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Vielfältige Ursachen, kaum Daten Berichte über Fehlbildungen häufen sich

Nach dem Bekanntwerden von Fehlbildungen bei mehreren Neugeborenen in Gelsenkirchen melden sich weitere Betroffene. Ob es einen Zusammenhang gibt oder ob es sich um Zufälle handelt, ist unklar. Denn mögliche Ursachen gibt es viele - Statistiken zu Fehlbildungen jedoch kaum.

"Warum hat es uns getroffen? Wir haben doch auf alles geachtet!" Das schießt Denise Hühn durch den Kopf, als sie von der Fehlbildung ihres Sohnes erfährt. Pepe kommt vor zwei Jahren ohne linke Hand auf die Welt. Warum, ist bis heute unklar. "Wir haben verschiedene Untersuchungen gemacht, ein Humangenetiker hat unsere Gene durchforscht", sagt Hühn im Interview mit RTL. "Aber da wurde nichts weiter festgestellt." Für die Ärzte ist die Sache deshalb klar: Die Fehlbildung ist eine Laune der Natur. Denise Hühn glaubt ihnen. Erst jetzt, wo sich andere betroffene Eltern melden, kommen ihr Zweifel. Könnte doch mehr dahinterstecken?

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Auch in einer Region Frankreichs häufen sich die Fälle von fehlgebildeten Babys. Dort wird diskutiert, ob Pflanzengifte schuld sein könnten (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwischen Mitte Juni und Anfang September kommen in einem Gelsenkirchener Krankenhaus gleich drei Säuglinge mit fehlgebildeten Händen zur Welt, das macht Hebamme Sonja Ligget-Igelmund vor wenigen Tagen öffentlich. Finger und Handteller der Babys sind an einer Hand nur rudimentär angelegt. Doch es bleibt nicht bei diesen Fällen. Nach ihrem Gang an die Öffentlichkeit melden sich viele weitere Betroffene aus ganz Deutschland bei der Hebamme, bislang etwa 30 Familien mit Kindern vom Säuglingsalter bis zu zehn Jahren, sagt Ligget-Igelmund RTL. Mit der Begründung, dass es sich dabei um eine Laune der Natur handele, wollen sich viele von ihnen nicht mehr zufrieden geben, sagt sie. "Ich habe schon Sorge, dass es an Umweltgiften, Umweltstoffen liegt. Ich kann da auch nur spekulieren und wünsche mir eine geregelte Aufklärung", so die Hebamme.

Genau diese Aufklärung braucht aber Zeit, sagt Arzt und Medizinjournalist Christoph Specht zu n-tv. "Die Möglichkeiten für Fehlbildungen sind extrem mannigfaltig. 60 Prozent der Ursachen bleiben ungeklärt", so Specht. Sich jetzt vorschnell auf eine mögliche Ursache einzuschießen, würde die Möglichkeit nehmen, die eigentliche Ursache zu erforschen, befürchtet der Mediziner: "Man muss da objektiv herangehen und das kostet leider etwas Zeit."

Medikament sorgte in 60ern für Medizinskandal

Denn tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die Fehlbildungen bei Babys auslösen können. So kamen in den 50er- und 60er-Jahren Tausende Kinder mit Fehlbildungen oder gar fehlenden Gliedmaßen und Organen zur Welt, nachdem ihre Mütter in der Schwangerschaft das Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten. Das Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid wurde damals gegen die typische morgendliche Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. In Frankreich dagegen spekuliert man, ob Pflanzengifte und Dünger Fehlbildungen bei Neugeborenen verursacht haben könnten - hier wurden im Verwaltungsbezirk Ain nordöstlich von Lyon zwischen 2000 und 2014 18 Babys mit Fehlbildungen der oberen Gliedmaßen geboren. Alle betroffenen Familien wohnen im ländlichen Raum, Beweise für einen Zusammenhang gibt es bislang jedoch nicht.

Und dann gibt es das Amniotische-Band-Syndrom, bei dem Geburtsschäden auf mechanischem Weg entstehen. Dabei bilden sich durch das Einreißen der Eihaut während der Schwangerschaft Stränge, die sich etwa um die Hand des ungeborenen Kindes legen und dort die Blutzufuhr abschnüren. "Zum einen ist es die Umwicklung und damit das Absterbenlassen des Fingers", sagt Pränataldiagnostikerin Christiane Otto n-tv. "Zum zweiten kommt es zum Zusammenkleben von Fingern, die dann auch nach der Geburt zusammengeklebt sind."

Was bei den betroffenen Familien in Gelsenkirchen zu den Fehlbildungen geführt haben könnte, ist unklar, Gemeinsamkeiten gibt es auf den ersten Blick nicht - es gibt weder ethnische noch kulturelle oder soziale Übereinstimmungen. Nur eines haben die Familien gemeinsam: Sie alle kommen aus dem lokalen Umfeld der Klinik. "Das mehrfache Auftreten mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig", schreibt das Sankt-Marien-Hospital Buer auf seiner Homepage. Viele Jahre habe es Fehlbildungen dieser Art in der Klinik überhaupt nicht gegeben.

Fehlbildungen in allen NRW-Kliniken angefragt

Ob die nun aufgetretenen Fälle eine statistisch relevante Häufung oder reiner Zufall sind, ist laut Specht noch nicht absehbar. "Wir neigen dazu, Muster zu sehen, auch wenn da keine sind", sagt er. Auch bei Zufällen könne es zu Häufungen kommen. "Wir brauchen Daten und die haben wir nicht", so Specht. Denn tatsächlich gibt es bislang kein detailliertes bundesweites Register, in dem Fehlbildungen erfasst werden. Laut einer Auswertung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen wurden 2017 6884 Kinder mit Fehlbildungen in deutschen Krankenhäusern geboren, das sind etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen. Informationen über die Art der Fehlbildung gibt es allerdings nicht. Hinzu kommen einige regionale Statistiken, die teils jedoch auf freiwilligen Meldungen beruhen.

Das betroffene Krankenhaus Gelsenkirchen hat nun Kontakt zu Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. Das Gesundheitsministerium von Nordrhein-Westfalen will alle Kliniken im Land nach ähnlichen Fehlbildungen abfragen. "Darüber hinaus nehmen wir Kontakt mit den Ärztekammern, dem Bund und den anderen Bundesländern auf, um möglichen Ursachen mit aller Sorgfalt nachzugehen", sagte eine Sprecherin auf dpa-Anfrage. Man nehme Berichte solcher Fälle "sehr ernst".

Für Familie Hühn ist das Leben mit der Fehlbildung mittlerweile Normalität. Pepe ist bis auf seine fehlende linke Hand kerngesund. "Wir sehen das gar nicht mehr, er macht ja alles ganz normal so wie jedes andere Kind", sagt Mutter Denise Hühn. Dass bei ihm etwas anders ist als bei anderen Kindern, bemerken bislang weder der Zweijährige noch seine Spielkameraden. "Aber wenn er größer wird, wird er danach fragen. Ich habe Angst, dass er deswegen geärgert wird", sagt Hühn. Sie hofft, dass nun zumindest die Ursachen erforscht werden.

Quelle: n-tv.de

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