Wirtschaft
Feiernde im Berliner Club "Cassiopeia"
Feiernde im Berliner Club "Cassiopeia"(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 03. Dezember 2016

Über die Wirtschaft der Technoszene: "Wird es zu groß, verliert es den Reiz"

In den 1980er-Jahren geschehen sonderbare Dinge in Berlin. Eine Musik findet ihren Weg in die Diskotheken, die es bis dahin nicht gab. 30 Jahre später ist Berlin die deutsche Hauptstadt der Technoszene geworden. Jährlich reisen rund vier Millionen Menschen an die Spree - nur um zu Feiern. Warum diese Subkultur, die Berlin elementar geprägt hat, aber gerade in dieser Stadt und nicht in Hamburg, Köln, München oder im Ruhrgebiet so groß geworden ist, erklärt Jan-Michael Kühn, der das Thema wissenschaftlich untersucht hat, im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Wie kam Techno nach Berlin?

Jan-Michael Kühn: Techno als Tanzmusik kommt ja nicht ursprünglich aus Berlin, sondern ist in den USA Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger in New York und Chicago entstanden und dann nach Europa rübergeschwappt. Das heißt, die Musik war schon halbwegs populär, bevor es in Berlin eigentlich losging. Mitte der Achtziger gab es auch schon die ersten Technoparties zum Beispiel in Frankfurt. Im geteilten Berlin gab es zu der Zeit eine Radiosendung beim SFB (Sender Freies Berlin) mit Monika Dietl, in der Techno regelmäßig vorgestellt wurde. Und das wurde von einigen Menschen aufgeschnappt und im Westen entstanden erste kleine Discotheken, in denen das manchmal gespielt wurde. Eine wirkliche Technoszene gab es damals aber nicht. Und im Osten haben die Leute eben Tapes mitgeschnitten, weil die konnten ja auch SFB hörten.

Das Berliner Nachtleben in Zahlen

Die Clubbesitzer und Partymacher der Hauptstadt lassen sich ungern in die Kasse schauen. In den Clubs der Stadt wird Nacht für Nacht viel Geld gemacht - oder eben verbrannt. Ein paar Daten gibt es - die sind allerdings recht veraltet, lassen aber Schlüsse über die aktuellen Zustände zu.

  • Nach einer Studie der Berliner Tourismusagentur "Visit Berlin" aus dem Jahr 2007 beschäftigen die über 300 Berliner Clubs rund 8000 Menschen. Inzwischen dürfte die Zahl deutlich höher liegen.
  • Von den rund zwölf Millionen Touristen, die 2015 nach Berlin kamen, besuchten rund ein Drittel, also etwa vier Millionen Menschen, die Stadt nur wegen des Nachtlebens.
  • Das "Wall Street Journal" schätzte den Umsatz der Szene in einem Artikel aus dem Jahr 2011 auf rund eine Millarde Euro jährlich.

Gab es keinen wirklichen Punkt, an dem die Musik plötzlich in der Stadt ankam?

Nein, genau. Das waren viele Konstellationen, die dazu geführt haben. Aber wichtig ist sicherlich die Sendung beim SFB. Ausschlaggebend war dann, dass die ersten Clubs wie zum Beispiel das Ufo oder der Tresor entstanden sind. Erst in solchen Läden wurde aus der Musik eine echte Clubkultur gemacht. Also zusammenfassend kann man sagen: Mitte der 80er gab es die Musik hier schon und wurde in Diskotheken gespielt, auch mal einen ganzen Abend lang. Eine richtige Clubkultur kam dann mit Läden wie dem Ufo oder dem Tresor.

Das war also zu einer Zeit, zu der Techno als Musik noch ziemlich jung war. Warum hat Techno ausgerechnet den Weg nach Berlin gefunden? Mal abgesehen von Frankfurt, wo es ja auch schon eine Szene gab, warum ist das nicht in Köln, Hamburg passiert?

Die typische Antwort wäre jetzt zu sagen, dass es in Berlin nach der Wende diese berühmten Freiräume gab, also irgendwelche Industrieräume oder Keller, die zu Clubs umfunktioniert wurden.

Aber Brachflächen und Freiräume gab es ja in anderen Städten auch.

Ja, das ist auch noch nicht alles. Wenn man das verstehen will, muss man eigentlich schon nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges anfangen. Nach dem Krieg wurde Westberlin zur entmilitarisierten Zone. Sprich: Hier musste man keinen Wehrdienst leisten. Das hat viele Leute angezogen. Also politisch Aktive, Künstler, Kreative, die keine Lust auf Militär hatten. Und das ist eigentlich der Beginn einer Subkultur, die einzigartig ist. Genauso war es auch im Osten, wo sich etwa in einem Viertel wie Prenzlauer Berg viele regimekritische Leute und Künstler ansiedelten, die eine größere Nachfrage nach alternativer Popkultur hatten. Also gab es schon vor '89 auf beiden Seiten der Mauer Leute, die nicht den üblichen Krimskrams essen und hören wollten. Und die zweite wichtige Entwicklung war, dass kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin die Sperrstunde gefallen ist. Berlin war dann die erste deutsche Großstadt, in der man schon damals praktisch durchfeiern konnte. So sind wichtige Milieus entstanden, in denen eine Musik wie Techno überhaupt erst interessant werden konnte.

