Marktberichte

"Da muss jetzt etwas kommen" Dax schließt im Plus

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Das Ergebnis eines Tages der Spekulationen und Wendungen: Die Dax-Kurve vor dem Wochenende.

(Foto: REUTERS)

Die vollmundigen Bekenntnisse führender Europa-Politiker zum Euro nähren an den Aktienmärkten Spekulationen auf durchschlagende Maßnahmen zur Eindämmung der Schuldenkrise. Paris und Berlin schließen sich dem Draghi-Schwur an. Europaweit drehen die Kurse ins Plus. Der Dax beendet die Woche voll der Hoffnung.

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"Und glauben sie mir, das wird reichen": Draghi weckt Erwartungen im Multimilliardenbereich - und riskiert heftiges Enttäuschungspotenzial.

(Foto: REUTERS)

Die Hoffnung auf stützende Anleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB) und halbwegs solide Konjunkturdaten aus den USA haben dem deutschen Aktienmarkt zum Wochenschluss weiter Auftrieb gegeben. Nach einem freundlichen Start und früh einsetzenden Gewinnmitnahmen arbeitete sich der Dax am Nachmittag wieder in positives Terrain vor und verbuchte zum Handelsende einen Aufschlag von 1,62 Prozent auf 6689,40 Punkte. Das Tageshoch liegt bei 6690,43 Zählern, das Tagestief bei 6513,97 Punkten. Auf Wochensicht legte der Leitindex damit um rund 0,9 Prozent zu. Der MDax gewann vor dem Wochenende 1,23 Prozent auf 10.854,74 Punkte. Der TecDax notierte zum Wochenschluss 0,69 Prozent fester bei 777,93 Punkten.

Händlern zufolge hält sich am Markt weiterhin die Hoffnung auf ein Eingreifen der EZB. "Hiervon dürften die Märkte mindestens noch bis zur kommenden Woche weiter zehren", sagte Frank Schneider von der Alpha Wertpapierhandelsbank. Die Aussagen von EZB-Präsident vom Vortag wurden von der deutschen und französischen Politik bekräftigt. Im Anschluss an ein Telefonat betonten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande in einer gemeinsamen Erklärung, sie seien "entschlossen, alles zu tun, um die Eurozone zu schützen."

Die französische Zeitung "Le Monde" berichtete zudem ohne Angabe von Quellen, dass sich die EZB auf den Kauf von spanischen und italienischen Staatsanleihen vorbereite. Gestützt habe die deutschen Indizes auch, dass die Wirtschaft der USA im zweiten Quartal etwas stärker zugelegt hatte als von Volkswirten erwartet worden war. An der Wall Street selbst löste die erste Schätzung zum BIP im zweiten Quartal dagegen wenig Begeisterung aus.

An der Wall Street lag der US-Standardwerteindex Dow Jones bei Börsenschluss in Deutschland 0,8 Prozent im Plus. Die Renditen der zehnjährigen spanischen und italienischen Anleihen gingen auf 6,768 beziehungsweise 5,968 Prozent zurück und lagen damit jeweils rund einen Prozentpunkt unter ihren Rekordhochs der Wochenmitte. Der Eurostoxx50 zog 2,1 Prozent auf 2298,05 Zähler an. In Paris schloss der Cac-40-Index ebenfalls kräftig im Plus, und auch der Londoner FTSE 100 rückte vor.

Bei den Dax-Unternehmen gehörten Linde zu den Favoriten. Der Gase-Hersteller sieht sich trotz der weltweiten Konjunkturabkühlung für das Gesamtjahr . Die Ertragskraft des Unternehmens bleibe hoch, lobte Analyst Ralf Grönemeyer von Silvia Quandt Research. Die Papiere verteuerten sich als einer der besten Dax-Werte um 2,97 Prozent.

Besonders gesucht waren vor dem Wochenende die Aktien von ThyssenKrupp: Die Papiere des Stahlkonzerns verteuerten sich an der Index-Spitze um 4,4 Prozent. Die Titel von MAN und Deutsche Bank zogen - getragen von der neu aufkeimenden Zuversicht - um jeweils mehr als 3 Prozent an. BMW, Daimler und Allianz gewannen je 2,8 Prozent.

Die Aktien der Deutschen Börse - am Vortag noch deutlich im Plus - litten dagegen unter zahlreichen Analystenkommentaren mit Kurszielsenkungen und waren mit minus 1,96 Prozent Dax-Schlusslicht.

Im MDax sprangen die Titel des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS nach einem überraschend guten Ergebnis und einer angehobenen um 5,34 Prozent an die Index-Spitze. Die Flugzeugtochter Airbus, aber auch die anderen Sparten des Konzerns, hätten zu den exzellenten Zahlen beigetragen, urteilte Commerzbank-Analyst Stephan Böhm. Der Aktienkurs von Rhön-Klinikum verlor indes nach gekappten Jahreszielen des Krankenhausbetreibers 2,02 Prozent.

