Wirtschaft

Lufthansa mietet Air-Berlin-Flieger Wem nützt der Airline-Deal?

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Air Berlin versucht einen Neustart.

(Foto: picture alliance / dpa)

Air Berlin und Lufthansa wirbeln die Branche mit einem spektakulären Deal durcheinander und sorgen für große Veränderungen. n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie sieht der Deal genau aus?

Air Berlin wird in drei Teile gespalten. Das Unternehmen will sich auf das Kerngeschäft mit einer Flotte von 75 Maschinen von den beiden Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf aus konzentrieren. 40 weitere Maschinen werden samt Besatzung für zunächst sechs Jahre an die Lufthansa vermietet, der Großteil soll für die Billigtochter Eurowings fliegen. Das Touristikgeschäft mit 35 Flugzeugen soll in einem eigenen Geschäftsbereich zusammengefasst werden - mit dem Ziel, strategische Optionen zu prüfen.

Für bis zu 38 Maschinen stellt Air Berlin dabei auch Piloten, Flugbegleiter, Wartung, Versicherung und Verwaltungsleistungen. Air Berlin erwartet von der Lufthansa über die Laufzeit des Vertrags Zahlungen von mehr als 1,2 Milliarden Euro. Kosten wie Treibstoff und Flughafengebühren trägt die Lufthansa. Zwei weitere Maschinen mietet Lufthansa ohne Personal.

Warum macht Air Berlin das?

Der Airline geht es schlecht. Seit Börsengang vor acht Jahren hat das Unternehmen nur einmal Gewinn geschrieben. Diverse Sanierungsprogramme sind gescheitert. Die mit fast einer Milliarde Euro verschuldete zweitgrößte deutsche Fluglinie wird schon seit Jahren von ihrer arabischen Großaktionärin Etihad mit immer neuen Millionenspritzen in der Luft gehalten.

Der Gemischtwarenladen von Linien- und Charterflügen, der durch die Übernahme der DBA (vormals Deutsche BA) und LTU entstanden ist, hat Air Berlin tief in die roten Zahlen geführt. Selbst unter günstigen Bedingungen, wie dem derzeit niedrigen Kerosinpreis, konnte Air Berlin keine Gewinne einfliegen.

Was verspricht sich Air Berlin?

Die Gesundung. Das Management selbst sieht den Schritt als Voraussetzung für mehr Effizienz. Die neue Air Berlin will mit 40 Flugzeugen der A320-Familie und 18 Flugzeugen des Typs Q400 von Bombardier für die Kurz- und Mittelstrecken Verbindungen zu den wichtigsten europäischen Wirtschaftsstandorten anbieten. Darüber hinaus gehören zur Gesamtflotte mit 75 Flugzeugen 17 Maschinen des Typs A330-200, die Langstreckenziele weltweit anfliegen.

Was passiert mit dem Touristikgeschäft von Air Berlin?

Insidern zufolge wollen Air Berlin und ihre arabische Großaktionärin Etihad den Bereich in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem Ferienflieger Tuifly des weltgrößten Reisekonzerns Tui bündeln. Dieses soll Airbus-Maschinen der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki sowie die Boeing-Jets von Tuifly umfassen, die bisher samt Tuifly-Personal im Namen von Air Berlin unterwegs sind.

Ab wann fliegen die Air-Berlin-Maschinen für Eurowings?

Der Deal soll ab dem kommenden Sommerflugplan sechs Jahre lang laufen. Das heißt, dass die Maschinen ab Ende März kommenden Jahres in den Farben von Eurowings fliegen.

Welche deutschen Flughäfen verlässt Air Berlin?

Air Berlin wird sich in Deutschland wohl von den Flughäfen Hamburg, Paderborn, Köln, Frankfurt und Leipzig verabschieden. Basen soll es nur noch an den beiden Drehkreuzen Düsseldorf und Berlin sowie in Stuttgart und München geben. Als weiteres Ziel im Inland bleibt daneben nur Nürnberg.

Ist der Deal durch?