Inzwischen hat sich Berlin zu einer Art Hauptstadt der Szene entwickelt. Welche Bedeutung hat die Szenewirtschaft für die Stadt?

Die Bedeutung ist immens. Die Musikkultur ist ein Ort für viele junge Menschen geworden, die sich ausleben wollen, die kreativ sein wollen und die nicht direkt in ein Standardleben mit bürgerlichem Berufsalltag übergehen möchten. Und die Anzahl derer ist ständig gewachsen und das hatte ganz entscheidende Ausstrahlungseffekte auf andere Branchen, also zum Beispiel die Modebranche, die Kunstszene. Wären diese Menschen hier damals und auch heute nicht hingekommen, würde es diese ganze Kultur- und Musikindustrie heute auf dem Niveau in Berlin nicht geben.

Also hat die Technoszene die Kreativen in die Stadt gelockt?

Ja, ganz klar.

Jan-Michael Kühn ist in Berlin aufgewachsen, hat selbst jahrelang in Clubs aufgelegt und nebenher Soziologie studiert. Bereits 2010 beschäftigte er sich in seiner Diplomarbeit mit elektronischer Tanzmusik. 2016 verfasste er die Dissertation mit dem Titel "Die Wirtschaft der Techno-Szene: Arbeiten in einer subkulturellen Ökonomie".
Jan-Michael Kühn ist in Berlin aufgewachsen, hat selbst jahrelang in Clubs aufgelegt und nebenher Soziologie studiert. Bereits 2010 beschäftigte er sich in seiner Diplomarbeit mit elektronischer Tanzmusik. 2016 verfasste er die Dissertation mit dem Titel "Die Wirtschaft der Techno-Szene: Arbeiten in einer subkulturellen Ökonomie".

Die Berliner Technoszene ist in deinen Worten etwas ziemlich Einzigartiges. Ist sich die Politik der Einzigartigkeit dieses Faktors bewusst?

Jahrelang nicht. Und es gab immer wieder Akteure, die versucht haben, der Politik das bewusst zu machen. Es ist auch ein bisschen zwiespältig, weil diese Szenewirtschaft eigentlich nur als Subkultur funktioniert. Einerseits zieht die Szene viele Leute an und bräuchte hier und da sicherlich auch politische Rückendeckung. Andererseits würde sie dadurch auch umarmt durch die Stadt und eingeengt und würde dadurch auch ihren Reiz verlieren. Es ist eben kein Wirtschaftszweig, der wie andere Branchen funktioniert.

Andere Branchen streben nach Wachstum. In der Wirtschaft der Technoszene scheint es erstrebenswert zu sein, ein Geheimtipp zu bleiben. Ist das nicht ökonomisch ein Widerspruch?

Man kann den Aspekt der Subkultur eben aus der Szenewirtschaft nicht entfernen. Die Musikkultur ist natürlich auch eine kommerzielle Kultur, die davon lebt. Es ist aber auch eine Kultur, die, wie ganz oft in Kunst und Kultur, nicht zu stark kommerzialisiert werden kann, weil sonst ihr Reiz stirbt. Die Technoszene lebt von den dunklen Clubs, den Effekten, von der harten Musik, auch davon, dass Leute Drogen konsumieren. Dieses Erlebnis für die Menschen zu produzieren, funktioniert nur in einem bestimmten Rahmen. Sobald du diesen Rahmen sprengst und das ganze zu groß aufziehst, wird es was anderes und es verliert den Reiz.

Ist die Loveparade in Berlin so ein Beispiel dafür?

Ja, die Loveparade ist das Beispiel dafür - und für die Ambivalenz. Die Loveparade hat ja auch eine riesige Leistung gehabt für die Clubkultur und die Stadt Berlin. Und es zeigt auch, wie einige Akteure das aus Leidenschaft gemacht haben und auch eine Botschaft rüberbringen wollten und andere diese Botschaft dann aber eher lächerlich fanden. Und Loveparade und Clubkultur sind schon realtiv früh getrennte Wege gegangen, weil es dann bei der Loveparade irgendwann darum ging, möglichst viele Menschen – egal wen – für die Musik zu begeistern, Medien anzuziehen, die Politik hat die Musik instrumentalisiert. Und das hat der Loveparade am Ende das Genick gebrochen. Das Finale war dann in Duisburg, als Menschenleben für kommerzielle Zwecke starben.

Mit Jan-Michael Kühn sprach Benjamin Konietzny

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Quelle: n-tv.de