Im Eurostoxx50 waren Nokia sehr gefragt. Die Hoffnung auf neue Smartphones auf Basis des Betriebssystems Windows Phone trieben den Aktienkurs des finnischen Handy-Herstellers 8,7 Prozent in die Höhe.

Die Papiere des HeidelbergCement-Konkurrenten St. Gobain brachen dagegen angesichts eines pessimistischen Ausblicks für die zweite Jahreshälfte um 10,7 Prozent ein. Die Papiere von Lafarge zogen dagegen trotz eines Gewinneinbruchs um 5,3 Prozent an. Der französische Zement-Hersteller hatte seine Ziele bekräftigt. HeidelbergCement schlossen 2,8 Prozent im Plus. Der Konzern will am Dienstag Geschäftszahlen vorlegen. Analysten rechnen mit einem Umsatz- und Gewinnplus.

Bundesbank sträubt sich gegen Draghi

Kritische Einlassungen der Deutschen Bundesbank sorgten am deutschen Aktienmarkt zeitweise für ausgiebige Verkäufe. Ein Sprecher wiederholte , dass sie Anleihekäufen der EZB kritisch gegenüberstehe. Am kommenden Donnerstag treffen die Ratsmitglieder der EZB zu einer Sitzung zusammen, um über die Zinsen in der Eurozone zu entscheiden. Analysten rechnen damit, dass Draghi in der anschließenden Pressekonferenz seine jüngsten Andeutungen konkretisieren wird. Sollte er mit seinen Signalen unter den hochgespannten Erwartungen an den Märkten bleiben, muss mit erheblichen Kursreaktionen gerechnet werden.

"Draghi hat die Geister gerufen, da muss jetzt auch etwas kommen von der EZB", sagte ein Börsianer. "Wahrscheinlich wird sie erst einmal italienische und spanische Anleihen kaufen." Citigroup-Anlagestratege Steven Englander warnte dagegen vor überzogenen Erwartungen. "Unter Investoren herrscht nach wie vor einige Skepsis, ob und wie die EZB handeln wird."

Hochgesteckte Erwartungen

Falls die Notenbank im Anschluss an ihre Ratssitzung in der kommenden Woche inaktiv bleibe und nicht einmal konkrete Hinweise auf zukünftige Aktionen gebe, werde dies die Kurse belasten, betonte Englander. "Denn dies würde die Einschätzung bestärken, dass der politische Prozess nicht funktioniert."

Vor diesem Hintergrund konnte das gemeinsame Euro-Bekenntnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande den Hoffnungen auf eine Überwindung der Schuldenkrise kräftig neuen Auftrieb verleihen. Die europäischen Aktienmärkte setzten ihren Erholungskurs fort. Investoren griffen auch zu Staatsanleihen krisengeschüttelter Staaten wie Spanien oder Italien. Der kletterte zeitweise auf ein Drei-Wochen-Hoch von 1,2377 Dollar. Als unmittelbarer Auslöser für den neuerlichen Auftrieb verwiesen Beobachter auf die gemeinsame Erklärung von Merkel und Hollande.

"Das klingt genauso wie die Aussage des EZB-Chefs Mario Draghi", kommentierte ein Börsianer die Aussage der beiden führenden Euro-Politiker. "Ich interpretiere die Äußerungen dahingehend, dass Deutschland seinen Widerstand gegen die Bekämpfung der Schuldenkrise mit noch mehr Schulden langsam aufgibt." Am Donnerstag hatte EZB-Chef Mario Draghi unter anderem gesagt: "Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten."

Geithner besucht Schäuble auf Sylt

Ein Treffen zwischen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem Amtskollegen aus den USA bot Nährboden für Spekulationen um einen möglicherweise transatlantisch erweiterten Ansatz zur Bekämpfung der Schuldenkrise. Schäuble wird am kommenden Montag mit Timothy Geithner zusammenkommen. Geithner besucht Schäuble an seinem Urlaubsort auf Sylt, wie aus einer Mitteilung des deutschen Finanzministeriums hervorgeht.

Über die Inhalte des Gesprächs wurde zunächst nichts bekannt. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich Geithner aus erster Hand von Schäuble über die jüngsten Entwicklungen in der Euro-Schuldenkrise informieren lassen will. Im Anschluss an die Unterredung ist ein Pressetermin geplant.

Am Rentenmarkt stieg die durchschnittliche Rendite der börsennotierten Bundeswertpapiere von 1,01 Prozent am Vortag auf 1,06 Prozent. Der Rentenindex Rex fiel um 0,26 Prozent auf 134,65 Punkte. Der Bund-Future sank um 0,49 Prozent auf 143,18 Punkte.

Der Euro-Kurs setzte seinen Höhenflug vom Vortag fort. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte am Nachmittag den Referenzkurs auf 1,2317 (Donnerstag: 1,2260) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8119 (0,8257) Euro.

Quelle: ntv.de, mmo/DJ/dpa/rts

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