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Klare Regeln fürs Homeoffice Corona lässt sich nicht per Appell bekämpfen

Polizisten gehen über den ansonsten weitgehend leeren Alexanderplatz in der Hauptstadt. Foto: Michael Kappeler/dpa/Aktuell

Ohne Verbindlichkeit und Kontrollen geht es nicht.

(Foto: Michael Kappeler/dpa/Aktuell)

Der Kampf gegen die Pandemie kann nur mit klaren Regeln gelingen. Die Politik muss diese setzen und Verantwortung dafür übernehmen. Appelle, wie die unverbindliche Bitte an Unternehmen, Mitarbeiter möglichst ins Homeoffice zu schicken, sind feige und bringen nichts.

Während die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin einige Bereiche der Wirtschaft wie Gastronomie und Teile des Einzelhandels drastisch einschränken, belassen sie es beim Thema Homeoffice beim unverbindlichen Appell: Soweit es denn möglich sei, sollten Arbeitgeber doch bitte ihre Büroangestellten von Zuhause aus arbeiten lassen. Solche Bitten bringen nur wenig. Außerdem sind sie feige. Denn sie schieben die Entscheidung privaten Unternehmern zu. Und diese können dieser Verantwortung gar nicht gerecht werden.

Wenn Politiker das Homeoffice als entscheidend für die Pandemiebekämpfung erachten, ist es ihre Aufgabe, verbindliche Regeln für die Arbeit in Büros zu erlassen, deren Einhaltung zu überprüfen und Verantwortung für die dadurch entstehenden wirtschaftlichen Schäden zu übernehmen. Dasselbe gilt für alle freiwilligen Maßnahmen, die den Betrieb einschränken - und zugleich Kosten und Risiko den Unternehmen überlassen.

Sobald es ans Geld geht, sinkt auch bei Unternehmen die Bereitschaft, freiwillig noch mehr zur Pandemiebekämpfung beizutragen als gesetzlich gefordert. Von Unternehmern, gerade in kleineren Betrieben, wird seit Beginn der Corona-Krise viel verlangt: von Hygienekonzepten bis zu Betriebsschließungen. Für viele geht es um die Existenz. Da versuchen verständlicherweise einige, die Regeln möglichst großzügig zu den eigenen Gunsten auszulegen. Manche versuchen, sie zu umgehen.

Angst vor Umsatzverlust größer als vor Kontrollen

Sogar aus Arztpraxen wird berichtet, dass manche Mediziner ihre Mitarbeiter bewusst nicht wie empfohlen in kurzen Abständen testen lassen - aus Sorge, Corona-Fälle zu finden und die Praxis schließen zu müssen. Immer noch "vergisst" mancher Lebensmittelhändler in Berlin, die Kunden in seinem Laden zu zählen, um die vorgeschriebene Höchstzahl pro Quadratmeter nicht zu überschreiten. Die Sorge vor Umsatzverlusten ist offenbar größer als die vor Kontrollen. Fehlende Kontrollen führen zusätzlich dazu, dass Regeln als unfair empfunden werden. Halten sich nicht alle daran, sind die anderen die sprichwörtlich ehrlichen Dummen.

Unternehmer, die brav die Corona-Regeln oder Appelle befolgen, müssen in den meisten Fällen die Kosten dafür allein tragen. Verstoßen sie gegen Appelle oder Verbote, die kaum überprüft werden, profitieren sie davon geschäftlich. Allerdings beeinträchtigt das die Pandemiebekämpfung, diesen Schaden trägt die Allgemeinheit. Wer Firmen die Wahl lässt, darf sich nicht wundern, dass viele Unternehmer sich für die zweite Variante entscheiden. Hinzu kommt, dass das Infektionsrisiko und die Rolle des eigenen, kleinen Betriebs für die Dynamik der Pandemie häufig unterschätzt wird.

Wie in anderen Bereichen müssen Politiker auch fürs Homeoffice klare Regeln definieren, beispielsweise einen Anteil von Mitarbeitern, der noch ins Büro darf, oder eine Höchstzahl von Menschen pro Quadratmeter. Für Unternehmen, in denen solche Vorschriften nicht angewendet werden können, müssen Ausnahmen definiert werden. Sollte ein Unternehmen durch zusätzliche Kosten - mögliche Einsparungen durch weniger benötigte Büros können ja oft nicht kurzfristig realisiert werden - in Bedrängnis geraten, müssen dafür Hilfen bereitgestellt werden. Wollen Politiker das alles nicht, dann können sie auch nicht erwarten, dass eine signifikante Zahl von Büroarbeitern nach Hause geschickt wird, wenn das dem Interesse des jeweiligen Unternehmens nicht entspricht.

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Wirtschaftsvertreter warnen derweil vor weiteren Verboten. Aber verbindliche Vorschriften, so eng wie nötig und so locker wie möglich, sind gerade für die Unternehmen wichtig. Diese Regeln müssen für alle gelten und tatsächlich überprüft werden. Außerdem muss der Schaden zumindest zum Teil ausgeglichen werden.

Dadurch erspart der Staat den Unternehmern die verhängnisvolle Abwägung zwischen dem eigenen Interesse und dem Allgemeinwohl. In Ausnahme-Situationen wie dieser ist es Kern-Aufgabe des Staates, Verantwortung zu übernehmen.

Quelle: ntv.de

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