Nein, das Bundeskartellamt muss noch zustimmen. Möglicherweise wird die Behörde Auflagen erteilen, um für mehr Wettbewerb auf den Strecken zu sorgen. "In anderen Fusionsverfahren gab es beispielsweise die Auflage, einzelne Slots (Start- und Landerechte) für die Konkurrenz freizugeben", sagt Wettbewerbsexperte Julius Haucap. Die Bundesregierung wird dagegen sicher grünes Licht geben. "Das ist ein guter und nachvollziehbarer Schritt, den ich begrüße. Die Entscheidung sichert Arbeitsplätze, stärkt die deutsche Luftfahrtindustrie und erhält Verbindungen auch außerhalb der großen Drehkreuze", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt.

Und was erhofft sich die Lufthansa?

Die Lufthansa baut durch die Vereinbarung ihre Billigtochter Eurowings im Kampf gegen die Konkurrenz aus.Eurowings ist als Plattform angelegt, an der andere Fluggesellschaften auf verschiedene Weise andocken können.

Die Europaflotte der Eurowings von derzeit 90 Jets würde mit dem Leasing-Deal schnell und ohne großes wirtschaftliches Risiko um bis 35 Maschinen wachsen und das vorhandene Netz aus Hamburg und Stuttgart ergänzen. Mit einer schnellen Übernahme der touristischen Air-Berlin-Flüge vermeidet Lufthansa zudem, dass die Start- und Landeslots neu vergeben werden. Weitere 29 Mittelstreckenjets dürften von der bisherigen Minderheitsbeteiligung Brussels Airlines kommen, die Lufthansa Anfang 2017 ganz unter ihre Fittiche nehmen will. Mit dann mehr als 150 Maschinen wäre Eurowings hinter Ryanair (aktuell 357 Jets) und Easyjet (256) die klare Nummer drei in Europa. Brussels hat auch Regionalflugzeuge in der Flotte sowie neun Langstreckenjets vom Typ Airbus A330 - dem gleichen Modell, das auch Eurowings schon auf Billig-Langstreckenflügen einsetzt

Und Etihad?

Für die arabische Fluglinie ist Air Berlin bisher ein Fass ohne Boden. Seit die Araber Anfang 2012 als Großaktionär und Kooperationspartner bei den Berlinern eingestiegen sind, haben sie schon mehr als eine Milliarde Euro zugeschossen. Mehrere Sanierungsprogramme konnten nicht verhindern, dass Air Berlin immer mehr Geld verschlang, ohne welches zu verdienen. Durch die Deals mit Lufthansa kann Etihad zumindest einen Teil des Lochs stopfen - und Etihad-Chef James Hogan hätte in der Heimat weniger Erklärungsbedarf. Die verbleibende Air Berlin mit 75 Flugzeugen dürfte weiterhin die gewünschte Rolle als Zubringer für Etihads Langstrecken-Drehkreuz Abu Dhabi spielen.

Was bedeutet das für die Kunden?

Weniger Auswahl, höhere Preise - das ist die Gleichung, die der Wettbewerbsexperte Justus Haucap für den Lufthansa-Air-Berlin-Deal aufmacht. "Die Erfahrung zeigt: Wenn man auf einer Strecke die Reduktion von zwei auf einen Anbieter hat, muss man schon sehr gutgläubig sein, wenn man denkt, dass die Preise dort nicht steigen." Konkurrenten wie Ryanair und Easyjet bräuchten Zeit, um auf den Strecken nachzuziehen. "10 bis 20 Prozent höhere Preise halte ich für realistisch. Das würde vor allem Vielflieger und Geschäftsreisende treffen."

Und die Beschäftigten?

Air Berlin will bis zu 1200 Vollzeitstellen streichen. Den Mitarbeitern sollen Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung innerhalb der Etihad Airways Partners Group angeboten werden. Das fliegende Personal dürfte dagegen zunächst keine Entlassungen fürchten, weil die geplanten Flüge unter der Eurowings-Flagge ja weiter absolviert würden. Bei allen beteiligten Airlines machen sich die Gewerkschaften dennoch Sorgen um das bisherige Lohn-Niveau und die Sicherheit der Arbeitsplätze. Bei Air Berlin hieß es: "Das Unternehmen nimmt unverzüglich Gespräche mit Vertretern der Betriebsräte auf, um bis Februar 2017 freiwillige und betriebsbedingte Kündigungen zu bestätigen."

Quelle: ntv.de, jga/dpa/trs/DJ