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Die WissenschaftlerinAmelie Reigl züchtet Haut und kennt den Schlüssel zu all unseren Problemen

17.10.2026, 11:16 Uhr imageVon Sabine Oelmann
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Amelie Reigl wollte im Kindergarten bereits Meeresbiologin werden, hat dann aber die Biologie - und vor allem die menschliche Haut - für sich entdeckt. (Foto: Marco Abesser)

Amelie Reigl ist Gründerin und CEO des Würzburger Biotech-Startups "TigersharkScience". Das Unternehmen entwickelt in-vitro-Hautmodelle als Alternative zu Tierversuchen und stellt damit humanrelevante Testverfahren für die Kosmetik-, Pharma- und Chemiebranche bereit. ntv.de wollte wissen, was genau sie in ihrem Labor macht. 

Unter dem Namen "@diewissenschaftlerin" engagiert sich die Gründerin und CEO des Würzburger Biotech-Startups "TigerShark Science", Amelie Reigl, für Wissenschaftskommunikation und erreicht über Social Media mehr als 400.000 Menschen. Eine beachtliche Zahl. Wenn man Amelie Reigl jedoch zuhört, dann findet man vieles plötzlich sehr viel interessanter. "Wir wollen euch mit auf unsere Reise und in unser Labor nehmen, denn Wissenschaft geht uns alle an! Wissenschaft darf nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sie gehört in die Mitte der Gesellschaft", postet sie auf Instagram, und ja, man klickt drauf. 

Reigl erklärt: "Wir züchten menschliche Haut im Labor, um Tierversuche zu reduzieren. Und eine bessere Forschung für die Pharma- und Kosmetikindustrie zu ermöglichen." Sie sagt das so, als wäre es das Normalste der Welt. Für sie ist es das auch: "Wir haben unterschiedliche Hautmodelle im Labor, und können darauf dann die Testungen durchführen. Cremes und Medikamente können wir zusammen mit den Unternehmen dadurch schneller entwickeln und auch die Tierversuche reduzieren."

Sie brennt für ihr Thema, so viel ist klar. Mit ihrem "TigerShark Sciences"-Team arbeitet sie aber nicht nur an der Reduzierung von Tierversuchen, sondern will die gezüchtete menschliche Haut möglichst multipel einsetzen. "Wir arbeiten mit Hochdruck, denn wir möchten Hauttransplantate auch für Therapien ermöglichen. Dafür brauchen wir aber noch eine Menge Studien, Zeit - sechs bis acht Jahre, bis es dann wirklich beim Patienten landen kann - und um die 20 Millionen." Sie ist zuversichtlich - im Einwerben von Fördermitteln ist Reigl bereits Profi. 

Dass für das Produkt ihres Unternehmens ein großer Bedarf besteht, wurde spätestens bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana Anfang dieses Jahres deutlich: Eine Woche nach der Brandkatastrophe in dem Schweizer Skiort hatten Zürcher Spitäler von einem Lieferanten 9,3 Quadratmeter Spenderhaut für Brandopfer erhalten - die Haut von toten Spendern.

Spenderhaut wird in solchen Fällen als temporärer Hautersatz eingesetzt, um die Wunden schwer Brandverletzter zu schützen, Infektionen zu verhindern und die Heilung zu unterstützen, bis das Einsetzen körpereigener Haut möglich ist. Künstlich gezüchtete Spenderhaut könnte den Bedarf künftig verringern - sofern sich entsprechende Transplantate sicher und in großem Maßstab herstellen lassen.

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Sie macht hochkomplexe, wissenschaftliche Tatsachen instagrammable: Amelie Reigl. (Foto: Amelie Reigl)

Aber wie entsteht gezüchtete menschliche Haut? "TigersharkSciences" arbeitet mit menschlichen Stammzellen der Europäischen Stammzellenbank. "Die kann man dort tatsächlich kaufen", so Reigl, "das heißt, wir kaufen unterschiedliche Altersgruppen, Geschlechter und unterschiedliche Hauttypen."

