Wirtschaft

Interview mit Tesla-Analyst Warum Musk eine Fabrik in Europa braucht

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Für den US-Elektroautobauer wäre der Bau nach den Werken in Nevada, New York und Shanghai seine vierte sogenannte Gigafactory.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Nachricht vom Bau einer Tesla-Fabrik nahe Berlin kommt überraschend. Der Standort sei aber keine schlechte Wahl, sagt NordLB-Analyst Frank Schwope im Interview mit n-tv.de. Hinter der Ankündigung stecke mehr als nur leere Versprechungen - schließlich wolle Tesla die deutsche Konkurrenz angreifen.

n-tv.de: Herr Schwope, Tesla sucht in Europa schon seit Längerem nach einem Standort für eine sogenannte Gigafactory. Was spricht für die Ansiedlung im brandenburgischen Grünheide?

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Frank Schwope ist Analyst bei der NordLB.

Frank Schwope: Dass Tesla eine Fabrik in Deutschland bauen will, hat sich ja schon abgezeichnet. Als Favoriten galten lange aber eher Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Eine Fertigungsanlage in einer relativ strukturschwachen Region am Rande von Berlin in der Nähe des Hauptstadtflughafens BER zu bauen, kommt überraschend, ist aber keineswegs eine schlechte Wahl. Für Brandenburg ist das natürlich ein Riesengewinn.

Elon Musk ist um große Versprechungen nicht verlegen. Ist die neue Fabrik möglicherweise nur ein Signal für die Investoren?

Klar hat Musk in der Vergangenheit immer wieder Versprechungen gemacht, die unrealistisch waren. Aber hier bin ich mir sicher: Die Fabrik wird kommen. Nicht zuletzt wegen der Zollstreitigkeiten, aber auch aus Kapazitätsgründen braucht Tesla dringend ein Werk in Europa. Musks Wahl für Deutschland ist wohlüberlegt. Schließlich sieht er Tesla als Premiumhersteller, der mit Audi, BMW und Mercedes konkurriert. Wenn Musk die Produktion hochfahren will, kommt er an einer Fabrik in Europa nicht vorbei. Das Tesla-Stammwerk in Fremont im Silicon Valley bedient Amerika, das neue Werk in China den chinesischen Markt und Asien. Für Image, Produktions-Know-How, aber auch "Natural Hedging" ist ein Werk in Deutschland nur konsequent.

Immer wenn Tesla Quartalszahlen vorlegt, wird diskutiert, ob die Nachfrage nach Elektroautos stark genug ist, um Musks ambitionierte Wachstumspläne zu tragen. Wie sehen Sie das?

Die Fabrik soll zunächst das Kompakt-SUV Model Y bauen. Sicher ist dieses Modell kleiner als die Modelle S und X. Aber wir dürfen nicht vergessen: Ein Tesla kostet in der Realität in Europa mehr als 40.000 Euro. Musk will damit einen breiten Markt erschließen, aber diese Modelle sind nichts für die Masse. Das Unternehmen wird sich ein Rennen mit deutschen Premium-Herstellern liefern. Ob da so viel abzugreifen ist, wird sich zeigen. Gerade dann, wenn die Konkurrenz Ernst macht. Erst in der vergangenen Woche hat Volkswagen die Produktion des neuen ID.3 gestartet. Das Ziel ist klar: Die Wolfsburger wollen zum führenden Anbieter klimaschonender Mobilität werden.

Werden Teslas für deutsche Kunden billiger, wenn sie hierzulande produziert werden?

Das glaube ich nicht. Die Produktion in Deutschland ist auch nicht gerade günstig. Besonders Personal ist teurer, als wenn man die Produktion in Rumänien hochzieht. Allerdings gibt es hierzulande kürzere Wege, und es ist leichter, qualifizierte Mitarbeiter und Zulieferer zu finden.

Könnte Tesla für seine Fabrik massenweise Experten aus Werken der deutschen Hersteller abwerben?

Jein. Das Werk in Brandenburg ist nur eines von vielen. Dort wird keine Heerschar von Designern oder Entwicklern benötigt. Viele der Prozesse sind automatisiert. Übertrieben gesagt: Mehr als eine Werksleitung, ein paar hundert Ingenieure und wenige tausend Mitarbeiter braucht es nicht. Die Fahrzeuge werden im Wesentlichen weiter in den USA entwickelt

Welche Konsequenzen hat es für die deutsche Autoindustrie, wenn Tesla sich hier breitmacht?

Die Fabrik wird zusätzliche Produktionskapazitäten von zunächst bis zu 200.000 Fahrzeugen schaffen. Das wird sicherlich die deutschen Premium-Hersteller herausfordern. Ein erhöhter Druck verbessert aber möglicherweise auch den Wettbewerb und die Leistung. Insgesamt werden in der Region bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Das Vorhaben zeigt, dass man auch in Deutschland noch ein Werk hochziehen kann. Eigentlich ist das ein gutes Zeichen für die Autoindustrie in Deutschland.

Mit Frank Schwope sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de