Aufruhr in Nowosibirsk Kreml lässt Tausende Nutztiere wegen mysteriöser Seuche töten

Behörden in der russischen Region Nowosibirsk ordnen die Keulung von Tausenden Nutztieren an. Während die Regierung von Tollwut spricht, formiert sich bei den Bauern Widerstand. Es gibt den Verdacht, dass eine hochansteckende Krankheit vertuscht werden soll.
In der russischen Region Nowosibirsk sorgt eine angeblich "besonders gefährliche Krankheit" für Unruhe und wachsenden Widerstand. Seit Wochen lassen dort Behörden Tausende Nutztiere töten, oft ohne klare Begründung, wie mehrere Medien berichten. Kleinbauern sprechen demnach von existenzieller Bedrohung und gehen auf die Straße.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters hat die Regionalregierung inzwischen den Notstand ausgerufen, um den Ausbruch der mysteriösen Tierkrankheit einzudämmen. Dies solle eine "effektive Koordination der Maßnahmen" ermöglichen und die Bewegung von Tieren einschränken, zitierte die Agentur den Landwirtschaftsminister Andrej Schindelow.
Offiziell sprechen die Behörden von mehreren Ausbrüchen von Tollwut und Pasteurellose, einer bakteriellen Lungenentzündung. Insgesamt seien 5 Fälle von Pasteurellose und 42 Tollwutfälle registriert worden, berichtet Reuters. Beide Krankheiten erfordern jedoch nach gängigen Protokollen in der Regel keine flächendeckende Tötung ganzer Tierbestände.
Bauern zweifeln an offizieller Darstellung
Hier setzt die Kritik der Betroffenen an. Viele Landwirte berichten laut dem russischen unabhängigen Nachrichtenportal Meduza, ihre Tiere seien ohne sichtbare Krankheitssymptome getötet worden - oft ohne vorherige Tests oder schriftliche Anordnungen. Stattdessen sei lediglich vage von einer "besonders gefährlichen Krankheit" die Rede gewesen.
Die Maßnahmen erinnern nach Einschätzung einiger Experten eher an den Umgang mit der hochansteckenden Maul- und Klauenseuche. Diese würde tatsächlich eine Tötung aller Tiere im Umkreis eines Ausbruchs erfordern. Offiziell bestreiten die Behörden jedoch einen solchen Befund.
In den betroffenen Dörfern kursiert deshalb offenbar ein hartnäckiges Gerücht: Die Behörden könnten einen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche verschweigen, um den Export von Fleisch und Milchprodukten nicht zu gefährden, schreibt Meduza. Hinweise darauf sehen Kritiker unter anderem darin, dass auch Kamele getötet wurden - Tiere, die für diese Krankheit anfällig sind. Zusätzliche Brisanz erhält der Fall durch Berichte über Importstopps: Kasachstan und Belarus hätten bereits Beschränkungen für Produkte aus Teilen Sibiriens verhängt.
Proteste und Verzweiflung
Die Reaktionen der Bauern fallen entsprechend heftig aus. In mehreren Dörfern blockierten Bewohner Fahrzeuge, die zur Tötung der Tiere eingesetzt wurden. Laut Reuters kam es zu Konfrontationen mit Polizei und Behörden. Einzelne Demonstranten wurden kurzzeitig festgenommen. Besonders drastisch ist demnach der Fall der Bäuerin Swetlana Panina: Sie verlor rund 200 Tiere, als Behörden während ihrer Abwesenheit ihren Hof räumten. In einem von Reuters zitierten Video fragt sie einen Beamten: "Warum laufen Sie vor uns weg? Sie verstecken sich vor den Menschen!"
Für viele kleine Betriebe geht es um die wirtschaftliche Existenz. Vieh ist oft die wichtigste Einkommensquelle. Entsprechend groß ist die Wut über die Entschädigungen: Diese liegen laut Meduza deutlich unter dem Marktwert. Einige Landwirte greifen deshalb zu drastischen Mitteln und schlachten ihre Tiere selbst, bevor Behörden eingreifen - in der Hoffnung, zumindest einen Teil des Wertes zu retten.
Zusätzlichen Zündstoff liefert der Vorwurf, dass große Agrarbetriebe von den Maßnahmen weitgehend verschont bleiben. Betroffen seien vor allem kleine Höfe, berichten sowohl Meduza als auch Reuters. Die Behörden reagieren bislang vor allem mit Druck: Neben Festnahmen wird laut dem Nachrichtenportal auch von Einschüchterungsversuchen berichtet.
Welche Krankheit tatsächlich hinter den Maßnahmen steckt, bleibt weiterhin unklar. Der Kreml betont laut Reuters, in solchen Fällen seien schnelle Reaktionen notwendig. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte: "Es gibt Situationen, in denen rasches Handeln erforderlich ist." Für die betroffenen Bauern ist das nur wenig Trost. Sie wollen endlich den Grund für die Schlachtungen erfahren und Klarheit darüber, um welche angebliche Seuche es sich tatsächlich handelt.