Normalerweise wird in der Pharmaindustrie an einem männlichen, weißen Hautmodell geforscht, "wir haben aber auch weibliche Hautmodelle", betont sie. Bei Stammzellen steht jedoch immer die Frage im Raum: Darf man das überhaupt? "Wir nutzen keine embryonalen Stammzellen, sondern induzierte pluripotente Stammzellen", erklärt sie ntv.de.

Für diese Technik gab es bereits 2012 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. "Die Forscher hatten entdeckt, dass man reife, spezialisierte Körperzellen aus jeglicher Zelle des Körpers entnehmen und zu einer Stammzelle zurückprogrammieren kann", so Reigl. Diese Stammzelle hat die Eigenschaft, dass sie sich dann wieder in Körperzellen entwickeln lassen kann: "Das heißt, wir nehmen die Stammzelle, machen daraus Hautzellen und können unser Hautmodell aufbauen."

Klingt ein bisschen wie "Mein erster Chemiebaukasten", ist aber weit mehr: "Meine allererste Vorlesung in Würzburg hat mein späterer Doktorvater Prof. Dr. Florian Groeber-Becker gehalten. Er hat darüber gesprochen, dass es Hautmodelle gibt, die man im Labor züchten kann." Das waren noch sehr einfache Hautmodelle, aber Amelie Reigl wusste in diesem Moment, dass sie etwas in der Richtung machen möchte. Ihre Master- und auch Doktorarbeit hat sie daraufhin bei ihrem allerersten Professor geschrieben.

"Und letztendlich haben wir dann sogar zusammen mit Dr. Dieter Groneberg ausgegründet. Ich habe neben meiner Doktorarbeit an der Universität Würzburg die Hautmodelle am Fraunhofer-Institut, die es bereits in einfacher Form gibt, weiterentwickelt, sodass sie viel realistischer sind, also unserer menschlichen Haut immer ähnlicher wurden."

Reigl ist sehr aktiv in den sozialen Medien, will ihren Followern die Wissenschaft möglichst einfach näherbringen. Sie postet aber auch: "Andere heiraten und bauen ein Haus in meinem Alter, ich habe mein eigenes Labor."

Muss man sich als junge Frau heute noch immer für das eine oder andere entscheiden? Das glaubt sie keinesfalls: "Ich habe mit Wissenschaftskommunikation auf Social Media angefangen, weil mir die Infos in dem Bereich gefehlt haben. Man findet alles - Schminktipps, Kinoempfehlungen, Rezepte, aber nichts zu den wissenschaftlichen Phänomenen, die uns umgeben. Und oft wurde ich gefragt, wie der Alltag einer Wissenschaftlerin ist, ich bin ja nicht nur ein Nerd", sagt sie lachend. "Ich benutze Lippenstift und mag es, mich gut anzuziehen, ich geh' ins Fitnessstudio und habe auch noch andere Interessen als meine Forschungen."

Reigl will zeigen, dass man auch in der Wissenschaft Spaß haben kann. Sie hält es aber auch für wichtig, zu den Themen Karriere, Familie und deren Vereinbarkeit Stellung zu nehmen. "Ich denke, in der Wissenschaft ist es, genauso wie in allen anderen Bereichen, immer noch schwieriger für Frauen. Im Studium waren 60 Prozent weibliche Studierende. Aber nicht alle sind zur Promotion gekommen. Von den Männern alle. Ich glaube dennoch daran, dass beides geht, denn das sehe ich bei zwei meiner Mentorinnen, Prof. Dr. Sina Bartfeld und Dr. Christine Schubert-Wagner. Es ist Zeitmanagement erforderlich, natürlich, aber es ist möglich. Und bei mir steht momentan keine Verlobung, Hauskauf oder Kind an (lacht), sondern das Labor, das Startup und die Wissenschaftskommunikation."

