Bank, die auch Sergej. W. nutzte. "Weder vorher noch nachher hatte jemand so viele Verkaufsoptionen auf die BVB-Aktie gekauft. Und schon gar nicht an der Börse in Frankfurt", so der Österreicher. Das ist allein deshalb auffällig, da für Optionsscheine die Derivate-Börse Stuttgart viel beliebter ist. Zudem hätte ein Profi die Produkte nicht in einem Paket, sondern während eines längeren Zeitraums stückweise gekauft. Nach dem Attentat meldete sich S. bei den Ermittlern. "Ich glaube, das wurde nicht so ernst genommen", sagte er. "Dann habe ich auch dem BVB eine Mail geschrieben". Der Verein wandte sich an die Bank, und diese erstattete Anzeige - die Sonderermittler wurden auf Sergej W. aufmerksam. Kurz darauf wird er festgenommen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 29-Jährigen versuchten Mord in 28 Fällen vor und fordert eine lebenslange Gefängnisstrafe. Der in Russland geborene Deutsche hatte im Prozess zugegeben, neben dem voll besetzten Mannschaftsbus des BVB die Bomben gezündet zu haben. Er bestreitet aber jeden Tötungsvorsatz. Der Angeklagte habe sich nur der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion schuldig gemacht, so die Verteidiger. Mit der Tat habe er lediglich Angst und Schrecken verbreiten wollen, um den Aktienkurs des börsennotierten Fußballvereins abstürzen zu lassen. Die Verteidigung hat eine Haftstrafe von weniger als zehn Jahren beantragt.

Quelle: n-tv.de

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