Wirtschaft

Droht ein neuer Corona-Crash? Top-Ökonomen üben sich in Gelassenheit

b5da1873540bd276a4decb66cb0f5ebb.jpg

Der Lockdown setzt dem Einzelhandel zu.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Einzelhändler und Gastronomen fürchten angesichts des verschärften Lockdowns die Pleite. Doch die Wirtschaft insgesamt werde die Krise verhältnismäßig gut überstehen, sagen Ökonomen. Für das Frühjahr halten sie eine kräftige Erholung für möglich.

Führende Ökonomen halten die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns für überschaubar. Auch der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, zeigte sich gelassen: "Das schafft unsere Wirtschaft", sagte er ntv. Für die betroffenen Branchen seien die verhängten Maßnahmen zwar hart, vor allem Einzelhandel und Gastronomie. Doch sofern die Industrie und andere Unternehmen mit hoher Wertschöpfung weiter produzieren, "können wir das aushalten".

Die Einschränkung des Bewegungsradius in Corona-Hotspots ändert daran nach Ansicht von Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, nichts. "Wenn die berufliche Mobilität weiter möglich bleibt, dürften sich die wirtschaftlichen Zusatzkosten in Grenzen halten", sagte, er der "Welt". Touristik, Gastronomie und Shoppingausflüge seien ohnehin nicht möglich. Auch aus Sicht von Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), ist entscheidend, dass die Fahrt zum Produktionsort möglich bleibe.

Ähnlich sieht dies IW-Direktor Hüther. Entscheidend sei, dass die Industrie nicht in Mitleidenschaft gezogen werde. Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht man davon aus, dass die Verlängerung des harten Lockdowns nur kurzfristig auf der wirtschaftlichen Erholung lastet. "Werden die Infektionszahlen damit effektiv gedrückt, ist eine kräftige Erholung im Frühjahr möglich", sagte DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen der "Welt".

Bund und Länder hatten sich unter anderem darauf verständigt, den Lockdown bis Ende Januar zu verlängern und Kontaktbeschränkungen zu verschärfen. Zudem soll die Bewegungsfreiheit in Corona-Hotspots begrenzt werden. Ab einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner sollen die Länder lokale Maßnahmen ergreifen, um den Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort zu begrenzen, sofern kein triftiger Grund vorliegt.

"Gefahr von Insolvenzen könnte zunehmen"

Die Erwartungen der führenden Ökonomen an die wirtschaftliche Entwicklung haben sich durch die zweite Corona-Welle und den anhaltenden Lockdown allerdings verschlechtert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) senkte seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr von 5,2 auf nur noch 3,5 Prozent. Die Hans-Böckler-Stiftung hält dagegen ein Wachstum "um spürbar über vier Prozent" für möglich.

Das DIW erwartet im ersten Jahresquartal einen wirtschaftlichen Einbruch um über zwei Prozent. Ein Neustart im zweiten Quartal werde nur gelingen, wenn die Infektionswelle bis Februar abebbe und die Einschränkungen dann größtenteils aufgehoben werden könnten, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher dem "Handelsblatt". "Wenn dies nicht gelingt, dann könnte die Wirtschaft in Deutschland noch länger leiden und die Gefahr von Unternehmensinsolvenzen und Arbeitslosigkeit deutlich zunehmen."

Die ursprüngliche DIW-Prognose war deutlich optimistischer gewesen als jene des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Dieser hatte im November - also noch vor dem derzeitigen harten Lockdown - ein BIP-Wachstum um 3,7 Prozent für 2021 vorhergesagt. Der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, nannte diese Prognose inzwischen "nicht mehr haltbar".

Die geplante Lockdown-Verlängerung werde die wirtschaftliche Erholung verzögern, warnte auch der Ifo-Präsident Fuest. Eine längere Schließung großer Teile des Einzelhandels werde sich "irgendwann auch auf die Nachfrage nach Industriegütern auswirken" und könnte so die industrielle Erholung ausbremsen.

Solange sich Industrieproduktion und Baugewerbe noch positiv entwickelten, sei der Wirtschaftseinbruch deutlich milder als im Frühjahr 2020, sagte IfW-Präsident Felbermayr. Allerdings sei für Februar bestenfalls "mit teilweisen Lockerungen" des Lockdowns zu rechnen. Laut Felbermayr rechnet sein Institut für 2021 insgesamt mit wirtschaftlichem Wachstum - allerdings "bei weiterhin enormer Unsicherheit".

Keine Lockdowns in Asien

Auch Volkswirte deutscher Banken trauen der deutschen Wirtschaft trotz des verschärften Corona-Kurses in diesem Jahr einen robusten Aufschwung zu. "Nach einem sehr schwachen Start wird die Konjunktur ab dem zweiten Quartal wieder anziehen", sagte der Chefvolkswirt der Bank ING, Carsten Brzeski. "Trotz Lockdowns und mutiertem Virus bleiben die Aussichten auf einen starken globalen Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte gut." In den USA und in Asien etwa gebe es keinen neuen Lockdown, wodurch Industrie und Exporte hierzulande weiterhin ordentlich laufen sollten.

Jeder Monat eines solchen Lockdowns mindere zwar die deutsche Wirtschaftsleistung im Quartal um etwa ein Prozent im Vergleich zu einer langsamen Lockerung der Restriktionen, rechnete derweil die Berenberg Bank vor. "Damit ist das Risiko gestiegen, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal leicht schrumpfen könnte, wie dies vermutlich bereits im Schlussquartal 2020 der Fall war", sagte deren Chefvolkswirt Holger Schmieding mit Blick auf die neuen Maßnahmen. Auch er hält aber die Basis für einen neuen Aufschwung für solide. "Sobald die Restriktionen spürbar gelockert werden können, vielleicht im März, dürften die Konjunkturampeln auf grün springen", sagte Schmieding. "Wir erwarten ein kräftiges Wachstum für das zweite Quartal, getrieben auch durch einen Nachholbedarf für viele Dienstleistungen."

Quelle: ntv.de, jga/rts/dpa

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.