Wirtschaft

Marode Fluggesellschaft "Wer würde Partner von Alitalia sein wollen?"

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Alitalia sucht dringend frisches Kapital.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Fluggesellschaft Alitalia ist Italiens Stolz und Sorgenkind zugleich. Täglich verbrennt das Unternehmen einen Millionenbetrag. Rettungspläne gab es schon viele. Nun wird eine Verstaatlichung debattiert. Ein Experte bewertet den Plan bei n-tv.

Es ist eine nie enden wollende Geschichte, die von Italiens maroder Fluggesellschaft Alitalia. Seit dem ersten Versuch, sie an Air France zu verkaufen sind zehn Jahre verstrichen. Acht Milliarden Euro wurden verbrannt. Und obwohl Alitalia täglich 1,2 Millionen Euro verliert, können die Politiker von ihr nicht lassen. Die vorhergehende Regierung hatte im Mai 2017 einem kurzfristigen Überbrückungskredit zugestimmt, um etwas mehr Zeit für den Verkauf zu gewinnen. Doch es kam bis jetzt weder zum Verkauf noch wurde der Kredit erstattet. Die jetzige Regierung denkt sogar darüber nach, Alitalia zu verstaatlichen. Wie es soweit kommen konnte und ob die Verstaatlichung eine Lösung wäre, fragen wir Andrea Giuricin, Wirtschaftsprofessor für Infrastrukturwesen an der Mailänder Universität Bicocca.

n-tv.de: Italien hat der maroden Airline Alitalia einen Überbrückungskredit in Höhe von 900 Millionen Euro gewährt. Wann müsste die Fluggesellschaft das Geld zurückzahlen?

Andrea Giuricin: Anfang Dezember. Doch um die Fakten gleich richtig zu stellen: Das hätte schon vor einem Jahren geschehen müssen. Der erste Kredit betrug 600 Millionen Euro und war im Mai 2017 gewährt worden und zwar für sechs Monate. Er sollte zur Überbrückung dienen, um weiterzufliegen und nach einem Käufer zu suchen. Doch anstatt Ende 2017 die Rückzahlung zu fordern, rückte der Staat mit weiteren 300 Millionen Euro heraus und verlängerte den Kredit um weitere zwölf Monate. Und das selbe wird wahrscheinlich auch jetzt geschehen.

Und warum zahlt Alitalia den Kredit nicht zurück?

Weil Alitalias Kassen leer sind und das Unternehmen weiter täglich 1,2 Millionen Euro verliert. Was außerdem immer wieder vergessen, oder nicht gesagt wird, ist, dass zu den 900 Millionen Euro auch zehn Prozent Zinsen dazugerechnet werden müssen. Es sind also fast eine Milliarde Euro, die die Fluggesellschaft mittlerweile dem italienischen Steuerzahler schuldet.

Aber, es wurden doch drei Sonderverwalter berufen, um Alitalia abzuwickeln.

Ja, die Aufgabe dieser Sonderkommissare wäre gewesen, die Fluggesellschaft so schnell wie möglich zu verkaufen. Dafür wurde ja ursprünglich auch der Kredit gewährt. Es hätte wie bei Air Berlin verlaufen sollen. Entweder das gesamte Alitalia-Paket an den besten Anbieter verkaufen oder stückweise.

Und warum ist das bis heute nicht geschehen?

Weil die Verhandlungen jedes Mal ins Endlose gezogen wurden. Weil sich die Politik immer wieder eingemischt hat, als würde die Fluggesellschaft ihr gehören. Und wenn sich ein Interessent gemeldet hat, wie im Fall von Lufthansa, dann durchkreuzte ein Politiker die Pläne, mit der Begründung, die vorgesehenen Kostenersparnisse, sprich die Personalkürzungen, könne er nicht verantworten.

Laut Medienberichten plant die jetzige Regierung einen Teil oder sogar den ganzen Betrag des fälligen Kredits, in eine staatliche Beteiligung zu verwandeln.

Die Idee, mit der der Arbeitsminister und Vorsitzende der Fünf-Sterne-Bewegung Luigi Di Maio spielt, ist folgende: Eine neue Gesellschaft gründen, mit einem Startkapital von zwei Milliarden Euro die Alitalia und die rentablen Teile aufkauft. Die Flugstrecken, die Flotte und natürlich auch das ganze Personal. Der Rest, also die drei Milliarden Euro Schulden sollen wiederum in eine Bad Company fließen, die dann von den drei Sonderkommissaren abgewickelt werden müsste. Für die vielen oft auch kleinen Lieferanten wäre das ein Desaster, denn von den Rechnungen die Alitalia noch nicht bezahlt hat, würden sie nur einen Bruchteil erstattet bekommen.

Und wer soll die zwei Milliarden Euro in die neue Gesellschaft stecken?

Das kommt aus der Staatskasse, also vom Steuerzahler, von der italienischen Bahn Ferrovie dello Stato, die zu 100 Prozent dem Staat gehört, und vielleicht auch von der Post.

Das Ziel ist eine komplette Verstaatlichung? Und was wäre dann mit eventuellen Interessenten, wie Easy Jet oder Delta Airlines?

Na ja, ob Alitalia komplett verstaatlicht werden soll, weiß die Regierung selber noch nicht. Di Maio spricht auch vom Einstieg eines privaten Investors. Was zumindest im Moment sicher erscheint ist, dass der Staat 51 Prozent der Anteile halten will. Und da stellt sich aber die Frage, welcher Privatinvestor steigt als Juniorpartner in ein von der italienischen Regierung kontrolliertes Unternehmen ein?

Die staatliche Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello Stato soll schon ein Kaufangebot gemacht haben, wenngleich noch ein unverbindliches. Die Idee stößt aber auf viel Skepsis und auch Sie halten nicht viel davon. Warum?

Wenn man den Luft- und Bahntransport integrieren möchte, geht das auch ohne, dass die Bahn die Fluggesellschaft aufkauft. Frankfurt mit seinem AiRail (eine Kooperation von Lufthansa, Bahn und Fraport) ist der beste Beweis dafür. Und Trenitalia, das Bahnunternehmen von Ferrovie dello Stato, hat erst im August ein Abkommen in diesem Sinn mit der Emirates Fluggesellschaft abgeschlossen. Warum also eine Fluglinie kaufen, die allein in diesem Jahr 450 Millionen Euro verlieren wird, anstatt das Geld für die Dienstleistungen Zugunsten der Pendler zu verwenden, die jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit fahren?

Aber würde die EU diesem Kauf überhaupt zustimmen?

Wenn sich der Staat wie ein ganz normaler Anteilseigner verhält schon. Nur gerade da könnte der Haken sein. Denn der Staat dürfte nicht beliebig Geld in das Unternehmen pumpen. Das wäre Wettbewerbsverzerrung. Außerdem las man unlängst, dass die Cassa depositi e prestiti (ein italienisches Kreditinstitut, das vornehmlich in öffentliche Vorhaben investiert) eventuell in ein Flugzeug-Leasing Unternehmen investieren könnte. Denn zu Alitalias Problemen zählt auch, dass es zum Großteil nur über eher kleinere Maschinen verfügt. Von den großen Boeing 777 besitzt es nur elf Stück. Also müsste man in den Kauf oder ins Leasing dieser investieren. Doch auch das neue von CdP finanzierte Leasing-Unternehmen müsste Alitalia die Maschinen zum Marktpreis zur Verfügung stellen. Und wenn das so ist, dann verstehe ich nicht, warum man sich nicht gleich an die schon bestehenden Firmen wendet.

Mit Andrea Giuricin sprach Andrea Affaticati

Quelle: ntv.de