Auf Vorurteile trifft sie noch, und auch auf Männer, die ihr erklären wollen, wie ihr Job geht, aber das lacht sie weg. "Da hat sich viel geändert. Allein meine beiden Mitgründer sind ganz anders, die unterstützen mich extrem und ermutigen mich immer wieder." Mit ihnen hat Reigl bereits einige Awards gewonnen, wie den Bayerischen Gründerpreis, "und dann sagen die immer: Amelie, du machst das schon, oder? Du gehst auf die Bühne."

In den Führungspositionen sieht sie meist noch mehr Männer - aber auch immer mehr Väter, die die Care-Arbeit übernehmen. In ihrem Wissenschaftsbereich sind alle sehr supportiv, aber "immer, wenn ich in die Investoren- und Startup-Bubble eingetaucht bin, sieht es etwas anders aus. Da bin ich überwiegend von Männern umgeben. Wir haben nur ungefähr sieben Prozent Investorinnen und auf Startup-Events bin ich manchmal die einzige Frau, die pitcht, weil im Deep-Tech-Bereich dann die fünf Gründer stehen, die ein AI-Unternehmen aufbauen wollen."

Was sie wirklich stört, ist, dass Frauen auf jeden Fall noch immer sexualisiert werden. Manchmal sogar von anderen Frauen: "Frauen werden immer bewertet, und viele möchten das nicht. Deswegen lassen sie einiges von vornherein, wie auf einer Bühne stehen, veröffentlichen, sein. Dem trete ich entgegen mit meiner Arbeit und meinen Beiträgen auf Instagram und Co, und bekomme so viele Nachrichten von Mädchen und jungen Frauen, die schreiben, dass sie meinetwegen angefangen haben, wissenschaftlich zu arbeiten oder zu studieren." Dass andere sich ihretwegen etwas trauen, dass ihre Sichtbarkeit anderen hilft, ebenfalls sichtbar zu werden und etwas zu schaffen, macht die junge Wissenschaftlerin glücklich. 

Gerade war sie wieder nominiert für den Bold Future Award by Veuve Clicquot, der an aufstrebende Gründerinnen Anfang der Woche in der Berliner James-Simon-Galerie verliehen wurde. Sie hat den Preis nicht erhalten, dafür die ebenfalls nominierte Lena-Marie Pätzmann mit ihrem Team von "Sitegeist Robotics" (das Unternehmen entwickelt autonome, KI-gestützte und modulare Bauroboter, die gefährliche und körperlich belastende Arbeiten wie Betonabbruch, Sandstrahlen und Bohrarbeiten übernehmen können). "Stimmt, wir haben leider nicht gewonnen, aber für die Sichtbarkeit ist es trotzdem perfekt. Dass die Leute erfahren, was Frauen erfinden, entwickeln oder gründen ist einfach wichtig, und ich freue mich für Lena-Marie."  

Die Welt dreht sich immer schneller, und doch herrscht auch das Gefühl, dass wir gerade stehen bleiben, teilweise sogar rückwärtsgewandt sind. "Es ist manchmal überwältigend, weil es so viele Möglichkeiten gibt, gerade bei Technologien, wo man das Potenzial vielleicht noch gar nicht in seiner Gänze erkennen kann", sagt Amelie Reigl nachdenklich. Denn auf der anderen Seite habe sie das Gefühl, dass man vielem ganz schön hinterherhechelt und nicht alles wirklich mitbekommt: "Man ist nie auf dem neuesten Stand, weil binnen kürzester Zeit alles wieder anders ist. Wir haben sehr gute Technologien, sind ein extrem guter Wissenschaftsstandort in Deutschland - aber haben gefühlt für das Meiste trotzdem keine Lösung", stellt sie fest. Weil Wirtschaft und Politik nicht Hand in Hand gehen? "Ja", sagt sie, "aber ich versuche, positiv ranzugehen, denn letztendlich ist das ganze Leben einfach zu spannend (lacht). Und ganz ehrlich? Der Schlüssel für all unsere Probleme ist - die Wissenschaft!"

Quelle: ntv.de

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